Vroni Thalmann-Bieri im Garten des Kurhauses Flühli.
Politik Wahlen

Vroni Thalmann-Bieri im Garten des Kurhauses Flühli.

Die Unkomplizierte, die Grenzen setzt

8min Lesezeit

Als höchste Luzernerin wird Vroni Thalmann ein Jahr den Luzerner Kantonsrat präsidieren. Die SVP-Politikerin ist als Sozialvorsteherin in Flühli tätig. Dort tickt die Welt noch etwas anders, wie zentralplus auf einem Besuch erfährt.

SVP-Kantonsrätin Vroni Thalmann-Bieri wird diesen Dienstag zur Kantonsratspräsidentin und damit zur höchsten Luzernerin gewählt. Die Wahl in dieses Ehrenamt sollte eine Formsache sein – das Resultat wird kurz vor Mittag bekanntgegeben.

zentralplus hat Vroni Thalmann in ihrer Heimatgemeinde Flühli besucht. Die Sozialvorsteherin schlug das geschichtsträchtige Kurhaus als Treffpunkt vor, also machten wir uns auf den Weg in die grösste Luzerner Gemeinde. Flühli, ein Ort, wo das Postauto von Schüpfheim herauf drei Mal die traditionelle Hupe ablässt, weil die Strasse sich so eng die Hügel heraufschlingert. Und ein Ort, wo kein Passant dem anderen nicht «Grüezi» sagt.

In Flühli kennt man sich

«Ich bi s Thalme Vroni», sagt die SVP-Politikerin mit einem Lachen im Gesicht. Sie wurde als jüngstes von zehn Kindern in Flühli geboren. Heute arbeitet Thalmann als gemeindliche Sozialvorsteherin (30-Prozent-Pensum), ist Mutter dreier Kinder und führt gemeinsam mit ihrem Mann einen Landwirtschaftsbetrieb. «Ich bin ein Naturmensch», sagt sie, «und eine unkomplizierte Person.» Im Gespräch wird rasch klar: Thalmann passt in die grösste Gemeinde des Kantons. «Etwas anderes könnte ich mir nicht vorstellen.» Heile Welt also? «Es ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig.» 

«Der gesunde Menschenverstand ist oft der beste Ratgeber.»

Wenn einer drei, vier Mal pro Tag durchs Dorf laufe, werde er beobachtet und man fragt, ob der nichts arbeiten würde, beschreibt sie ihre Heimatgemeinde. «Die Anonymität in der Stadt ist viel schlimmer», so Thalmann, die sich gerne volksnah gibt. «Ich bin in der Trachtengruppe aktiv und mache Line-Dance. Ich bin ein geselliger Mensch.»

Vroni Thalmann wird für ein Jahr den Kantonsrat präsidieren.
Vroni Thalmann wird für ein Jahr den Kantonsrat präsidieren.

Thalmann möchte in den Nationalrat

Jetzt folgt die Krönung ihrer politischen Karriere. «Damit hätte ich nie gerechnet.» Als sie zu politisieren begann, sei sie belächelt worden. «Mir wurde gesagt, ich sei ein Altardiener der SVP.» Nach erfolgreicher Wahl in den Gemeinderat, die einigen CVP- und FDP-lern stark zu denken gab, habe sich das Bild aber geändert. Ihr Stil ist einfach: «Der gesunde Menschenverstand ist oft der beste Ratgeber.» Sonst orientiere sie sich stark an den Grundwerten der SVP. «Mir gefällt einfach, dass man alles erst in kleinem Rahmen lösen will.» Das beginne in der Familie und werde in der Gemeinde fortgesetzt. Dementsprechend konsequent auch ihre Haltung zur Schweizer Politik: «Alle ausser die SVP wollen unser Land an die EU verkaufen.»

«Das Entlebuch braucht doch auch in Bern jemanden, der zum Rechten schaut.»

Für die SVP trat Vroni Thalmann bei den letzten Nationalratswahlen an, landete auf dem vierten Platz der Liste und verpasste eine Wahl um knapp 700 Stimmen. «2019 versuche ich es noch einmal», sagt sie. «Das Entlebuch braucht doch auch in Bern jemanden, der zum Rechten schaut.» Das Kantonsratspräsidium sei jedoch kein Trostpflaster für die knapp gegen Franz Grüter verlorene Wahl. «Ausschlaggebend war, dass ich aus dem Wahlkreis Entlebuch komme. Zudem war die Reihe an einer Frau.»

Im Entlebuch seien Standards tiefer

Immer wieder fällt im Gespräch das Entlebuch. «Ich höre schon ab und zu, wir hätten ‹herti Grende›», sagt Thalmann mit einem Schmunzeln. Dass man direkt sei und halt sage, was man denke, sei in der Politik jedoch ab und zu ein Nachteil. «Schauen Sie auf CVP-Präsident Christian Ineichen.» Mit seiner Forderung, Schwerzmann solle die Finanzen abgeben, sei er in ein klassisches Fettnäpfchen getreten (zentralplus berichtete).

Dennoch, wirklich glücklich sei man mit der Politik im Kanton nicht. «Es wird einfach zu viel Geld in Projekte verschleudert, wo falsche Standards vorherrschen. Weniger ist manchmal mehr. Selbst die Entlebucher haben das erkennen müssen und sich selbst organisiert mit der Unesco Biosphäre Entlebuch.»

Wozu es keinen Bedarf gäbe, brauche es auch keine Massnahmen seitens des Staates. «Beispiel: Ich habe absolut nichts gegen Kinderkrippen einzuwenden. Aber in Flühli ist seit Jahren kein Bedarf. Kein Gesuch kam auf meinen Tisch», so die 48-Jährige. Viel eher würde sich die Bäuerin wünschen, dem tiefen Milchpreis würde mehr Beachtung geschenkt. «Man sollte auf jede Milchverpackung draufschreiben, wie viel der Bauer für seine tägliche Arbeit erhält, und im Gegenzug aufzeigen, warum für ein Zuckerwasser daneben ohne Murren viel mehr bezahlt wird.»

Ist stolz auf ihre Heimatgemeinde, Vroni Thalmann.
Ist stolz auf ihre Heimatgemeinde, Vroni Thalmann.

Wahl-Slogan: «Sozialvorsteherin setzt Grenzen»

Dass ihre Person als Paradebeispiel einer SVP-Klientel und -Abschottungspolitik gilt, glaubt sie nicht. «Bei den Linken genügt es ja schon, wenn man in der SVP ist. An mir wissen sie immerhin, was sie haben.» Nichtsdestotrotz weiss sie, dass der Slogan des vergangenen Wahlkampfs an ihr haftet. «Sozialvorsteherin setzt Grenzen», hiess es da. «Das passt sehr gut zu mir. Es braucht Grenzen, etwa bei der Erziehung, aber auch in der Politik.» Die Schweiz müsse aufpassen, dass die ganzen Gesetze nicht ausufern. «Wissen Sie, Grenzen setzen wollen alle Parteien. Die Grünen zum Beispiel bei der Natur. Man kann den Slogan auslegen, wie man will.»

Nun muss Thalmann ihre politischen Einstellungen ein Jahr zurückhalten und als Ratspräsidentin durch den Betrieb führen. Die Stimmung im Kantonsrat sei trotz andauernder Spargeschäfte gut. «In allen Parteien gibt es einzelne Frust-Sprecher, damit kann man umgehen.» Gegenüber der Regierung nimmt Thalmann jedoch schon eine reserviertere Haltung wahr. «Mir ist schon klar, dass jedes Regierungsratsmitglied sein Gärtchen schützen will. Dennoch sollte man seine Standards immer wieder hinterfragen können.»

Helfen soll ihr während ihres Jahres auch ihr Humor (siehe Box). «Ich mache bestimmt nicht immer ein riesiges Tamtam.»

Drei Begleiter loben Thalmanns Humor

Ruedi Lustenberger, alt Nationalrat CVP aus Romoos

«Vroni hat ihre Zeit als Vizepräsidentin sozusagen als ‹Lehrjahr› gut genutzt und sich, wie es sich gehört, aus den parteipolitischen Ränkespielen herausgehalten. Damit hat sie die Basis geschaffen für eine gute Wahl und ein erfolgreiches Präsidialjahr. Als Präsident der Arbeitsgruppe Berggebiet erlebe ich sie als zuverlässige Kollegin, welche gut vorbereitet an die Sitzungen kommt und ihre Meinung dort engagiert vertritt. Zudem hat sie eine Eigenschaft, welche ihr in ihrem Präsidialjahr hin und wieder zugutekommen wird: Sie hat ein gute Portion Entlebucher Schalk und Humor.»

Andreas Hofer, Vorgänger als Kantonsratspräsident aus Sursee

«Vroni Thalmann ist eine bodenständige, gradlinige und humorvolle Politikerin, die sich mit Herzblut für ihr geliebtes Entlebuch einsetzt. Sie kann aber auch ab und zu fies sein, nämlich dann, wenn sie uns per SMS Fotos vom sonnigen Entlebuch sendet, während wir ‹Flachländer› in einer dicken Nebelsuppe hocken.»

Franz Grüter, SVP-Nationalrat aus Eich

«Vroni Thalmann ist eine geerdete, gradlinige und bodenständige Volksvertreterin. Auf meiner Wahlkampftour im 2015 durch alle 83 Gemeinden des Kantons Luzern habe ich Vroni Thalmann als eine positiv denkende, humorvolle und stets aufgestellte Persönlichkeit kennengelernt. Es hat mich immer beeindruckt, mit welcher Souveränität und wie gut sie all ihre Aufgaben wie Familie, Sozialvorsteherin und Kantonsrätin unter einen Hut bringt. Diese Frau verdient meinen Respekt.»

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Politik