Eclecta, das sind Andrina Bollinger (im Hintergrund) und Marena Whitcher. (Bild: Chregi Felber)
Kultur Musik Rezension

Eclecta, das sind Andrina Bollinger (im Hintergrund) und Marena Whitcher. (Bild: Chregi Felber)

7min Lesezeit

Starker Auftakt der Duotage: Am Donnerstag beglückten drei Duos die Ohrenpaare des Publikums in Neubad. Urban Lienert & Hans-Peter Pfammatter, Eclecta und Joasihno bewegen sich in ganz unterschiedlichen Klangwelten – und doch haben sie eines gemeinsam: einen Nerdfaktor im besten Sinne. Eine Duorezension.

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Mit Urban Lienert & Hans-Peter Pfammatter eröffnete ein Duo das Festival, bei dem man aus dem Staunen fast nicht mehr rauskam. Pianist Pfammatter und Bassist Lienert «verstehen sich blind» – da hatte das Programmheft recht (zentralplus berichtete)! Ihr sympathisches Understatement schuf den Raum für feingliedrig-hellhörige Improvisationen.

Pfammatter nahm die neue Rolle des Klaviers als Perkussionsinstrument wie selbstverständlich wahr. Er präparierte den Flügel nicht nur mit allerhand Klebestreifen und Keilen, sodass die gedämpften Saiten mal wie ein Xylophon, mal wie ein Gong klangen. Nein, er spielte ihn auch mit Schlägeln, Gerten und Besen. Lienert bearbeitete diese Klänge zunächst am Laptop, bevor er selbst zum Bass griff und sein eigens programmiertes Midi-Pedalboard in Betrieb nahm.

Eindrücke im Video (von Stoph Ruckli und Katharina Thalmann):

 

Fünf in filigran

Wie versiert beide im Umgang mit Elektronik im Improvisationskontext sind, war unüberhörbar: Die Symbiose, die zwischen elektronischer Verfremdung und analoger Präparation der Instrumente gelang, erschien reizvoll, spannend und wunderschön zugleich. Es war kaum auszumachen, woher die Klänge und Patterns kamen, aber das war im Pool vollkommen egal. Man wollte sich ganz der zarten Sogwirkung dieses Duos hingeben.


Debussy 2.0: Vor hundert Jahren ist der französische Komponist verstorben – und sein Impact hält bis heute an. Wenn Pfammatter modale bis pentatonische Klang- und Energieverläufe entfaltete, fühlte man sich an den Impressionisten erinnert. Keine Oberflächlichkeiten, keine Loops. Die Kommunikation zwischen Lienert und Pfammatter passierte unaufgeregt und ohne Brimborium.

Hans-Peter Pfammatter (p) & Urban Lienert (b) im Neubad-Pool.
Hans-Peter Pfammatter (p) & Urban Lienert (b) im Neubad-Pool. (Bild: Chregi Felber)

Im Fokus standen lediglich die zwei hellhörigen Ohrenpaare.
 Das Geschehen verdichtete sich die ersten 35 Minuten nach und nach und entfaltete sich schliesslich zu filigraner Minimal Music. Finale: Die Musik mündete in einen nicht enden wollenden Fünf-Viertel-Strom. Pfammatter und Lienert entwickelten ein Pattern, aus dem sie sich so schnell nicht wieder hinauswinden wollten, spielten sich in einen zierlichen Rausch, bis die Maschine graziös zum Stehen kam. Zwei Töne pendelten hin und her, dann standen die Gerätchen still. Wow. Much love.

Mit dem Bühnenbild, dem Setting, der Kulisse ist dem Neubad übrigens ein kleines Kunstwerk gelungen: Zwei Dutzend Lampions hängen im Pool, ein grosser Perserteppich verströmt Wohnzimmeratmosphäre. Und Michael Eigenmann am Licht ist einmal mehr ein Gamechanger: Äusserst musikalisch und schön bunt begleitete er die Duos mit seiner Lichtregie. Das perfekte Umfeld, um guten Dialogen beizuwohnen. Und: Die Signature-Lampions finden sich auch im Foyer und im Keller. Schön konsequent.


Pailletten, Pop und Power

Dort ging’s nämlich weiter, im Neubadkeller: Statt JPTR [JuPiTeR] spielten Eclecta. Eclecta, das sind Marena Whitcher und Andrina Bollinger. Der Kontrast zu den Minimalexkursionen hätte kaum grösser sein können: geballte Ladung Zürischnurre, kurze, markige Songstatements. Whitcher und Bollinger sind Multiinstrumentalistinnen und Vokalakrobatinnen.

Da passierten fliegende Wechsel von Synthie zu Bandoneon, von Gitarre zu Trommeln – Performance, Volksmusik, Cabaret. Ein Stück handelte von «Urgewalt, Zeitgeist, Dringlichkeit» – Eclecta verstehen es, Aktualität aufzufassen und sie zu verarbeiten. Von Eigenkreationen über Covers (besonders gelungen: Feists «When I was a Young Girl»), Soli und einem Beatles-Medley war alles dabei. Die Intuition, bei Eclecta handle es sich um eine Mischung aus Bobby McFerrin, Camille und Andreas Schaerer, erwies sich als sehr richtig: Whitcher hat unter anderem in Bern bei Schaerer studiert, beide Musikerinnen studierten zudem an der Zürcher Hochschule der Künste.

Ja, die Rezensentin und der Rezensent war in stetem Kontakt. Who's who?
Ja, die Rezensentin und der Rezensent waren in stetem Kontakt. Who’s who?

Sie betonten, dass sie jeweils auch als Solokünstlerinnen existieren, und spielten deswegen je ein Solostück. Whitchers «The Clocks that are Dripping» ist von Salvador Dalís zerfliessenden Uhren inspiriert. Zitat: «Das Bild hani letscht Jahr xe im MoMa in New York, imfall! Und es isch mega chlii!» Man glaubte ihr die Begeisterung aufs Wort! Das Thema war im besten Sinne zeitgeistig: Dalí malte die Uhren, um die Unsicherheit seiner Zeit zu visualisieren – das Kunstwerk entstand 1931.

Endgültig die Herzen der Zuschauer eroberten Eclecta mit einer faszinierenden Version von «Anneli, wo bisch gester xi?»: So sang ihre Freundin, das Anneli, direkt aus dem Kassettenspieler mit.

Woodblock, Woodstock, Wunder

Es folgte der dritte Duostreich: Joasihno waren aus München angereist und verwandelten den Pool in eine Ambient-Klanglandschaft. Plötzlich taucht ein Schlagzeug auf, ohne dass sich jemand bewegt. Ganz in sich gekehrt kauerten die zwei vor ihrem Arsenal aus Instrumenten und Synthies.

Das führt uns zurück zum provokanten Titel: Wir sollten alle froh sein, dass diese 3×2 Nerds ihre musikalische Sprache gefunden haben und sie ohne Wenn und Aber sprechen. Diese Konsequenz ist vorbildlich. Und undogmatisch. Denn aus Joasihnos lounge-ig-coolem Ethnosound wurde Woodblock-Techno wurde Noise – so macht man’s!

Joasihno, das sind Cico Beck (links) und Nico Sierig (rechts).
Joasihno, das sind Cico Beck (links) und Nico Sierig (rechts). (Bild: Chregi Felber)

Eigentlich crazy, dass das Publikum zu diesem Set gesessen ist. Besonders die Woodblock-Propeller bleiben in bester Erinnerung: innovativ, ästhetisch ansprechend, witzig und schnittstellenmässig gut: Das akustische und das visuelle Moment bereicherten sich und schwangen sich gemeinsam in die Höhe.

Schon jetzt: Danke, Duotage! Denn, wie heisst es: «Two is company, three is a crowd.» Und ist es nicht genau das, was die Welt braucht? Gleichberechtigte Diskussionen auf Augenhöhe und mit offenen Ohren? Ehrlich, verletzlich, klar, selbstbewusst und voller Empathie? Mit dem Festivalzyklus ist im Neubad eine Perle gewachsen: Letztes Jahr die Solokämpfer*innen, dieses Jahr die Teamplayer. Und 2018: Dialoge, Dialektik, Diskussion: Triopower. Nice. Unbedingt hingehen; noch heute und morgen, jeweils ab 20.30 Uhr im Neubad.

Katharina Thalmann und Stoph Ruckli

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit Null41.ch entstanden und kann auch hier gelesen werden.

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