Mehr Schein als Sein? Dagegen spielen die Biscuits from Mars an. (Bild: zvg)
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Mehr Schein als Sein? Dagegen spielen die Biscuits from Mars an. (Bild: zvg)

Glamrock aus Luzern: sexy, schrill oder einfach plump?

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Sexuell verhaltensauffällig waren sie, die Glamrocker von einst. Vier Luzerner holen die schrillen und vergnügungssüchtigen Zeiten von Bowie und Bolan in die Gegenwart: Biscuits from Mars nennen sie sich und feiern diesen Donnerstag Plattentaufe. Was hat das mit aktueller Politik zu tun?

Mathias Haehl

Glamrock feiert Urständ, nicht nur, weil David Bowie allerorten weiterhin zu hören ist und jetzt ein Queen-Film die lustbetonten Posen von Freddie Mercury auf die Leinwand bringt. Bands wie T. Rex, Sweet, Roxy Music oder das Musical «Rocky Horror Picture Show» waren Vorläufer des Punks, die in den frühen Siebzigerjahren den britischen Pop kräftig durchgeschüttelt haben.

Diese schrillen und vergnügungssüchtigen Zeiten will auch ein Luzerner Quartett wieder aufleben lassen: vier 50+-jährige Hedonisten wollen einen sexy Abend in die Schüür bringen. Diesen Donnerstag entern sie in Schlaghosen, mit onduliertem Haar und Make-up die grosse Bühne. Mit grosser Geste. Und eigenen Songs wie «Mandy Rocks», «Venustrap» oder «Twenty Billion Man». Man schrieb ein Dutzend Songs, und ein Album gibt’s jetzt auch gleich: «Stranded on Earth» heisst es.

Hochstaplerisches Glam-Geschäft

Aufgenommen nicht nur in Luzern, sondern – klar, man gönnt sich ja sonst nichts – in Nassau auf den Bahamas, wie auf dem CD-Cover steht. Naja, das ist ein Witzchen der Band, aber was soll’s. «Gehört zum hochstaplerischen Glam-Geschäft», sagt Rick Stardust alias Patrick Habermacher achselzuckend, «man will ja gerne wichtiger sein, als man ist.» Und er fügt an, dass scheinbar sämtliche T.-Rex-Hits auf mageren sieben Akkorden beruhen. «Von den dürftigen Texten damals ganz zu schweigen …»

Pflegen gerne den schlechten Geschmack: Biscuits from Mars.
Pflegen gerne den schlechten Geschmack: Biscuits from Mars. (Bild: zvg)

Das kann doch so mancher, sagte sich die eine Hälfte des Quartetts, die man als Partyband à la française unter dem Namen Langue Erotique kennt. Mit Coverversionen von Bowies Major-Tom-Song («Space Oddity») bis Radiohead («Creep») und wenigen eigenen Liedern hatten sie vermutlich schon in jeder Luzerner Bar ihren Auftritt.

Gitarrist und Sänger Toni Bowie alias Melk Thalmann ist seit Jahren Habermachers Mitstreiter, bekannt bislang als Buchillustrator und Ex-Lokalmatador von Melk Them. Bei eben diesen spielte auch Schlagzeuger Steve Ready alias Diego Stocker. Komplettiert wird das Glamrock-Quartett von Bassist Ibby Pop alias Ibrahim Taha, der seine Sporen bei Höslis Steven’s Nude Club abverdient hat.

Glam-Gebalze ironisch abfedern

Fertig sind die Biscuits from Mars – eine Anspielung auf Bowies schrillste Zeit mit den – eben – Spiders from Mars. Ist das plump oder schlechter Geschmack? Mitnichten, denn das Glam-Gebalze muss man ja heute, wie einst oft auch unbewusst, immer ironisch abfedern. Mitunter auch mal mit einer Federboa, denn man nimmt sich nie ganz ernst.

«Toll wäre ja, wenn dies das Publikum auch täte», so Habermacher. Sein Wunsch wäre es, wenn die Fans ebenfalls als Glamrocker verkleidet in der Schüür aufmarschierten. So, wie das viele Kinobesucher beim «Rocky Horror Picture Show»-Film von 1975 immer noch tun und auch mal mit Reis rumschmeissen.

So klingt «Buzzword Competition» von den Biscuits:

Die Spass-und-nach-mir-die-Sintflut-Elemente des Glamrocks sind heute wieder gefragt, stellen die Biscuits fest. Das halte gar in die Politik Einzug, wenn man etwa Donald Trump betrachte, einen gnadenlosen Selbstdarsteller, der sich als Performer begreift und sich Techniken des Showbiz geschickt zunutze macht.

«Was auf der Ebene von Showbusiness harmlos ist, wird auf der politischen Bühne gefährlich.»

Rick Stardust zum Glamrock in der Politik

Es gilt auch dort meist mehr Schein als Sein: Das Ziel des politischen Wirkens beschränke sich oft nur noch auf Anhäufung von Macht und Reichtum. Aber eben: «Was auf der Ebene von Showbusiness harmlos ist, wird auf der politischen Bühne gefährlich.»

Doch solches Spintisieren geht vermutlich zu tief, denn: «It’s Glam Rock, Baby!» So heisst die Losung für den Schüür-Gig, den die Biscuits from Mars vor einem guten Jahr schon bei einem Sedel-Auftritt mal probten. Damals vor gut 100 Leuten, die abhotteten. Rick Stardust, leicht stolz: «Das motivierte uns, weiterzumachen.»

The Free Electric Band heizt an

Heute die Schüür, morgen die Schweiz, bald die Welt? Er lacht verschmitzt. Sie würden schon gerne die Welt erobern, aber die grossen Glamrock-Zeiten sind vorbei. Und auch wenn die vier sexy Boys auf der Bühne die Revoluzzer markieren, im echten Leben gehen sie bürgerlichen Jobs nach.

Also, was ist bei dem Live-Spass zu erwarten? «Glamrock-Perlen im Stile von David Bowie und Roxy Music sowie knalliges Gitarrenbrettern à la T. Rex, Sweet und Slade.» Das reicht aber noch nicht, oder? Nein, es gibt auch noch ein paar Medleys mit Bowie-, Slade- und Gary-Glitter-Songs.

Und eine Anheizerband gibt’s obendrauf. Wie könnte die anders heissen als: The Free Electric Band. Also: Sonnenbrille, Schlaghosen und Plateauschuhe montieren und die Perückenhaare fliegen lassen. Yeah!

Historische Aufnahmen prägen das Video «Mandy Rocks» von den Biscuits:

 

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