«Der Hund frisst ohne Ende, Der Hund frisst ohne Stil» (Bild: pixabay)
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«Der Hund frisst ohne Ende, Der Hund frisst ohne Stil» (Bild: pixabay)

Hunde, wollt ihr ewig leben?

12min Lesezeit

Rabauzli ist ein dicker Hund,
er frisst sehr viel.
Er nimmt fast alles in den Mund,
denn Dicksein ist sein Ziel.

Katja Zuniga-Togni

In der vierten Primarschule verfasste ich mein erstes Gedicht, das ich bis auf den heutigen Tag auswendig aufschreiben kann.

«Rabauzli», so hiess unser Rauhaardackel. Eine Dame mit langem Stammbaum und ebenso langen Haaren, aber für uns Kinder war es der Rabauzli. Man sagt ja auch: Der Hund.

Meine Eltern hatten stets ein offenes Haus für Menschen wie für Tiere. So hatten wir neben den zahlreichen Katzen immer mindestens einen Hund, solange ich mich erinnern kann. Ein pinscherartiger Mischling war das erste Familienmitglied, als meine Eltern 1954 heirateten. Auf der Vespa durfte er die Frischvermählten auf die Hochzeitsreise nach Venedig begleiten und starb als alter Hund und Beschützer meiner drei Brüder und von mir. Zu seinen Lebzeiten stiess Rabauzli zu uns.

Rabauzli gehörte Fräulein Elmiger, die eines Tages gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, für das Tier zu sorgen. Immer öfter kam die Dackeldame zu uns in die Ferien und eines Tages blieb sie definitiv bei uns. Als der pinscherartige Mischling im Hundehimmel Vespa fuhr,frass  Rabauzli von da an die doppelte Ration Hundefutter.

Fräulein Elmiger kam häufig zu Besuch und war auch nach dem Rabauzlis Tod immer an Weihnachten bei uns am runden Nussbaumtisch. Ich weiss nicht mehr, ob sie an meinem kleinen Gedicht wirklich Freude hatte, war doch das Übergewicht ihres Lieblings für sie ein heikles Thema, da sie den Dackel mit Leckerbissen verwöhnte und so zu diesem beitrug. Was ich aber noch genau weiss, ist eine witzige Anekdote mit dem Hund als Hauptprotagonisten.

Meine Babuschka

Meine Grossmutter, meine Babuschka, lebte damals in Zürich. Sie war eine waschechte Russin, 1932 in die Schweiz geflüchtet, ihre Tochter in Windeln auf dem Arm. Nach dem Tod ihres Mannes musste sie alleine für ihren Lebensunterhalt aufkommen und arbeitete in Schaffhausen in einer Fabrik. Das war sicher nicht einfach für sie, war sie doch ausgebildete Lehrerin und sprach gar Hochdeutsch, wenn auch mit starkem östlichen Akzent. Nach ihrer Pensionierung lebte sie in einer kleinen Wohnung in Zürich und war sehr einsam.

Regelmässig kam sie zu uns mit beladenen Koffern und der Absicht, ein paar Tage mit ihren Enkelkindern zu verbringen, und ebenso regelmässig packte sie ihre Koffer gleich wieder und fuhr mit der Bemerkung nach Hause, dass das Leben mit einer solch schrecklichen Mutter und einem solch furchtbaren Vater eine Hölle sei und wir Kinder ihr leid täten.

Dann telefonierte Mame stundenlang in ihrer Muttersprache, gespickt mit vermeintlich deutschen Wörtern wie Staubsauger und Sibir, wobei das russisch ist und Kühlschrank bedeutet. Ein Sibir in Sibirien.

Konnte sich meine Mutter mit Babuschka versöhnen? Als Frau wohl kaum. Zwischen ihnen herrschte ein eiskalter Vorhang. Verschwestern ging auch nicht, denn Mame war Einzelkind. Und bemuttert wurde sie in ihrer Kindheit kaum. Alle am Arbeiten. Man sagt, dass die Zeit Wunden heilt. Aber Streit? Wird der geschlichtet, wenn man ihn beiseite legt? Einfach durch Nichtbeachten?

Ihre Menschenliebe übersprang eine Generation

Die örtliche Distanz sorgte dafür, dass meine Grossmutter von ihrer Drohung, unser Haus nie wieder zu betreten, abkam. Sie vermisste ihre Enkelkinder, wie ich Anhand der immer häufiger genannten Vornamen interpretierte, und Rabauzli wurde zunehmend zum Thema der Telefongespräche.

«Für jeden Hund schaust du besser als für deine Tochter!», schimpfte Mame Jahre später mit meinem Vater, als ich das rechte Knie so stark verstauchte, dass ich nicht mehr gehen konnte. Es war ein Mittwoch Morgen, als ich verunfallte, meine Turnlehrerin hatte mich nach Hause gefahren und ich legte mich weinend ins Bett. Mein Vater begleitete mich erst am Donnerstag vor acht Uhr in eine Praxis, wo mir der Arzt spritzenweise Blut aus meinem Gelenk zog, da mein Knie anschwoll und ich nicht mehr draufstehen konnte.

Auch Babuschka kümmerte sich offensichtlich mehr um das Wohlergehen Rabauzlis als um das ihres Kindes. Ihre Menschenliebe übersprang eine Generation.

«Du arrmes Kind!», jammerte sie. «Weisst du, deine Mutterr gaanz schrreckliches Mädchen!  Aberr dein Vaterr,» verdrehte sie dramatisch die Augen, «dein Vaterr fuktbarr. Gaaanz fuktbarr!» Der Rest ihres Lamentos war auf Russisch und tönte noch geheimnisvoller. Ich liebte meine Grossmutter und war traurig, wenn sie uns schimpfend verliess.

Rabauzli war ihr «sobaka»

Babuschka war eine Meisterköchin, und ihre «russischen Gnocchi» eine kulinarische Glanzleistung. Viele Stunden verbrachte sie in ihrer kleinen Küche. Sie schälte geschwellte Kartoffeln, liess sie über Nacht erkalten. Dann kam das Mehl ins Spiel! In einer Schüssel mischte sie die geriebenen Kartoffeln, Milch, Eier, Mehl und Wasser zu einem Teig, den sie zu bratwurstartigen Rollen formte und in daumenlange Stücke schnitt. Der Tisch wurde mehlig weiss, ihre Hände waren mehlig weiss, alles, was sie berührte, wurde vom Mehl verzaubert. Die Teigwürstchen landeten im sprudelnden Salzwasser. Dann schien sie das Wasser zu hypnotisieren, denn vor meinen erstaunten Blicken stiegen nach zwei Minuten magisch die ersten Teigwürstlein an die Oberfläche. Mit der Schaumkelle schöpfte man diese ab und gab sie gut abgetropft in eine Schüssel. Mit Butter und Reibkäse gemischt kamen sie auf den Tisch. Dazu assen wir Nature-Jogurt und ich erfuhr erst viel später, dass man diese Speisen eigentlich mit Sauerrahm servierte. Sauerrahm war in unseren Läden nicht verbreitet und auch teurer als Nature-Jogurt, das uns Kinder besser mundete.

Aber ich will ja die Geschichte von Rabauzli erzählen und nicht die meiner Babuschka. Wichtig ist einfach die Tatsache, dass diese ihr Herz dem Dackel verschenkt hatte. Rabauzli war ihr «sobaka», und «sobaka» eines der ersten russischen Wörter, die ich kannte.

Ich war noch in der Primarschule, als einer der seltenen Sonntagsausflüge nach Zürich auf dem Programm stand. Es war eine logistische Glanzleistung, zwei erwachsene Personen, vier Kinder und einen Hund in einen Austin Maxi zu laden. Am Steuer mein Vater, an seiner Seite meine Mutter. Sie hatte zwar mal Auto fahren gelernt, aber nachdem sie mit angezogener Handbremse an den Bahnhof Luzern fuhr und erst noch ein stehendes Auto touchierte, zerriss sie ihren Ausweis und beschränkte sich aufs Dirigieren.

Mein ältester Bruder war nicht kurventauglich und musste stets am Fenster sitzen, damit er im Notfall den Kopf an die frische Luft strecken konnte. Auf der Schoss meines mittleren Bruders sass der jüngste und mir blieb der Platz in der Mitte des Wagens. Es war noch die Zeit, als man Autogurten nur exotischen Fahrzeugen zuordnete und ich genoss meine Bewegungsfreiheit in der Mitte des Autos. Zu der ganzen Familie hatte ich Blickkontakt, was den fehlenden Fensterplatz wettmachte.

Rabauzli quetschte sich normalerweise auf den Hintersitz, um ja nichts zu verpassen. Es war jeweils ziemlich eng im Fond des Automobils. Der Hund war so verfressen, dass er nichts ausliess, um zu einem Zusatzhappen zu kommen. Kaute ich an einem Stück Brot, so kniff mich Rabauzli in den Arm, indem er die Haut ganz vorsichtig zwischen die Vorderzähne brachte und zubiss, damit ich das Brot vor Schmerz und Schreck fallen liess. Darauf hatte der Hund. Meisterhaft schnappte er sich das Brotstück in der Luft auf und «Schwupps!», schon hatte er es gefressen.

Alles frass er in einem Schwupps. Sogar vier Steine, die mein Vater dann wieder aus seinem Bauch herausoperieren musste. Natürlich einen nach dem andern im Abstand von mehreren Monaten. Es hätte sich wohl gelohnt, die Bauchdecke des Rauhaardackels mit einem Reissverschluss zu versehen.

Mit Kind aber ohne Dackeldame

Eines Sonntags also machten wir uns von Ebikon auf die lange Reise nach Zürich.  

Noch auf der Kaspar-Kopp-Strasse  sangen wir von Raben und einem zerhackten Angesicht. Singen war unsere Leidenschaft bei Familienausflügen. Meine Mutter sang falsch. Im Familienchor war sie die Souffleuse. Zuerst fiel mir gar nichts auf. Alle waren aus verschiedenen Gründen aufgeregt.

Schon in Dierikon wurde mein ältester Bruder bleich, was völlig normal war. Tapfer stimmte er in «Bolle reiste jüngst zu Pfingsten» ein. Nachdem das zweite Lied verklungen war und wir bereits ein drittes anstimmen wollten, rief meine Mutter zum Appell auf. «Seid Ihr alle da?», fragte sie. Unnötige Frage. Natürlich waren wir alle ins Auto verladen worden, wir waren schliesslich nicht zu überhören!

«Meine Mutter freut sich sicher auf den Besuch. Am meisten freut sie sich aber auf Rabauzli!», fuhr sie nüchtern fort. War Bedauern in ihrer Stimme? Bedauern, weil Babuschka mehr am Dackel lag als an ihr?

Doch meine Mutter hing nicht lange ihren trüben Gedanken nach. Rabauzli! Der Hund! Wo war er? Hat keiner daran gedacht, den Hund mitzunehmen? «Wo ist Rabauzli? Katja, hast du ihn nicht an die Leine genommen?» richtete sie die vorwurfsvolle Frage an mich. Immer ich! Meine ganze Vorfreude war weg. «Nein. Hab ich nicht. Das wollte der jüngste Bruder tun!» Wollte, hätte, sollte,...

Da bringen Schuldzuweisungen keine Abhilfe – der Hund fehlte. Die ganze Hektik hatte das gute Tier verpasst und war zu Hause geblieben. So blieb meinem Vater noch vor Dierikon nichts anderes übrig, als das Auto zu wenden und auf schnellsten Weg zurück zu fahren.

Oder gar schon in Birmersdorf!

Bis wir am Ausgangspunkt ankamen, war die Schuldfrage geklärt. Jede und jeder hatte ein bisschen Schuld. Am wenigsten der jüngste, der war schliesslich zu klein, und die Erwachsenen waren auch unschuldig, da mein Vater mit Autofahren schon genug Verantwortung auf sich nahm und nicht noch zusätzlich belastet werden konnte. Meine Mutter hatte auch schon zu viel einpacken müssen. Der Dackel war ganz klar Kinderangelegenheit. Blieben meine beiden älteren Brüder und ich.  Durch drei kann man schlecht teilen.

Eine Viertelstunde später bogen wir mit Dackel in Root links ab über die Reussbrücke, dann eine scharfe Rechtskurve, und wir fuhren der Reuss entlang gegen Norden. Wir mussten über unser Missgeschick lachen und malten uns alle möglichen Situationen aus, wie wir die Abwesenheit des Hundes plötzlich bemerkt haben könnten. «Stellt Euch vor, wir wären in Ottenbach bereits über die Reuss gefahren!», meinte mein Vater. «Oder gar schon in Birmersdorf! Wären wir da noch umgekehrt?»

Oder bei der 12.  Strophe von «Die Nacht ist ohne Ende». Wir hatten nämlich Zusatzstrophen erfunden:

Der Hund frisst ohne Ende
Der Hund frisst ohne Stil
Ein Fressen ohne Hände
Da frisst es sich gar viel
A-A-A-A-a-a.......

Am Mittag sassen wir mit einer kleinen Verspätung auf dem zum Sofa umfunktionierten Bett, vier Kinder und ein Hund. Dahinter ein an die Wand genagelter Teppich, was ich als Mädchen immer sehr lustig fand. Wie will man auf diesem Teppich gehen können, wenn er an die Wand genagelt ist? Wir hängen doch auch nicht einfach Parkett an die Wand!

Rabauzli wurde übrigens alt und starb bei seiner Lieblingsbeschäftigung, beim Fressen. Genauer gesagt starb er vor Freude. Mein Bruder hatte dem Hund ein Stück Pizza auf den Boden geworfen. Das war zu viel für das Hundeherz. Der Dackel kippte auf die Seite, noch bevor er sich die Pizza schnappen konnte, und er war auf der Stelle tot.

Babuschka überlebte ihren «Sobaka». Sie war in eine Alterswohnung am Katzensee gezogen und damit sie nicht so einsam war, überredete ich meine Eltern, ihr einen Kanarienvogel zu schenken. Aber das ist eine andere Geschichte.

Aus dem zentralplus Blog Literatur-Blog

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