Tagebucheintrag zum Geschehen des Zweiten Weltkriegs mit einem Zeitungsausschnitt von General Henri Guisan, Staatsarchiv Luzern, PA 1214/1 (Bild: zvg)
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Tagebucheintrag zum Geschehen des Zweiten Weltkriegs mit einem Zeitungsausschnitt von General Henri Guisan, Staatsarchiv Luzern, PA 1214/1 (Bild: zvg)

Das Tagebuch von Elsbeth Widmer

7min Lesezeit

Elsbeth Widmer kam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Welt. Ihr Tagebuch erlaubt einen Einblick in den Alltag einer jungen Frau aus dem Kanton Luzern. Auch wenn scheinbar keine grossen Sprünge möglich waren, wusste Elsbeth Widmer die verfügbaren Freiräume für sich mit Lebensfreude und Kreativität zu nutzen. Nicht zuletzt dank des treuen Begleiters – ihrem Fahrrad.

«Ihr fleissigen Töchter hier habt ihr Papier, ein ganzes Heft voll, zum Einschreiben und Berechnen von Kochrezepten; denn ihr sollt ja kochen lernen!» So steht es auf einer der ersten Seiten eines von aussen unscheinbar wirkenden Tagebuches von einer gewissen Elsbeth Widmer aus Sursee.

Darauf folgen Listen, in denen akribisch die Aufwendungen eines Menus, bestehend aus einer Maggi Erbsen- mit Schinkensuppe mit Rindsbraten, Kartoffelstock und Kopfsalat für acht Personen, aufgelistet sind: Der Kostenpunkt für dieses Menu im Jahre 1935 betrug 7.20 Franken. Darauf folgen zahlreiche, in geschwungener Schrift verfasste, Rezepte von Käsekräpfli bis Ravioli.

Der Auszug aus einer Kochanleitung des Lebensmittelherstellers Maggi, bekannt insbesondere durch seine Würze, täuscht. Denn das Tagebuch gibt Einblick in die Lebenswelt einer jungen Frau während des Zweiten Weltkrieges, die sich um weit mehr kümmerte als um Kochrezepte.

Tagebuch von Elsbeth Widmer aus Sursee, entstanden zwischen 1933 und 1944, Staatsarchiv Luzern, PA 1214/1
Tagebuch von Elsbeth Widmer aus Sursee, entstanden zwischen 1933 und 1944, Staatsarchiv Luzern, PA 1214/1 (Bild: zvg)

Das Tagebuch von Elsbeth Widmer ist im Staatsarchiv Luzern erhalten. Dort sind auch einige Angaben zu ihrer Person vermerkt. Sie wird in Oberkirch geboren. Im Alter von 10 Jahren verliert sie ihren Vater und wächst in Sursee in bescheidenen Verhältnissen auf. Nach der obligatorischen Schulzeit absolviert sie eine Anlehre als kaufmännische Angestellte. Schliesslich arbeitet sie beim Unternehmen Calida – die zu einer Lebensstelle bis zu ihrer Pensionierung wird.

Bereits in jungen Jahren fleissig

Elsbeth Widmer war bereits in ihren jungen Jahren eine fleissige Tagebuchschreiberin und Dichterin. Wir wagen einen Blick in eines ihrer Tagebücher, das die Jahre 1934 bis 1944 umfasst. Wir erhalten Einblick in die Welt einer 12-jährigen Schreiberin, die bei Abschluss des Tagebuches eine junge Frau sein wird. In selbst verfassten Gedichten griff sie ganz alltägliche Momente auf, sie zeigte sich aber auch als wache Beobachterin des Zeitgeschehens. Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ist einmal ganz gegenwärtig, mal verschwindet er hinter nachdenklichen, anekdotischen und heiteren Erinnerungsstücken aus dem Alltag.

So beschreibt sie etwa im Rückblick, dass sie einige Tage in Basel nahe der Grenze bei einer Familie verbracht habe, in der Nähe der Rheinbrücke, die verbarrikadiert und von Soldaten bewacht gewesen sei. Sie berichtet, wie ihr die Natur in der Grossstadt fehlte und eines morgens im Mai 1940 mehrere Stunden «das Surren fremder Flugzeuge» ertönt sei. Blättert man im Tagebuch weiter nach hinten, prescht ein Kampfflieger durch ihre, mit Tinte geschriebenen, mehrseitigen Schilderungen des globalen Kriegsgeschehens.

In dieser Zeit entdeckt sie eine ihrer Passionen

Mit 15 Jahren lernt sie Fahrradfahren und das Velo wird fortan zu ihrem «treuen Begleiter». Mit ihrem 1941 erstandenen neuen Drahtesel mit drei Übersetzungen, wie sie nicht ohne Stolz vermerkt, fährt sie binnen drei Jahren mehr als 1'000 Kilometer. Wie sich aus den Einträgen erschliessen lässt, beginnt Elsbeth Widmer wohl 1942 im Haushalt einer Familie im Wesemlinquartier in Luzern zu arbeiten. Sie schildert ihren Alltag bei der Familie häufig in Versen. Zu ihren Ausflügen mit dem Fahrrad notierte sie: «In den freien Stunden, habe ich manch Tal u. Berg überwunden». Zum Hochzeitstag des Paares schrieb sie: «Nun zum Schluss, nochmals den Glücksgruss, zur 7. Jahresfeier der Hochzeit. Essen Sie jetzt, es ist bereit. Wünsche Ihnen einen guten Appetit, Qu’est-ce que vous dites?!?»

Elsbeth Widmers «treuer Begleiter» in ihrem Eintrag vom 9. April 1944, Staatsarchiv Luzern, PA 1214/1
Elsbeth Widmers «treuer Begleiter» in ihrem Eintrag vom 9. April 1944, Staatsarchiv Luzern, PA 1214/1 (Bild: zvg)

Die Ferien, die sie von der Familie erhält, nutzt sie für ausgiebige und ambitionierte Fahrradtouren. Im August 1943 etwa radelt sie von Sursee aus nach Luzern über den Brünig nach Interlaken, Thun, Bern, Burgdorf und wieder zurück nach Sursee. Eine Strecke von ca. 250 Kilometern. Auf einer weiteren Tour, sie bemerkt es fast beiläufig, stösst sie auf dem Brünig auf Soldaten: «Ein gutes Stück vor der Passhöhe sass ich wieder auf mein Stahlross. Auf dem ganzen Weg patrouillierten Soldaten mit Motorrädern u. Autos hinauf u. hinab.» Und zu Weihnachten 1943 notierte sie, man könne sich glücklich schätzen, dass man sich in der Schweiz an Weihnachtsgeschenken erfreuen könne: «Denken wir an andere Länder, die im Kriege sind, die konnten nicht denken ans Weihnachtskind.»

Auf einer weiteren Tagebuchseite stanzte Elsbeth Widmer mit Bleistift die Worte «Krieg 1939-1943» auf eine Seite, daneben zeichnete sie brennende Gebäude und fallende Bomben. Der Eintrag entstand am 5. April 1944 und Elsbeth Widmer vermerkt an dessen Ende: «der Krieg geht weiter und scheint noch kein Ende zu nehmen.» Zwischen den Zeilen zeugen eingeklebte bunte Rabattmarken davon, dass auch die Schweiz vom Krieg mitgeprägt war und Textilien wie beispielsweise Schuhe und Lebensmittel wie Brot rationiert waren.

«Butter ist rar, das ist wahr»

Im Mai 1941 waren zudem zwei fleischlose Tage eingeführt worden. Dies schlug sich auch in Elsbeth Widmers Rezeptsammlung nieder. So vermerkte sie bei einem Rezept für Lauchrollen, dass diese an fleischlosen Tagen alternativ mit Käse bestreut werden könnten. In einem weiteren Vers kommentierte sie: «Butter ist rar, das ist wahr.» Sie zeigte sich betroffen vom Weltgeschehen und fasste dieses auf ihre eigene Weise zusammen. Sie schnitt Bilder aus der illustrierten Presse und aus Zeitungen aus, arrangierte sie und beschriftete sie. Sie versammelte nicht nur eine Galerie mit den «führenden Staatsmännern von Europa, USA und China», sondern listete auch verschiedene Flugzeugtypen auf.

Ein «schwerer Bomber» inmitten der Kriegsschilderungen, verfasst 1944, Staatsarchiv Luzern, PA 1214/1
Ein «schwerer Bomber» inmitten der Kriegsschilderungen, verfasst 1944, Staatsarchiv Luzern, PA 1214/1 (Bild: zvg)

Das Tagebuch von Elsbeth Widmer erlaubt einen Einblick in den Alltag einer jungen Frau aus dem Kanton Luzern vor dem Hintergrund des globalen Kriegsgeschehens. Auch wenn scheinbar keine grossen Sprünge möglich waren, wusste Elsbeth Widmer die verfügbaren Freiräume für sich mit Lebensfreude und Kreativität zu nutzen – nicht zuletzt dank des treuen Begleiters – ihrem Fahrrad.

Kleine und grosse Geschichten rund um Luzern können auf den Führungen des Frauenstadtrundgangs Luzern erlebt werden.

Angela Müller

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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