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CF über das Spiel der Jahreszeiten, Blutwürste und weshalb die Frauen gelassener altern.

Claudio Fenner

Herbst. Eine Jahreszeit, die nicht nur kulinarisch von sich reden macht, sondern auch abseits von Rehpfeffer, Spätzli, Kürbis und Rotkraut (wenn ich noch einmal eine Tafel vor einem Restaurant sehe, wo «wild auf Wild» steht, dann hole ich höchstpersönlich die Schrotflinte aus dem Keller. Und sollte das Blut spritzen und die Leber zerreissen, ist das dem Metzger wurst.) diverse Annehmlichkeiten zu Tage fördert. Die grosse Hitze ist vorbei. Die Hektik des grausamen Badi-Sommers auch. Welt und Kinder haben einen Gang runter geschaltet und zeigen sich von ihrer versöhnlichen Seite. Genauso wie die Garderobe. Fleischliche Schandflecken wie Schwimmringe oder Reithosen dürfen nun wieder stilsicher verpackt werden und während der kalten Monate in überheizten Räumen gemächlich im eigenen Saft vor sich hin garen.

Bei mir an der Bar im Storchen ist eigentlich das ganze Jahr über Herbst. Und auch wenn hin und wieder ein alteingesessener Stammgast analog zu seinen getrunkenen Gläsern seinen 17. Frühling erlebt, so ist die Reife des Lebens doch allgegenwärtig spürbar. Aber Moment! Reif heisst natürlich noch lange nicht alt. Klar, hin und wieder beehrt mich auch ein am Stock gehender Greis, der sich standhaft wehrt, seine Rente mit ins Grab zu nehmen. Aber unter dem Strich ist diese wunderbare Kneipe doch eher ein Tummelfeld für Menschen, die, drücken wir es mal gnädig aus, sich im September ihres Lebens befinden.

Dabei ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in etwa gleich. Leider. Denn Frauen (vorausgesetzt sie haben Kinder) kommen scheinbar mittlerweile besser klar mit dem Älterwerden als ihre maskulinen Pendants und sind dementsprechend für den Barkeeper im Umgang viel angenehmer. Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Zum Beispiel: Während sich der ergraute Casanova über schwindende Manneskraft und Trinkfestigkeit beklagt und dabei frustriert bis aggressiv werden kann, baden seine gleichaltrigen Helenas nach wie vor im Champagner und erfreuen sich der höchsten sexuellen Aktivität ihres bisherigen Daseins (Quelle: Dr. Sommerteam [sic!]). Ein weiterer Grund: Heute sind die Frauen mit fünfzig das, was sie früher mit dreissig waren. (Teilweise) sensationell erhalten. Dem Siegeszug von Kosmetikindustrie und plastischer Chirurgie sei gedankt. (Nein Männer, dass der Wohlstandsbauch bei Frauen ankommt ist ein Mythos.)

Auch mental hat sich einiges getan. Die Zeiten des repressiven zuhause-auf-den-Ehemann-warten sind definitiv vorbei. Die Frauen von heute werden zunehmend artgerecht gehalten, haben Auslauf, dürfen oder müssen gar arbeiten und erfreuen sich dabei bester geistiger Gesundheit (während Männer im gleichen Alter höchstens wie eine sprunghafte Platte ihre ach so faszinierenden Militärgeschichten hundertfach wiederholen.) Kommt hinzu, dass es immer mehr Aktivitäten gibt, die das weibliche Geschlecht auf die zweite Hälfte des Lebens vorbereiten. Yoga, Trivialpsychologie, Esoterik, Handlesen, Blumen stecken oder halt einfach in der Bar rumhangen und auf Männerfang gehen. All das feiert Hochkonjunktur und ist Salz auf die Wunden patriarchaler Traditionalisten. 

Gerade der Männerfang hat sich über die Jahre hinweg stark verändert. Das Bild des reichen, älteren Herren mit seiner superscharfen, intellektuell hinkenden Mittzwanziger-Freundin aus Osteuropa oder Thailand bröckelt gleichermassen wie das Gebiss des oben beschriebenen Greises. Die Stadt-Amazonen haben den Spiess umgedreht und fischen mittlerweile auch im amourösen Jungbrunnen (oder lassen sich fischen). Nur müssen sie dafür ihren Horizontalspielzeugen keine Perlenketten, Handtaschen oder Deutschkurse schenken. Ein Auto reicht vollkommen. Muss man das eigentlich versteuern?

 

Aus dem zentralplus Blog Barkeeper-Blog

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