Niko Stoifberg über Kulturelle Aneignung
Die letzte Indianerin Luzerns

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Ist es «cultural appropriation», wenn meine Tochter Indianerin in einem Tipi spielt? (Bild: Symbolbild: pexels)

Unser Blogger stolpert über eine Vogelfeder und tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste. Über die Tücken der «cultural appropriation» und einer Indianerin in Luzern.

Auf Instagram, wo ich dieses Jahr 365 Weisheiten aus aller Welt poste, hat mich ein junger Mann gefragt, ob das nicht «cultural appropriation» sei, also unangemesse Übernahme eines Bestandteils einer anderen Kultur oder Identität. Ich glaube, er wollte seine Frage rhetorisch verstanden haben, im Sinne von: «Wie kann man nur?!»

Ich habe ihm trotzdem geantwortet: Nein, eigentlich nicht, eigentlich unmöglich, denn die Weisheiten sind alle frei erfunden. Von mir. Wenn schon, würde ich den fremden Kulturkreisen, die ich vorgeblich zitiere, also nichts wegnehmen, sondern etwas schenken. Wenn sie sich darüber ärgern sollten, dann höchstens so, wie man sich halt über unerwünschte Geschenke ärgert: Man bedankt sich stirnrunzelnd und stellt sie auf Tutti. Oder in meinem Fall – Instagram – auf «mute».

Federschmuck und gehäutete Köpfe

Der Zufall wollte es (schlechtes Karma kann es nicht sein, denn dafür bin ich als Mitteleuropäer nicht qualifiziert), dass meine Tochter am selben Tag auf der Strasse eine Vogelfeder fand, die ihr gefiel. Ich schlug ihr vor, sie auf dem Kopf zu tragen, wie eine Indianerin. Als mir der Vorwurf der kulturellen Aneignung wieder in den Sinn kam, war es schon zu spät, denn sie war mit der Feder auf dem Kopf bereits auf Taubenjagd, dem Luzerner Pendant zur Büffeljagd.

Meine Tochter Mina ist vier, und ein grosser Fan indianischer Kultur. In ihrem Kinderzimmer haben wir ein kleines Tipi aufgebaut; darin sitzt sie manchmal stundenlang und studiert die Lebensweise der Hopi, Apachen und Shoshonen. Das ist okay, glaube ich, aber sich als Indianerin zu verkleiden, geht gar nicht. Das ist ein Akt kultureller Aneignung, und als solcher ähnlich problematisch, wie wenn Adele Bantu Knots trägt, Ariana Grande sich ein japanisches Tattoo stechen lässt oder ein amerikanisches Football-Team mit einem indianischen Logo aufläuft.

Letzteres widerspreche dem Bildungsauftrag der Sportler, findet die United States Commission on Civil Rights. Wer jemals an einem Football-Spiel war, fragt sich vielleicht, inwiefern dieser Bildungsauftrag Früchte trägt, aber existieren tut er offenbar.

Nur die schönen Seiten des indianischen Alltags

Kulturelle Aneignung ist laut dem Cambridge Dictionary «das Verwenden von Dingen einer Kultur, die nicht deine eigene ist, ohne zu zeigen, dass du diese Kultur verstehst oder respektierst». Nun hat Mina zweifellos den allergrössten Respekt vor Amerikas indigener Tradition, aber es stimmt schon: vollständig verstehen tut sie sie nicht.

Ihre Bilderbücher zeigen fast ausnahmslos die schönen Seiten des indianischen Alltags: Der Federschmuck (den natürlich längst nicht alle Stämme tragen!) ist hübsch, der Umgang mit der Natur vorbildlich, und die konsequente Verarbeitung sämtlicher Büffelteile nichts anderes als «Nose-to-tail» avant la lettre.

Wenn sie etwas älter ist, werde ich sie mit Kulturtechniken konfrontieren, die ich selbst kritisch beurteile, etwa das Häuten von Köpfen, oder das Begraben von Feinden bei lebendigem Leib – einfach um das ganzheitliche Verständnis zu fördern. Für den Moment mag es genügen, sie auf offensichtliche Übergriffe unsererseits hinzuweisen.

Es ist kompliziert

Wirklich konsequenter Verzicht auf kulturelle Aneignung ist aber schwierig. Ich tippe diese Kolumne auf einem Sofa sitzend (eine arabische Erfindung), trinke Espresso dazu (italienisch-arabisches Raubgut) und verwende – man sehe es mir nach – das römische Alphabet. Ausserdem trage ich Jeans, die hier früher mal als «Cowboyhose» verunglimpft wurden, aber von einem bayerischen Emigranten erfunden wurden: Levi Strauss.

Wer mag bei solcher Komplexität noch von sich behaupten, den Überblick zu bewahren? Mir jedenfalls gelingt es trotz mehrerer Ethnologie-Vorlesungen nicht immer. Kommt dazu, dass selbst unser nacktes Ich – befreit von Kleidern und kulturellem Ballast – auf Vorleistungen anderer beruht. Unsere Gene zum Beispiel haben wir komplett bei Mama und Papa geklaut. Ohne zu fragen.

«Reine Kultur» erinnert an ganz miese Zeiten

Eine Welt ohne Aneignung wird also nicht einfach zu schaffen sein. Unter uns: Ich hoffe sogar, dass das Vorhaben scheitert, und wir eines Tages wieder fröhlich drauflosappropriaten können. Die Idee, eine Kultur abzugrenzen und «rein» zu halten, ist mir zutiefst suspekt. Das haben in den 1930er-Jahren schon einmal Leute versucht, die sich absurderweise ein indisches Symbol auf die Fahne schrieben. Dessen Name – Swastika – bedeutet übersetzt «alles ist gut». Eine ziemlich schlechte Beschreibung dessen, was danach kam.

Aber zurück zu kleineren Problemen: Mina hat dann ihre Feder leider sehr bald wieder verloren. Das war ein Drama für sie. Aber immerhin haben die Indigenen jetzt ihre Würde zurück.

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1 Kommentare
  1. Christian Wattenhofer, 04.12.2021, 17:10 Uhr

    Cultural appropriation? Heisst das, dass ich in Zukunft keine Pizzas und Spaghetti mehr kochen darf, da dies italienisches Kulturgut ist?

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