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«Den Papierkrieg werde ich nicht vermissen»
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Stichwort Bürokratie, und der scheidende Luzerner FDP-Ständerat beginnt zu gestikulieren. (Bild: bra)

Ständerat Georges Theiler zieht Bilanz «Den Papierkrieg werde ich nicht vermissen»

6 min Lesezeit 13.11.2015, 05:12 Uhr

Der Luzerner FDP-Ständerat Georges Theiler hört nach 20 Jahren in der nationalen Politik auf. zentral+ trifft den 66-jährigen FDP-Politiker zum Gespräch, erfährt viel über Kapital im Parlament, den Bundesrats-Favoriten und warum er die Protokolle von manchen Sitzungen am liebsten Emil zur Verfügung stellen würde. 

Es sei für ihn wie der letzte Schultag. Mit gemischten Gefühlen geht der Luzerner FDP-Ständerat Georges Theiler durch die altehrwürdigen Gänge des Bundeshauses in Bern. Schluss, fertig, aus. Für ihn geht eine Ära zu Ende: seine 20-jährige Tätigkeit in Bundesbern.

Da schwingt viel mit: «Ich habe irgendwie Freude, dass ich etwas Neues anpacken kann. Und auf der anderen Seite schaue ich doch mit ein wenig Wehmut zurück. Eine wichtige Phase meines Lebens ist abgeschlossen.»

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«Den Umgang mit Kolleginnen und Kollegen werde ich vermissen – mit den meisten von ihnen jedenfalls.» 

Vor 20 Jahren in den Nationalrat

zentral+ trifft den 66-jährigen FDP-Politiker im Bundeshaus, zwischen einem Sitzungsmarathon mit Kommissionsbesprechungen und Budgetberatungen. Georges Theiler setzt sich in einen schwarzen Ledersessel im Ostflügel und spricht über seine Erfahrungen und über eine lange Politkarriere.

Theiler war im Jahr 1987 als Unternehmer in den Grossrat des Kantons Luzern gewählt worden. 1995 schaffte er den Sprung in den Nationalrat und politisierte dort 16 Jahre lang. Danach wechselte er 2011 für seine letzten vier Jahre Politik in den Ständerat. In Bundesbern galt er als diplomatischer Netzwerker. «Ich habe viele Kontakte zu netten Kolleginnen und Kollegen knüpfen können. Den Umgang mit ihnen werde ich vermissen – mit den meisten von ihnen jedenfalls.» 

Stichwort Bürokratie, und der scheidende Luzerner FDP-Ständerat beginnt zu gestikulieren.

Stichwort Bürokratie, und der scheidende Luzerner FDP-Ständerat beginnt zu gestikulieren.

Als einen der grössten Erfolge seiner Politkarriere wird die Tieferlegung der Zentralbahn genannt. «Das ist etwas Handfestes», sagt er dazu. Ursprünglich war der Tunnelbau unter die Luzerner Allmend hindurch vom Bundesrat zur Seite gelegt worden. «Quasi über Nacht stellten der damalige Regierungsrat Max Pfister (FDP) und ich eine Argumentation für den Bau zusammen und wir setzten uns sehr dafür ein. Und das hat sehr gut geklappt.»

 «Es ist enorm, wie in den letzten Jahren der Papierkrieg zugenommen hat.»

Als Politiker sei er allerdings vor allem eines: Mannschaftssportler. «Die Prozesse gehen lange und viele Interessengruppen können sich einbringen. Da kann man am Schluss nicht einfach sagen, es wäre mein Verdienst gewesen.» 

«Kampf gegen den Papierkrieg»

Was Theiler wieder und wieder betont – und nach seinem Abgang überhaupt nicht vermissen wird –, sind grosse Aktenberge voller Gesetzesvorlagen: «Es ist enorm, wie in den letzten Jahren der Papierkrieg zugenommen hat», moniert er. Die typischen FDP-Argumente scheinen bei ihm nicht blosses Mantra zu sein. Mit ernster Miene und anschaulich gestikulierend sagt er: «Es vergeht kein Wochenende, an dem man als Parlamentarier nicht irgendwelche Akten studiert. Auf das verzichte ich dann gerne.»

Im Rückblick sieht der scheidende Politiker eine Entwicklung hin zu mehr und mehr Bürokratie: «Das beunruhigt mich sehr. Es ist unglaublich, wie oft wir hier Gesetze revidieren, die meist gar keine Änderung nötig hätten.»

«Es gibt immer wieder traurige und schockierende Ereignisse. Aber das Strafgesetz regelt solche Vorfälle.»

Er nennt als Beispiel einige tragische Vorfälle, bei denen Kampfhunde Menschen angriffen und die nachher durch mediale Aufmerksamkeit in die Legislatur aufgenommen wurden. «Es gibt immer wieder traurige und schockierende Ereignisse. Aber das Strafgesetz regelt solche Vorfälle. Da braucht es doch nicht etwa zusätzlich noch ein neues Hundegesetz.» 

«Es gelang nicht immer»

Trotz allen Regulierungen: Das Positive überwiege. Die politische Arbeit sei sehr interessant und vielfältig gewesen. «Ich kam mit vielen unterschiedlichen Themen in Kontakt, mit denen ich mich als Unternehmer sonst nie befasst hätte.» Und er habe etwas bewirken und in Gang setzen können. «Es gelang nicht immer», sagte er mit einem Schmunzeln.  

«Ich laufe nicht johlend mit einem Mobimo-Fähnli im Bundeshaus herum.»

Zu seinen persönlichen Niederlagen zählt das verfehlte FDP-Präsidium. Theiler wollte in den Jahren 2004 und 2005 Oberhaupt der FDP Schweiz werden. Er unterlag Rolf Schweiger beziehungsweise ein Jahr später Fulvio Pelli. «Das hat mich schon gefuxt.» Ich wurde damals ziemlich durchleuchtet, von allen Seiten kritisch befragt und ich begann zu sehen: Je mehr man in den Fokus gerät, desto mehr kann man abgeschossen werden.» 

Ein dicker Fisch im Parlament

Im Nachhinein sei die Nichtwahl aber doch ganz gut für ihn gewesen. «Ich konnte ohne Präsidentenamt mehr Zeit für meinen Beruf einsetzen.» Und apropos Unternehmer: Georges Teiler gehörte diesbezüglich zu den dicksten Fischen im Ständerat.

Er vertrat allein als Verwaltungsratspräsident der Immobiliengesellschaft Mobimo 1,3 Milliarden Franken im Ständerat, so die aktuelle Kapitalisierung an der Schweizer Börse. «Wir sind sehr erfolgreich, das darf man schon sagen.» Und da sei er in einem gewissen Sinne auch stolz darauf. «Ich laufe aber nicht johlend mit einem Mobimo-Fähnli im Bundeshaus herum.»

Distanz zu Lobbyisten

Als Unternehmer sei man darauf angewiesen, dass man viele Leute kenne. «Klar habe ich von meiner politischen Bekanntheit ab und an geschäftlich profitieren können», sagt Theiler. «Da ist mir die Politik manchmal entgegengekommen.»

«Mit Golfspielen kann man besser und rascher Geschäfte machen.»

Andererseits sei der Aufwand in der Politik zu gross, als dass es sich unternehmerisch wirklich gelohnt hätte. «Mit Golfspielen kann man besser und rascher Geschäfte machen.» Theiler arbeitet neben anderem noch als Verwaltungsratspräsident des regionalen Transport- und ÖV-Anbieters Auto Rothenburg Holding AG.

Was er von Lobbyisten hält? «Wer auf nationaler Ebene Politik macht, ist auf Informationen angewiesen.» Diese Informationen können über Lobbyisten beschafft werden. Wichtig sei dabei, dass man sich nicht einseitig informieren lasse. «Das ist mir während meinen 20 Jahren im Bundeshaus immer wichtig gewesen.»

Damian Müller soll der Nachfolger heissen

Seinem Nachfolger wird Theiler empfehlen, dass dieser Augen und Ohren offen hält und nicht immer alles übernimmt, was der Staat vorschlägt. Ferner ist sich der FDP-Magistrat sicher, dass sein Nachfolger Damian Müller heissen wird. Müller sei als Dreissigjähriger nicht zu jung für dieses Amt. Im Gegenteil: Er sei «der Richtige».  

Die grossen Herausforderungen des Landes würden vor allem die junge Generation betreffen. «Die Revisionen der Sozialwerke AHV, IV und Berufsvorsorge werden uns noch Kopfzerbrechen bereiten», sagt Theiler. Zudem sei wichtig, dass mit der Europäischen Union gute Lösungen gefunden würden. 

Wer wird Bundesrat? 

Als neuen SVP-Bundesrat würde Theiler übrigens den Bündner SVP-Nationalrat Heinz Brand wählen. «Er ist mein Favorit. Ich sehe in ihm den optimalen Kandidaten.» Für Theiler ist es grundlegend, dass jemand für das Amt als Bundesrat führungserprobt ist. «Zudem muss man immer offen für Neues sein. Mit festgefahrenen Meinungen und konservativen Geistern habe ich Mühe.»

«Manchmal würde ich am liebsten das Protokoll von Sitzungen Emil zur Verfügung stellen.»

Das Thema gehe Teiler nach seinem Rücktritt aber nur beiläufig etwas an. «Ich muss ihn ja nicht mehr wählen – darf ja nicht.» Und er freut sich, nicht mehr «zwei Stunden über Formalitäten zu diskutieren, die bereits geklärt sind». Sagte es und wird von einer Sekretärin ermahnt: Die Kommissionssitzung geht weiter. Zum Abschied fügt er noch an: «Manchmal würde ich am liebsten das Protokoll von Sitzungen Emil zur Verfügung stellen. Der würde eine witzige Nummer draus machen.» 

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