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Das Karpfenparadies im «Rottal der drei Kantone»
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Ein seltenes Foto von einem der Tiere. Es sind Aischgründer Spiegelkarpfen. (Bild: Christoph Preyer/zvg)

Karpfenzucht bei St. Urban Das Karpfenparadies im «Rottal der drei Kantone»

8 min Lesezeit 14.09.2014, 16:00 Uhr

Egli und Felchen sind bekannte einheimische Speisefische. Aber Karpfen? Am äussersten Zipfel des Kantons Luzern, bei St. Urban, wird die alte Tradition der Karpfenzucht wiederbelebt. Zentral+ hat das Projekt mit Tierschützern zusammen besichtigt.

«Das Fleisch des Karpfens schmeckt ziemlich nussig bis neutral. Deshalb mögen ihn auch Leute, die Fisch ansonsten verschmähen», sagt Manfred Steffen, Projektleiter von «Karpfen pur Natur». So heisst ein Verein und ein Naturschutz- und Forschungsprojekt, bei dem man die naturnahe Haltung dieses alten europäischen Speisefischs erkunden will.

Karpfen ist heute bei uns schon fast etwas Exotisches, und nicht allen ist der Fisch mit dem grossen Maul geheuer. Das war aber nicht immer so. Im Rottal, wo der Kanton Luzern an die Nachbarkantone Bern und Aargau angrenzt, einer idyllisch-ländlichen Gegend, unterhielten die Mönche des Klosters St. Urban einst Dutzende von Karpfenteichen. So viele wie nirgends in der Schweiz.

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Dabei war der Fisch nicht nur in der Fastenzeit auf dem Speiseplan der Brüder. Der Grund war eine Ordensregel: Die Zisterzienser durften kein Fleisch von warmblütigen Tieren essen; der Karpfen war eine erlaubte Alternative. Mit der Aufhebung des Klosters 1848 wurden die zahlreichen Teiche aufgegeben und trockengelegt.

Dämme rund um St. Urban

Man sieht gemäss Steffen noch Überreste der Teichwirtschaft der Mönche. «Die Dämme in der Landschaft zeugen von der einstigen Fischzucht», erklärt Steffen. 2005 haben einige Idealisten vom Verein «Lebendiges Rottal» und dem später gegründeten Verein «Karpfen pur Natur» wieder an diese Tradition angeknüpft.

Neben ihnen waren es grosszügige Bauern, welche die Idee vorwärts brauchten, in dem sie landwirtschaftliche Nutzfläche kostenlos zur Verfügung stellten. Die Teiche wurden an neuen Orten ausgebaggert: Heute sind es fünf Stück. Sie haben sich mittlerweile zu kleinen Naturparadiesen entwickelt. Die Karpfenteiche werden im Rahmen der Bewirtschaftung alle paar Jahre trockengelegt. Auf dem austrocknenden Schlamm entwickelt sich eine in der Schweiz akut vom Aussterben bedrohte Pflanzengesellschaft, die Teichbodenflur oder Zwergbinsenannuellenflur.

Künstliche neue Teiche gebaut

Der erste neue Karpfenteich war der Aeschweiher zwischen St. Urban und Altbüron. Diesen zeigte Manfred Steffen den Mitgliedern des Tierschutzvereins fair-fish. Der Teich und seine Umgebung bietet Lebensräume für viele gefährdete Pflanzenarten mit speziellen Namen. Zum Beispiel für den Nickenden Zweizahn, die Moorbinse, das Ölandische Sternlebermoos oder den Kleinling. Doch auch Tiere wie die Ringelnatter, der Eisvogel oder die Erdkröte fühlen sich hier wohl.

Da der Aeschweiher momentan zur Schlammmineralisation abgelassen ist, bekamen die Besucher seltene Pflanzen, aber leider keinen Karpfen zu Gesicht. Am Grüenbodenweiher in Pfaffnau zeigten sich dann aber einige der schönen Spiegelkarpfen nahe an der Wasseroberfläche.

Extensive Tierhaltung

Der Karpfen

Der Karpfen lebt natürlicherweise in flachen, sich gut erwärmenden Stillgewässern und langsam fliessenden, reich verzweigten Flüssen. Er sucht die Nahrung, kleine Tiere, in der Schlammschicht des Gewässergrundes. Das Ablaichen beginnt im Mai/Juni, wenn die Wassertemperaturen mit rund 20° C ausreichend hoch sind. Es findet in seichten, pflanzenbewachsenen Uferbereichen oder bei Hochwasser im Gras überfluteter Wiesen unter heftigem Geplätscher statt. Die Karpfen wachsen rasch. Nach drei Sommern sind sie um die 40 cm lang und 1.5 kg schwer. Karpfen können einen Meter lang und 30 kg schwer werden. Oft braucht es etwas Geduld die Fische zu entdecken: Sie sonnen sich gerne im freien Wasser, schwimmen knapp unter den Laichkrautblättern oder suchen die Nahrung entlang dem Uferbereich. Manchmal springen sie auch kurz aus dem Wasser.


Der Karpfen hat eine lange Tradition: Ursprünglich stammt er aus Asien, die Römer brachten ihn nach Europa. In Deutschland, Frankreich, Ungarn, Polen, Slowenien, Kroatien, Israel und in China werden seit jeher Karpfen gezüchtet. In Polen hatten viele Bauern traditionell einen Karpfenteich. Nicht nur bei den Zisterziensern in St. Urban, sondern auch bei orthodoxen Juden ist der Karpfen ein beliebter Speisefisch, denn Fische mit Schuppen gelten als koscher. Eine Spezialität heisst «Gefilter Fisch».

Beim Projekt «Karpfen pur Natur», das wird schnell klar, geht es nicht einfach um die Ausbeutung einer weiteren Fischart für unseren Speisezettel. Dafür sind die Mengen der jährlich «geernteten» Karpfen viel zu klein, und das soll auch so bleiben, macht Steffen klar. Es ist eine extensive Haltung, mit wenigen Karpfen pro Quadratmetern. «Wir füttern die Fische nicht. Sie ernähren sich von kleinen Wassertierchen, die naturnahe Karpfenteiche besiedeln», erklärt der Projektleiter.
Die Karpfen aus dem Rottal hätten auch nicht den leicht sumpfigen Geschmack mancher Artgenossen aus intensiven Zuchten; dieser kommt vom Blaualgenwachstum in den oft aufgrund der Nährstoffe überdüngten Teichen.

Nach zwei Jahren «geerntet»

Die Jungtiere von St. Urban werden dieses Jahr in einem Zuchtbetrieb in Rothrist aufgezogen. Anschliessend setzt man die einsömmrigen Karpfen in den verschiedenen Teichen aus und lässt sie eineinhalb bis zwei Jahre alt werden. Alle zwei Jahre wird jeder Teich vollständig ausgefischt. Man lässt die Gewässer vorher ab und fängt die Fische mit Netzen und Keschern (siehe Fotos am Schluss).
Dabei kommen freiwillige Helfer zum Einsatz, die man entsprechend instruiert. «Wir haben einen ‚Karpfen-Knigge’ entwickelt und wollen, dass man anständig mit diesen Lebewesen umgeht, auch in ihrem letzten Lebensabschnitt», sagt der Biologe. Die Karpfen würden betäubt und dann per Kiemenschnitt getötet und ausgeblutet. Für fair-fish ist diese Tötungsart vertretbar (siehe Interview).

Nur kleine Mengen

Die Menge von gefischten Karpfen variiert. Letztes Jahr waren es 25 bis 30 Stück, da nur ein kleiner Teich abgefischt wurde. Die grösseren Tiere nimmt das Gasthaus Löwen in Melchnau ab, wo sie der Küchenchef sie jedes Jahr auf die Karte setzt. Die Kleineren werden zu Karpfenknusperli verarbeitet, die man mit ein wenig Glück am Rottaler Erntefest im Oktober in Langenthal geniessen kann.

Der «Löwen»-Wirt aus Melchnau ist kreativ: Es gab schon gebackenen Karpfen, Filets oder Fischsuppe. Doch auch mit den Pflanzen, die in den Karpfenteichen wachsen, habe er schon interessante Gerichte kreiert. Aus der Wasserminze, die eine milde Minze-Vanille-Note aufweist, zauberte er zum Beispiel einen Dessert.
Doch auch andere Rottaler hat der Karpfen inspiriert: Etwa mit dem «Zigerchrosikarpfe», einem Krapfen-Gebäck, das neu die Form eines Karpfens hat und die regionale Spezialität «Zigerschrosi» enthält. (Der Brotaufstrich  wird seit Generationen im Luzerner Hinterland hergestellt und traditionell am Morgen von Fronleichnam gegessen, so auch im Luzerner Teil des Rottals.)

Der Karpfen wirkt identitätsstiftend: Die Gegend zwischen Wigger, Langete und Aare hat mit den Karpfen ein Markenzeichen erhalten, das grenzüberschreitend Identität stiftet und eine Zusammenarbeit der Regionen Willisau, Sursee, Zofingen, Olten-Gäu und Oberaargau fördert.

Knowhow für andere Projekte

In der Region sind rund ein Dutzend weitere Teiche geplant. Eine grössere Ausweitung ins Mittelland oder gar Umstellung auf Intensivzucht ist aber nicht vorgesehen. Auch wenn die Nachfrage die Produktion noch lange übersteigen wird, versichert Manfred Steffen zum Schluss. «Wir stellen unser Wissen aber gerne für andere Projekte zur Verfügung, insofern diese die Methoden und Ziele von ‘Karpfen pur Natur’ teilen.» Jungkarpfen werden keine abgegeben.

Die mehrheitlich ehrenamtlichen Aktivitäten des Vereins wurden von verschiedenen Seiten finanziell unterstützt: In der Aufbauphase vom Bund (Regio Plus Projekt des Seco), die Teichbauten ermöglichte der Fonds Landschaft Schweiz, doch auch kantonale Stellen und der Naturschutzfonds, Sponsoren und Gönnern halfen finanziell. Der Verein sucht weitere Mitglieder.

Susanne Hagen und Bianca Miglioretto von fair fish.

Susanne Hagen und Bianca Miglioretto von fair fish.

Interview mit Susanne Hagen und Bianca Miglioretto, Co-Geschäftsführerinnen des Vereins fair-fish (www.fair-fish.ch)

zentral+: Sie haben gerade das Projekt «Karpfen pur Natur» besichtigt. Was halten Sie davon?

Susanne Hagen: Es ist ein gutes Beispiel für ein Projekt, bei dem das Tierwohl und der Naturschutz im Vordergrund stehen, nicht die kommerzielle Nutzung. Wir haben heute einiges erfahren über die extensive Zucht. fair fish wird mit dem Projektleiter in Kontakt bleiben und seine Erkenntnisse in unsere ethologische Datenbank aufnehmen.

zentral+: Ethologisch, noch nie gehört, helfen Sie mir?

Bianca Miglioretto: Ethologie ist ein Teilgebiet der Zoologie und bedeutet Verhaltensforschung. Wenn man das natürliche Verhalten der Fischarten kennt, kann man daraus schliessen, was die Fische brauchen und wie sie artgerecht gehalten werden können. Unsere Datenbank wird kostenlos zugänglich sein und interessierten Fischzüchtern dabei helfen, ihre Fische artgerecht zu halten.

zentral+: Was brauchen Fische, um glücklich zu sein?

Hagen: Fisch ist nicht gleich Fisch. Jede Art hat spezielle Bedürfnisse. Artgerechte Haltung ist bei jeder Fischart anders. Forellen fühlen sich beispielsweise in fliessendem Wasser wohl, Karpfen mögen ruhige Gewässer mit wenig Strömung. Sicher brauchen aber alle Zuchtfische Rückzugsmöglichkeiten vor Licht, Lärm und dominanten Artgenossen.

Miglioretto: Ja, je nach Alter und Art der Fische unterscheidet sich beispielsweise auch die Anzahl von Fischen, die man pro Kubikmeter halten sollte, damit sie sich wohl fühlen. Wenn es zu viele sind, greifen sie sich an. Im Gegensatz zu anderen gehaltenen Tieren weiss man aber noch sehr wenig über die Bedürfnisse von Fischen. Daher ist es uns ein wichtiges Anliegen, dieses Wissen zu sammeln und zu verbreiten.

zentral+: Wem nützt dieses Wissen und wer braucht es?

Hagen: Fischzüchter können von diesem Wissen profitieren, denn Fische, die sich wohl fühlen, sind widerstandsfähiger und werden daher seltener krank. Die gesetzlichen Vorgaben im schweizerischen Tierschutzgesetz sind leider nur rudimentär und betreffen nur einen Teil der in der Schweiz gezüchteten Arten. Für neu in der Schweiz gezüchtete Arten wie beispielsweise den Zander fehlen Bestimmungen, was zu Rechtsunsicherheit führt. fair fish fordert daher eine unabhängige ethologische Prüfstelle, an die sich Züchter und die kantonalen Veterinärämter wenden können.

zentral+: Sind in der Schweiz gezüchtete Fische besser als Wildfang aus dem Meer?

Miglioretto: 95 Prozent der konsumierten Fische werden importiert. Wer durch den Kauf von Schweizer Zuchtfisch etwas gegen die Überfischung tun will, sollte Zuchtfische meiden, die derzeit noch mit Fischmehl oder -öl gefüttert werden müssen, da auch die Gewinnung dieser Futterfische zur Überfischung beiträgt. Konkret heisst dass, besser auf Raubfische wie Forellen verzichten und stattdessen Friedfische wie Karpfen, Felchen oder Tilapia bevorzugen.

«Auch Fische mit MSC-Label werden mit Grundschleppnetzen gefangen. Eine qualvolle Fangmethode.»

Susanne Hagen, Co-Geschäftsführerin fair-fish

zentral+: Kann man Fische mit dem MSC-Label mit gutem Gewissen essen?

Hagen: Nicht ganz: Das MSC-Label garantiert zwar, dass der Konsum der Fische nicht zu Überfischung der befischten Bestände führt. Allerdings werden bis zu 80 Prozent der MSC-Fänge mit Grundschleppnetzen gefangen, welche den Meeresboden stark schädigen. Für die Fische ist das eine sehr qualvolle Fangmethode. Wir verlangen deshalb, dass bei Labelfischen auch das Fischwohl ein Kriterium wird. Bei Wildfängen würde dies bedeuten, dass nur umwelt- und tierschonende Fangmethoden angewandt werden dürften. Bei Zuchtfischen müsste vermehrt auf die artgerechte Haltung und möglichst schonende Tötung geachtet werden. Zudem verlangen wir, dass Labelprodukte auch für faire Arbeits- und Handelsbeziehungen stehen müssten.

zentral+: Und, kommen Sie durch mit Ihren Forderungen?

Hagen: Die Nachfrage regelt das Angebot. Wir alle können beim Kauf von Fisch Auskunft darüber verlangen, wie der Fisch gefangen oder gehalten wurde und auf einen Kauf allenfalls verzichten. Wer diesen Forderungen Nachdruck verleihen möchte, kann beispielsweise unsere Petition zur Deklaration der Fangmethode unterstützen, die sich an den Handel und an die Gastronomie richtet. Bei Gesprächen mit Züchtern sowie mit Vertretern des Handels und der Gastronomie stellen wir fest, dass diese die Wünsche ihrer Kunden sehr wohl ernst nehmen und unseren Forderungen gegenüber mehrheitlich positiv eingestellt sind. Daher glauben wir, dass sie früher oder später umgesetzt werden.

Eine Karte mit den Standorten der früheren und der heutigen Karpfenteiche im Rottal der drei Kantone.

Eine Karte mit den Standorten der früheren und der heutigen Karpfenteiche im Rottal der drei Kantone.

(Bild: mbe.)

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