«Das Ziel ist, zu gewinnen – alles andere kommt danach»
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Die Köpfe rauchen noch nicht, aber die Denkarbeit ist förmlich spürbar.   (Bild: pgu)

Reportage vom Luzerner Start-up-Weekend «Das Ziel ist, zu gewinnen – alles andere kommt danach»

6 min Lesezeit 01.05.2017, 15:30 Uhr

Zum fünften Mal fand an diesem Wochenende das Start-up-Weekend Luzern statt. Von der vagen Idee bis zum finalen Konzept gab es 54 Stunden Zeit. Durchgesetzt hat sich eine Webseite, um Wohnungen zwischenzunutzen. Obwohl der Kopf dahinter gar keine Zeit dafür hat.

Start-ups sind heute in aller Munde. Für die einen ist es der Traum der Selbstständigkeit, für die anderen die Realisierung eines Herzensprojekts, was sie antreibt. Und wieder andere suchen einfach den schnellen wirtschaftlichen Erfolg.

Für Vera Müller, die an diesem Wochenende die Teilnehmer mitbetreut, stehen am Start-up-Weekend allerdings Innovation und Kreativität im Vordergrund: «Hier sind viele junge Leute, die eine innovative und kreative Idee verfolgen, aber sich mit dem wirtschaftlichen Bereich noch nicht so auseinandergesetzt haben.» Hier hätten sie die Chance, Leute für ihr Projekt zu gewinnen, die ihnen in diesen Fragen weiterhelfen können. «Die Erfahrung und das Fachwissen unserer Coaches ist hier sehr gefragt.»

Überall Post-its

Sechs Gruppen arbeiten in verschiedenen Räumen der CKW in Rathausen intensiv an ihren Projekten. Überall stehen Pinnwände, hängen Plakate und kleben Post-it-Zettel. Die Kreativität und der Elan sind hier schier greifbar. In den letzten Stunden vor dem Finale werkeln die meisten noch an ihrer Präsentation. Die Spannung steigt.

Patrick Venzin ist OK-Mitglied und ebenfalls für die Betreuung der Teilnehmer und der Juroren zuständig. Er freut sich über die Vielfalt der Projekte, die in diesem Jahr vorgestellt werden. In den letzten beiden Jahren hätten sich mehrere Projekte um Foodcars gedreht. «An diesem Wochenende sind mehr technisch innovative Projekte am Start, die sich in ganz unterschiedlichen Bereichen ansiedeln.»

Und überall hängen Post-its.

Und überall hängen Post-its.

(Bild: pgu)

Besonders spannend ist für Venzin, wie sich interdisziplinäre Gruppen bilden. Am Freitag wurden verschiedene Projektideen vorgestellt, aus denen schliesslich acht ausgewählt wurden. Danach bildeten sich Gruppen, von denen jetzt sechs zum Finale antreten.

«Hinter dem Projekt ADA stand anfangs ein ganz junges Team, das sich aus Informatiklehrlingen zusammensetzt. Ihnen hat sich eine Frau, die mitten im Berufsleben steht und sich sehr gut im Bereich Handel auskennt, angeschlossen. Ein Techniker der CKW hilft zudem mit seinem Know-how», sagt Venzin.

Viele scheitern

Von der Idee bis zum erfolgreichen Unternehmen ist es ein langer Weg – viele scheitern. Einer, der es geschafft hat, ist Manuel Brun. 2012 hat er mit zwei Teammitgliedern den zweiten Platz am Start-up-Weekend Luzern geholt. Sie entwickelten die Terminreservations-Software Hairlist für Coiffeursalons. Heute sind sie zu fünft in der Firma tätig.

Sie starteten zu zweit am Start-up-Weekend, eine dritte Person, die bereits mehr Erfahrung mitbrachte, schloss sich an. «Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Atmosphäre. Alle Teilnehmer hatten ihre Visionen und Träume», sagt Brun. «Ich weiss noch, wie wir nach dem offiziellen Abschluss bis weit in die Nacht hinein zusammengesessen sind und gemeinsam geträumt haben.» Es komme viel Know-how zusammen, die Bekanntschaften seien Gold wert und öffneten immer wieder Türen, so Brun.

Manuel Brun hat 2012 den zweiten Platn erreicht, mit einer Software für Coiffeurs.

Manuel Brun hat 2012 den zweiten Platz erreicht mit einer Software für Coiffeurs.

(Bild: pgu)

Eine simple Idee nimmt Fahrt auf

An diesem Sonntag setzt sich das Projekt «Stay In Our City» durch. Die Idee ist erst einmal recht simpel: Es gibt viel leerstehenden Wohnraum in der Stadt Luzern. Das kann etwa der Fall sein, wenn ein Mieter auszieht, in einem halben Jahr eine Renovation ansteht und eine Zwischennutzung für die Immobilienfirma nicht rentabel erscheint. Hier setzt «Stay In Our City» an.

Leerstehende Wohnungen sollen für kurze Zeit an Touristen oder Studenten vermietet werden. Die Idee aufgebracht hat Tobias Hönger. Er studierte Psychologie und Religion und schloss seinen Master in Internationale Beziehungen ab. Der 32-Jährige arbeitet für das Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern als Schulevaluator.

Am Anfang braucht’s noch nicht viel für ein Start-up: gute Ideen und ein paar Hilfsmittel.

Am Anfang braucht’s noch nicht viel für ein Start-up: gute Ideen und ein paar Hilfsmittel.

(Bild: pgu)

Ans Start-up-Weekend ist er nur gekommen, weil ein Freund als Coach eingeladen war und ihn dazu überredet hat, teilzunehmen. Mit einer eigenen Idee anzutreten, war für ihn eigentlich gar kein Thema: «Am Freitagabend hatten sich 15 Teilnehmer angemeldet, um ihre Geschäftsideen vorzustellen. Ich war keiner von ihnen. Aber die Veranstalter meinten, sie bräuchten noch einige Ideen mehr, um nachher eine richtige Auswahl zu haben.» Also dachte sich Hönger: «Ich hab nichts zu verlieren und ich kann eine Minute lang frei reden.»

Er weiss, was Gäste wollen

Also hat sich Tobias Hönger noch gemeldet. «Ich bin bereits seit einigen Jahren bei Airbnb und weiss, was die Gäste ungefähr wollen – nämlich einfache Schlafplätze.» Er stellte seine Idee vor und ergänzte: «Hier geht’s nicht um Social entrepreneurship, sondern darum, Cash zu machen – wer hat Lust, dabei zu sein?» Und das hat gezogen.

Fünf Leute haben sich seinem Projekt angeschlossen. «Während andere Teilnehmer richtige Bewerbungsgespräche veranstaltet haben und ganz spezifisch etwa nach einem Ingenieur oder einer Designerin gesucht haben, wollte ich einfach kreative Leute in meinem Team, die auch über den eigenen Tellerrand hinausschauen», sagt Hönger.

Gewinner, der zuerst nicht wollte: Tobias Hönger

Gewinner, der zuerst nicht wollte: Tobias Hönger

(Bild: pgu)

So stiessen zum Projekt ein Wirtschaftsinformatiker, zwei Informatikstudierende der Hochschule Luzern, ein ehemaliger Polymechaniker und eine Studentin in Businessmanagement, die ihr Studium ein Jahr unterbrochen hat, um Projekte zu verfolgen.

Auf das Wesentliche konzentrieren

Bis zu diesem Wochenende haben sich die sechs nicht gekannt, nun mussten sie innerhalb von 54 Stunden eine Projektskizze auf die Beine stellen. «Das Schwierigste war, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wir sind sechs sehr kreative Menschen, die da zusammengekommen sind. Alle hatten Ideen und brachten diese mit ein», erzählt Hönger.

Es gab Momente, wo sie sich in Details verfangen hatten und Tobias Hönger sagte: «Wir haben am Sonntag fünf Minuten Zeit für die Präsentation. Was ist unser Ziel?» Die Antwort: coole Wohnungen anzubieten! Hönger darauf: «Nein, das Ziel muss sein, dass wir gewinnen. Alles andere kommt danach.»

Eine Webseite in 10 Stunden

Bis auf kleine Schwierigkeiten ist Tobias Hönger von der Zusammenarbeit begeistert. «Am Anfang war das ja nur so ein vager Gedanke, der innerhalb der letzten 54 Stunden zu einer ausgereiften Idee geworden ist.» Neben einer Kostenkalkulation und einem soliden Businessplan haben sie an diesem Wochenende sogar ihre eigene Webseite lanciert: stayinour.city.

Wirtschaftsinformatiker Sebastian Fix sagte, dass er in zehn Stunden eine Webseite machen kann – und hat es bewiesen. «Ich habe das ja fast nicht für möglich gehalten», sagt Hönger.

Applaus für die Sieger.

Applaus für die Sieger.

(Bild: pgu)

Der Event sei letztlich ein Aha-Erlebnis gewesen: «Während des Wochenendes habe ich gemerkt, wie man sich manchmal in seinen eigenen Gedanken festfährt, wenn man alleine an etwas herumbrütet und wie wichtig der Input anderer Personen ist», sagt Hönger.

Wie es mit dem Projekt weitergeht, wird sich zeigen. «Das Ding ist, ich habe ja überhaupt nicht mit so was gerechnet, als ich herkam. Für mich kommt es derzeit nicht infrage, meinen Job aufzugeben», sagt Hönger. Aber vielleicht haben andere Zeit und übernehmen den Lead. «Und ich werde dann eher eine beratende Rolle einnehmen», so Hönger.

OK-Mitglied Patrick Venzin und Team-Betreuerin Verena Müller.

OK-Mitglied Patrick Venzin und Team-Betreuerin Vera Müller.

(Bild: pgu)

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