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Darf dieser Bauer mit seinem Säuli bald nicht mehr ins Freie?
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Unter heiterem Himmel: Das Ferkelchen ist bei Züchter Kurt Bigler in bester Hand. (Bild: hae)

Luzerns Schweinehalter haben Angst vor der Wildsau Darf dieser Bauer mit seinem Säuli bald nicht mehr ins Freie?

6 min Lesezeit 07.05.2018, 05:13 Uhr

Die Afrikanische Schweinepest bringt den Tod nach Europa und die vielen Bauern im Kanton Luzern sind alarmiert: 420’000 Luzerner Schweine gibt es, jede dritte Sau in der Schweiz wird bei uns gemästet. Eine Spurensuche mit einem Tierarzt zeigt: Die Angst geht um bei Luzerner Schweinebauern.

«Wenn die Schweinepest wirklich bald zu uns kommen sollte, dann ist es aus mit meiner Schweineproduktion», stellt Markus Rey fest. Vorerst noch sachlich. Er überlegt lange. «Das schockt mich schon», schiebt der 45-jährige Bauer aus Ruswil dann nach und fuchtelt mit den kräftigen Armen. Denn seine vielen Tiere haben Auslauf mit Blick auf Wiese und Wald. Und dort lauert vielleicht bald schon die Pest.

Ob er gegen den Kontakt mit Wildschweinen nicht bald einen Zaun um seine Schweineschüür legen sollte, fragt Bauer Markus Rey den Tierarzt Alois Estermann (54). Der Tierarzt antwortet: «Dann müsste das aber ein doppelter Zaun sein. Denn nur schon ein Rüsselkontakt reicht zum Übertragen der Seuche.»

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Virus für Menschen ungefährlich

Die Angst geht um bei den Schweinebauern der Region, denn noch immer gibt es keinen Impfstoff gegen die hochgradig tödliche Pest. Zumindest ist das Virus für den Menschen ungefährlich. Es kann aber durch den Menschen, durch Stiefel, Kleider, Fahrzeuge und vor allem durch die Verfütterung von Speisen, welche den Erreger tragen, übertragen werden.

Macht sich Sorgen um seine Existenz: Markus Rey in seinem Freilichtstall.

Macht sich Sorgen um seine Existenz: Markus Rey in seinem Freilichtstall.

(Bild: hae)

In Osteuropa ist die Afrikanische Schweinepest bereits ein grosses Problem. Alles fing vor zwölf Jahren an: 2006 wurde im georgischen Schwarzmeerhafen Poti Müll aus Afrika auf offenen Müllhalden entsorgt und von Wildschweinen gefressen. Diese stecken dann Hausschweine an, andererseits füttert und jagt man in Osteuropa Wildschweine. Speisereste werden wieder den Wildschweinen und den Hausschweinen zum Fressen gegeben. «So verbreitet der Mensch indirekt, aber weitläufig das Schweinepest-Virus», sagt Alois Estermann.

Deshalb sind im Moment die grossen Bösewichte die vielen Wildschweine, welche die verheerende Krankheit übertragen können. Die Seuche, die neu nur noch 700 Kilometer entfernt im Osten Europas wütet (siehe Box), lässt die Tiere sehr schnell schwach werden und meist innerhalb einer Woche verenden.

Markus Rey, der einen grossen Hof mit 28 Milchkühen und 240 Mastschweinen in fünfter Generation betreibt, hat sich bislang noch nie um die Saupest gekümmert. Doch als vor ein paar Tagen Reys Fleischvermarkter Agrifera zur alljährlichen Versammlung lud und über die Tierpest informierte, legten sich trotz Speis und Trank Sorgenfalten auf die Stirn des Bauern.

«Plötzlich realisierte ich, dass da nicht nur meine Existenz bedroht ist.»

Markus Rey, Bauer aus Ruswil

«Plötzlich realisierte ich, dass da nicht nur meine Existenz bedroht ist», stellt Markus Rey fest. Denn vor allem naturnah produzierende Bauern wie Rey sind stark gefährdet, weil die Wildschweine ja am ehesten mit freilaufenden Mastschweinen in Kontakt kämen.

«Aber ich könnte mir eine andere als diese artgerechte Haltung gar nicht mehr vorstellen», sagt er und streichelt eines seiner fast 100 Kilo schweren Tiere, die er innert hundert Tagen von 25 Kilos auf das vierfache Gewicht hochpäppelt.

Tipps vom Tierarzt

Der aus Gunzwil stammende Alois Estermann gibt dem neugierigen und verunsicherten Bauern Tipps, zeigt ihm Broschüren und informiert über den neusten Wissensstand. Der Schweizerische Schweinegesundheitsdienst (SGD), dessen Leiter Estermann seit 13 Jahren in der Niederlassung Sempach-West ist, informiert seit Jahren über den Schutz der Hausschweine vor Wildschweinen.

Vielfältige Gefahr

In rund 700 Kilometern Distanz zur Schweiz wurde vor Kurzem ein infiziertes Wildschwein in Tschechien gefunden. Die grösste Gefahr für die Schweiz ortet das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen laut seinem «Radar Bulletin» bei der Einfuhr von nicht erhitztem Fleisch von Schweinen respektive Wildschweinen aus betroffenen Staaten. Ausserdem droht auch Gefahr von kontaminierten Jagdgeräten, Stiefeln, Kleidern oder Jagdtrophäen sowie Zecken. Einen Impfstoff gegen die Afrikanische Schweinepest gibt es nicht, für Menschen bleibt das Virus aber ungefährlich.

«Unser Anliegen ist es, Schweizer Schweinehalter vor der Tierseuche zu schützen. Schweinehalter werden seit Jahren durch Gespräche, Referate und durch SGD-Merkblätter informiert», erklärt Alois Estermann. Die Gefahr nimmt laufend zu, denn immer mehr Wildschweine dringen von Norden in die Schweiz. Während im Kanton Luzern im letzten Jahr nur zwei Wildsäue erlegt wurden, waren es deren 1’500 im Aargau, die im selben Zeitraum geschossen wurden.

Autobahn bremst den Zulauf

Die Autobahn, fast noch ohne Wildwechsel, bremst den Zulauf in unsere Region. Wildschweine dringen vor allem aus dem süddeutschen Raum und aus Frankreich in die Schweiz. Allein in Bayern werden pro Jahr 60’000 Wildschweine abgeschossen, in der gesamten Schweiz hingegen nur deren 6’000.

Doch die Invasion der Wildschweine scheint nicht mehr aufzuhalten, hat der Bund doch beschlossen, bald einen Wildtierübergang über die Autobahn von Luzern nach Bern zu bauen. 14 Millionen Franken kostet beispielsweise der Wildtierübergang Suret bei Suhr, welcher 50 Meter breit ist und in den nächsten Jahren fertiggestellt sein wird.

Bedrohung aus dem Norden: Tierarzt Alois Estermann mit der Wildschwein-Verbreitung in der Schweiz.

Bedrohung aus dem Norden: Tierarzt Alois Estermann mit der Wildschwein-Verbreitung in der Schweiz.

(Bild: hae)

Aus Kostengründen wurde der andere, ursprünglich auf 2020 geplante Wildtierübergang bei Oftringen vorerst bis 2030 verschoben. Estermann ist froh, doch «aufgeschoben ist nicht aufgehoben». So haben die Schweinehalter mehr Zeit, sich zu schützen. Estermann: «Die Schweinehalter müssen sich anpassen und ihre Massnahmen hinsichtlich Biosicherheit erhöhen.»

Aber auch vor Lastwagenchauffeuren müssen sich Schweinebauern in Acht nehmen: «Essen ist Heimat», sagt Schweinekundler Alois Estermann, «und nicht nur die Polen bringen ihre Essware am liebsten gleich aus der Heimat mit.» Dabei kann der Erreger selbst in eingefrorenem Zustand bis zu 3’000 Tage überleben, 200 Tage sogar noch in einer Salami. «Immerhin: Für den Menschen stellt die Seuche keine Gefahr dar, auch wenn die Schweine elendiglich daran verrecken», so Estermann.

«Wenn ich eine Wildsau bei mir oben am Wald sehen würde, würde ich sie am liebsten gleich abknallen.»

Bauer Markus Rey

Bei der Diskussion lässt sich Bauer Rey zu reichlich Emotionen hinreissen: «Wenn ich eine Wildsau bei mir oben am Wald sehen würde, würde ich sie am liebsten gleich abknallen. Das ist doch erlaubt, sobald sich das Wildtier bis zu 50 Meter an mein Gelände heranwagt. Oder nicht?»

Tierarzt Estermann ist im Moment überfragt, wird das aber abklären. Da fällt Bauer Rey ein, dass er ja im Militär ausgemustert wurde und seine Ordonnanzwaffe abgegeben hat. «Und mit meiner alten Remington würde ich wohl nicht mal eine Krähe treffen …»

Fühlt sich kaum von der Schweinepest bedroht: Bauer Kurt Bigler mit Sohn und Säuli.

Fühlt sich kaum von der Schweinepest bedroht: Bauer Kurt Bigler mit Sohn und Säuli.

(Bild: hae)

Weniger Respekt vor der Schweinepest hingegen hat der Hellbühler Ferkelzüchter Kurt Bigler. «Ich mache mir da nicht gross Gedanken, denn wir Schweizer Züchter haben schon manche Tierseuche überstanden.» Der 34-Jährige verkauft seine 25-Kilo-Ferkel an Mäster wie Markus Rey, es ist jedes Jahr eine kleine Armee.

«Von der Lage her sind wir in Hellbühl sehr zentral, deshalb habe ich keine Angst.»

Kurt Bigler, Hellbühler Ferkelzüchter

Dieses Säuliheer wächst in Hallen ohne Auslauf heran, deshalb hat der zweifache Vater keine schlaflosen Nächte: «Von der Lage her sind wir in Hellbühl sehr zentral, deshalb habe ich keine Angst. Und bis sich die Seuche allenfalls vom Kantonsrand bei der Aargauer Autobahn ausgebreitet haben sollte, laufen die Sicherheitsvorkehrungen des Bundes sicherlich schon auf Hochtouren.»

Wissenswertes für den Bauern Markus Rey: Tierarzt Alois Estermann (rechts) klärt auf.

Wissenswertes für den Bauern Markus Rey: Tierarzt Alois Estermann (rechts) klärt auf.

(Bild: hae)

Die Ferkelkrankheit Enzootische Pneumonie, eine ansteckende Lungenkrankheit, beispielsweise gab es 1998 auf vielen Schweinehöfen. Die Branche, die Schweinehalter, die Vermarkter und der SGD haben von 1999 bis 2003 diese Krankheit mit strengen Auflagen komplett ausgerottet, nachdem ganze Gebiete jungtierfrei waren.

«Nirgends weltweit leben so viele gesunde und gut gehaltene Schweine wie in der Schweiz.»

Alois Estermann, Tierarzt aus Gunzwil

Die Schweinepest treibt Tierarzt Estermann aus Gunzwil zwar um, doch auf den Magen schlägt sie ihm nicht: Trotz Krimis mit Krankheiten und vielen Einblicken in Schweineställe isst der Tierarzt immer noch gerne viel Fleisch. «Im Unterschied zu vielen meiner Kollegen, die vermehrt auf Proteindrinks setzen, geniesse ich mit Vorliebe Schweinefleisch – aber nur solches aus der Schweiz. Nirgends weltweit leben so viele gesunde und gut gehaltene Schweine wie in der Schweiz»

Das beruhigt Bauer Markus Rey vorläufig. Aber in Zukunft wird er hellhörig sein. Und die Schweinepest zumindest in den Medien weiterhin verfolgen.

So berichtet die «Welt»-Zeitung über die Schweinepest in Deutschland:


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