Und nun folgt der Wetterbericht …
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Die Meteorologie bringt Abwechslung (Bild: Pixabay).

Formulierungen mit Potenzial zum Fortsetzungsroman Und nun folgt der Wetterbericht …

7 min Lesezeit 2 Kommentare 18.07.2020, 11:02 Uhr

Wenn auf nichts mehr Verlass ist, was wird aus Herrn K? Alle um ihn herum sterben und er beerdigt sich selber stets ein Stücklein mit, wenn er von einer geliebten Person Abschied nehmen muss. Sogar seine Wörter sterben in ihm ab und er schliesst sich in seinen Kopf ein. Bis er auf die Meteorologie stösst, die ihm Trost verschafft.

Herr K hat nichts mehr zu tun. Seit fünf Jahren steht er nirgendwo auf einer Lohnliste. Im ersten Monat nach der Pensionierung hat er seine neuen Freiheiten noch genossen: kein Wecker, der seine schönsten Träume zerschrillt, kein Frühstückskaffee im Schein der Deckenlampe, keine stressige Schlüsselsuche im Halbdunkeln, keine Stosszeiten, keine Überstunden, kein Feierabend, keine Ferien.

Obwohl neidische Spötter oder spöttische Neider meinen, er habe jetzt ewige Ferien.

Anfänglich besucht Herr K noch den Stammtisch, wo sich die Kollegen aus dem Büro regelmässig treffen. Dann stirbt der Ruedi unerwartet eine Woche vor seiner Pensionierung. Warum hat der Ruedi nicht schon mit 60 aufgehört zu arbeiten, wie ich selber, denkt Herr K. Dann hätte er wenigstens noch etwas vom Leben gehabt, sich auf den Lorbeeren seiner Arbeit ausruhen und die Weltreise, von der er immer gesprochen hat, wirklich unternehmen können.

Jetzt ist der Ruedi nicht mehr und Herr K besucht den Stammtisch immer seltener, da ihm der Wunsch nach Geselligkeit abhandengekommen ist und er sich von den Gesprächen zunehmend ausgeschlossen fühlt.

Einmal Rentner – immer Rentner

Und diese Sticheleien wegen seiner ewigen Ferien!

Ja, du hast es gut! In deiner Haut möchte ich stecken!

Herr K ist es leid, in seiner eigenen Haut zu stecken.

Er verstummt.

Auch vom Ausschlafen hat er plötzlich genug. Immer häufiger ertappt er sich beim Wunsch, um sechs Uhr morgens das Deckenlicht in der Küche anzuknipsen und Kaffee zu trinken.

Plötzlich interessiert er sich für den Wetterbericht.

Jahrzehntelang hat er seine Arbeit in einem vollklimatisierten Büro verrichtet. Da war es unwichtig, ob er im Winter warme Socken trug und im Hochsommer im Büro die offenen Sandalen gegen Halbschuhe austauschte, um dem Kleiderkodex zu genügen.

Offene Schuhe muss er tragen. Seine Füsse schwellen sonst bei Hitze an, als ob er schwanger wäre. Oder in den Wechseljahren. Wobei auch Männer nicht vor den Wechseljahren gefeit sind; das hat er so gelesen. Dann wechseln die Männer ihre Frauen aus, aber davon hält er sowieso nichts.

Herr K lebt lieber alleine. Selbst ein Hund wäre ihm zu viel der Gesellschaft. Diese ewige aufgeregte Lebensfreude, dieses devote Sich-Unterwerfen. Vor ihm muss sich niemand auf den Boden knien.

Sein Büro war vollklimatisiert und es konnte draussen noch so drückend heiss sein, drinnen wehte stets ein unangenehm kalter Luftzug – wie im Kühlraum einer Grossmetzgerei. Nackenstarre und Sommergrippe waren die Folgen der stetigen Kühlung.

Wie kann man sich nur im Sommer erkälten!

Der Gedanke, dass er selber zum Thema einer Schlagzeile werden könnte, wie sie an den Kiosken ausgehängt sind, amüsierte ihn:

«Tragischer Tod auf dem Bauamt – Abteilungsleiter erfroren!»

«Klimakatastrophe auf dem Bauamt!»

Frost = Fristen beim Erfrieren

Schon versinkt K in die Welt der Vorschriften und Paragraphen und träumt von Verordnungen und Bestimmungen. Er fragt sich, ob es medizinisch überhaupt möglich ist, dass man erfriert.  Einfach so. Am helllichten Tag. In der Nacht schon, das glaubt er, denn er hat schon von erfrorenen Obdachlosen gelesen. Oder von Besoffenen, die im Schnee ihren Rausch ausschlafen wollten und direkt vom Knistern der Flammen des Fegefeuers geweckt wurden.

Ja, das ist eine Abwechslung! Von eiskalt zu glutheiss.

Gibt es Fristen, die man beim Erfrieren einhalten muss?

Der Tod kommt im Schlaf, wenn man erfriert, und K fällt ein Witz ein. Das heisst, ihm fällt der Witz ein, denn es ist der einzige Witz, den er sich merken kann.

«Zwei Beamte treffen sich um drei Uhr nachmittags auf dem Flur.

Erkundigt sich der eine beim andern: «Kannst du auch nicht schlafen?»

Besonders lustig findet Herr K diesen Witz zwar nicht. In Zeiten der «me too-Debatte» und der «Mohrenkopfgeschichte» würde man ihn gar verbieten, da er diskriminierend ist gegenüber Beamten, aber seine Mutter musste damals so herzhaft lachen, als er ihn bei einem Besuch einmal erzählte, dass er den Witz nie mehr vergessen konnte.

Allerdings kann es durchaus sein, dass seine Mutter damals über ihn lachen musste und nicht über den Witz.

Auch sonst ist Herr K eher ein ernsthafter Mensch, keine Scherze und auch kein unnötiges Geschwätz. Dafür hat er einfach nichts übrig.

Herr K wundert sich oft, worüber man diskutieren kann.

Reality-TV-Shows sind für ihn die höchste Stufe der Dekadenz, die das Fernsehen in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat.

Dieses Fremdschämen, heimliche Kollektiv-Gaffen, heuchlerische Empören – er kann diese Art von Betroffenheit nicht nachvollziehen. Alles künstlich hervorgerufene Gefühle, die man ohne Fernsehen gar nicht hätte und die deshalb in Wirklichkeit nicht existierten.

Oder Stammtischgespräche!

«Weisch no …», so fangen sie an, «weisch no …».

Und dann ergibt ein Wort das andere und Bier und Wein helfen beim Hervorholen von Erinnerungen.

«Weisst du noch …»

«Nein!», denkt er, «ich weiss es noch nicht.» «Weisch nonig!»

Aber er nickt zustimmend und hört sich die Weisch-no-Geschichten an, obwohl sie ihn langweilen.

Das heisst, jetzt hört er sie sich nicht mehr an, da er nicht mehr an den Stammtisch geht.

Auch mit seiner Mutter kann er keine Geschichten mehr austauschen.

Sie ist letztes Jahr gestorben. Einfach tot umgefallen in ihrem Garten, beim Rosenschneiden.

«Ja, diesen schönen Tod hat sie verdient! Sie selber war auch eine stille und herzensgute Frau», sagten die Kondolenten am Grab.

Geschlafen hat Herr K in seinem Büro noch nie. Abgesehen von einem «power-nap» an den Tagen, an denen er über Mittag im Büro blieb. Aber ausserhalb seiner Arbeitszeiten.

Dann holte er sich in der Bäckerei ein Sandwich, Schinken oder Salami, obwohl er Thon-Sandwiches sehr gern mochte. Aber diese kleckerten und ausserdem bildete er sich ein, er bekomme vom Verzehr von Fisch Mundgeruch, was ihm selbst beim Telefonieren peinlich war.

Das Bauamt verfügt zwar über eine Kantine, die es sich mit dem Gericht und dem Grundstücksamt teilt, alle im selben Gebäude untergebracht, aber dort ging er nur hin, um seinen Espresso zu trinken – what else!

Teilweise bewölkt

Bereits ein halbes Jahr nach seiner Pensionierung sitzt Herr K regelmässig um sechs Uhr morgens bei Kaffee und Deckenlicht in seiner kleinen Küche und hört Radio.

Er wartet auf den Wetterbericht.

Immer dieselben Nachrichten, die vor dem wirklich wichtigen Ereignis des Tages heruntergeleiert werden.

Im Westen wird getweetet, was ihn irgendwie an einen zwitschernden Vogel erinnert, im Norden schmilzt das Eis und die Eisbären verhungern und können nicht mehr erfrieren, im Osten schlitzt man die Augen vor Drohungen und im Süden ballt sich alles Elend und alle Armut dieser Welt. Da ändert sich nie was!

Ausser beim Wetter, dieser spannenden Materie. Da bewegt sich was. Temperatur, Niederschlag, Wind, alles hängt da zusammen.

Herr K ist stolz darauf, in der sogenannt gemässigten Zone zu leben, wo sich die Wetterlage stündlich verändern kann.

Dieser Tatsache wird viel zu wenig Beachtung geschenkt. Nur schon die Formulierungen beim Vortragen des Wetterberichts. Da besteht noch Potenzial! Das wäre doch perfekt für einen Fortsetzungsroman!

«Wollen Sie wissen, ob Aiolos seine Drohung, die Stadt am Meer wegzufegen, wahr macht? Nimmt Poseidon den Kampf gegen das Tiefdruckgebiet auf? Wie hoch werden sich die Cumuluswolken türmen, bevor die ersten Blitze rauszucken? Hören Sie morgen um diese Zeit wieder unseren Wetterbericht!»

Wenn Herr K den Wetterbericht lesen würde, ja, das wäre was anderes. Da würde Klarheit herrschen! Da würde man wissen, was auf einen zukommt.

«Ein Tiefdruckgebiet hat diese Nacht unser Land erreicht. Heftige Sturmböen fegten über den Jura und entwurzelten Tannen. Die Temperaturen sinken im Verlaufe des Vormittags auf 20 Grad. Trotz regnerischem Tag sollte man wegen der starken Winde auf einen Regenschirm verzichten.»

Jeden Morgen um sechs Uhr sitzt Herr K in der Küche und sinniert darüber nach, wie viele Wolken es braucht, damit es teilweise bewölkt ist.

Herr K ist pensioniert. Er hat viel Zeit.

Er überlegt sich, ob er noch Meteorologie studieren soll.

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2 Kommentare
  1. Emil Steinberger, 19.07.2020, 08:00 Uhr

    und nun folgt der Wetterbericht – grossartig, eindrückliche Alltags Schilderung. Gratuliere. Gibt es diese Gedanken als Buch?

    1. Katja Zuniga-Togni, 20.07.2020, 13:22 Uhr

      Liebe Emil
      Danke für das Riesenkompliment- und das noch vom Monsieur Kleintheater Luzern himself!!!!
      Wir hatten mal die Ehre, am selben Tischchen zu sitzen, als mein Bruder Andrej einer deiner Nachfolger war.
      Ein Buch besteht schon seit Jahren in meinem Kopf – wie kommt es da nur hinaus???
      Herzlich
      Katja

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