Gästival: Kein Urknall für die Tourismusgeschichte

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Schindler auf dem Sentimatt-Areal: Auch der einst grösste Luzerner Industriebetrieb, die Schindlerwerke, prosperierten erst mit dem Hotel-Boom. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Wer sich die Projektpapiere des «Gästival» noch einmal vor Augen führt, sieht sogleich: Die ursprüngliche Zielvorgabe des Festivals war die Tourismusgeschichte. Ob man dieser aber gerecht wird, sei dahingestellt.

Wer sich die Projektpapiere des «Gästival» noch einmal vor Augen führt, sieht sogleich: Die ursprüngliche Zielvorgabe des Festivals war die Tourismusgeschichte. Noch ist es zu früh, um sich ein abschliessendes Urteil zu erlauben. Aber eine Prognose will ich jetzt schon wagen: Ein Urknall für die sonst so stiefmütterlich behandelte Tourismusgeschichte wird mit dem Event später kaum verbunden werden. Immerhin gibt es von Martino Fröhlicher, der schon lange im Dienste von «Viastoria» die historischen Wege der Schweiz erforscht, einen Kulturführer «Waldstätterweg». Finanziell unterstützt wurde das Projekt von der Albert-Koechlin-Stiftung (AKS). Und auf der ebenfalls mit Geldern der AKS eingerichteten Homepage, www.waldstaetterweg.ch, werden unter der Rubrik «Lernen unterwegs» nicht nur berühmte Gäste sowie Hotel- und Bergbahnpioniere vorgestellt, sondern auch das sozialgeschichtliche Thema der Werktätigen der Tourismusindustrie aufgearbeitet. Ausserdem steht mit der theatralisch-inszenierten Show auf der Seerose, eingerichtet von Ueli Blum, sicher ein erster, kurzweiliger Einblick in die Gästekultur der Zentralschweiz auf der Bühne. Aber gerade in der wenig industrialisierten Zentralschweiz, mit ihrer wirtschaftlich enormen Wertschöpfung im Fremdenverkehr, hätte man sich eine grosse Ausstellung und vor allem eine umfassende Monographie gewünscht.

Erst der Hotelboom gab den Anstoss Aufzüge herzustellen.

Das Beispiel Schindler demonstriert Luzern als Fremdenstadt

Wir vom UntergRundgang – im Quartier zwischen Kasernenplatz und Kreuzstutz unterwegs – berühren immer wieder die Tourismusgeschichte. Selbst die ehemaligen Schindlerwerke, die sich zuerst auf der Reussinsel und später in der Sentimatt, zum grössten Arbeitgeber der Stadt Luzern entwickelten, sind ein Produkt des Fremdenverkehrsbooms. Denn, erst der Hotelboom gab den Anstoss Aufzüge herzustellen. Und dass sich die Stadt Luzern als Fremdenstadt verstand, spiegelt auch der Entscheid des Stadtrates im Jahr 1950 wieder: Damals wurde Schindler verwehrt, seine neue Fabrik auf der Allmend zu bauen.

Schindler auf dem Sentimatt-Areal: Auch der einst grösste Luzerner Industriebetrieb, die Schindlerwerke , prosperierten erst mit dem Hotel-Boom.(Bild: Stadtarchiv Luzern)

Schindler auf dem Sentimatt-Areal: Auch der einst grösste Luzerner Industriebetrieb, die Schindlerwerke , prosperierten erst mit dem Hotel-Boom.(Bild: Stadtarchiv Luzern)

Die helfenden Hände schliefend im Untergrund Quartier

Was uns Lokalhistoriker schon immer beschäftigte, hat Bertolt Brecht so formuliert: «Wer baute das siebentorige Theben?/ In den Büchern stehen die Namen von Königen./ Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?» Auf die Luzerner Tourismusgeschichte gemünzt heißt das: Wer hat die Hotelpaläste gebaut, wer bügelte die viele weisse Wäsche, servierte und kochte, wer schleppte die Koffer ins Hotel oder auf einer Sänfte die Königin Victoria in die Pension «Wales», gleich neben dem heutigen «Chateau Gütsch». Viele von diesen Bediensteten haben im Quartier Untergrund zwischen Kasernenplatz und Bernstrasse gewohnt. Die von der Stadt erstellte Wohnungsenquete, gefertigt um 1900, gibt Auskunft, dass gerade in der Sommerzeit das Schlafgängerwesen in der Basler Strasse weit verbreitet war. D.h. italienische Saisoniers wechselten sich ab, um eine Schlafstatt zu dritt zu belegen oder, anstelle des regulären Wohnungsinhabers, tagsüber das Nest gegen ein Entgelt zu nutzen. Denn gerade wenn die Sommersaison rund lief, brauchte es viele helfenden Hände von Billigarbeitern in der Tourismusindustrie. Betten dagegen fehlten.

Die eidgenössische Betriebszählung ermittelte eine Zahl von 3’070 Beschäftigten im Gastwirtschaftswesen.

Die saisonale Schwankung illustrieren zwei Zahlen sehr gut: So zählte die eidgenössische Volkszählung im Winter 1910 1’732 Beschäftigte in Gasthöfen, alkoholfreien Restaurants und Cafés. Die im Sommer 1905 durchgeführte eidgenössische Betriebszählung wiederum ermittelte eine Zahl von 3’070 Beschäftigten im Gastwirtschaftswesen. (Quelle: Hans Ruedi Brunner, Luzern – Gesellschaft im Wandel aus dem Jahre 1981 – immer noch das Beste zu Luzerner Tourismusgeschichte!).

Die alte Hochstrasser-Röstererei am Kasernenplatz: Auch die Baristas machten viel Umsatz mit Hotels und Cafés. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Die alte Hochstrasser-Röstererei am Kasernenplatz: Auch die Baristas machten viel Umsatz mit Hotels und Cafés. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

«Union Helvetia» etablierte sich in Luzern

Viele der Arbeitskräfte kamen aus dem Ausland. Dass sich gerade in der Fremdenverkehrsmetropole Luzern die Gewerkschaft «Union Helvetia» etablierte, ist kein Zufall. Mit dem Bau der Gotthard-Strecke – ebenfalls mehrheitlich «Made in Italia» – gelangten immer mehr Italiener und Deutsche im Sommer nach Luzern und schauten sich nach Arbeit um. Deshalb wurde die «Union Helvetia» im Jahr 1889 als Abwehrorganisation gegen die Überfremdung im Hotelgewerbe gegründet. Die ausländischen Saisoniers verdingten sich oft zu ausbeuterischen Löhnen und konkurrenzierten damit die heimischen Berufsleute.

Es tobte ein gnadenloser Konkurrenzkampf.

In der Zeitung der «Union Helvetia» wird immer der Almosencharakter der Trinkgelder beklagt, der Trinkgeld-Bettel angeprangert. Tatsächlich argumentierten viele Hoteliers und Restaurantbesitzer mit dem zu erwartenden Trinkgeld, um ihre Löhne tief zu halten. Und so wie es heute das Praktikantenwesen gibt, gab es damals das Volontärswesen. Die Volontäre in den Hotels erhielten keinen Lohn, dafür wurde argumentiert, dass sie durch das Erlernte entschädigt wurden. Die Kochlehrlinge mussten oft noch Lehrgeld zahlen oder die Kellner ihre eigenen Livrées stellen.

Bahnhof Luzern: Das umkämpfte Terrain der Kutscher und Gepäckträger. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Bahnhof Luzern: Das umkämpfte Terrain der Kutscher und Gepäckträger. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Ein Kampf gegen die technischen Fortschritte

Ein gnadenloser Konkurrenzkampf tobte auch zwischen den Drosckenkutschern und Dienstmännern (Gepäckträger). Vor allem, als dann noch das Automobil mit dem Taxi dazu kam, war das für die Rössli-Kutschen ein Einschnitt – wie heute für das Taxigewerbe international das Aufkommen des Internetdienstes «Uber». Eine ähnlich technologische Zäsur hat sich übrigens auf der Rigi ereignet – historischer Ausgangspunkt des Gästival. Als 1871 die Rigibahn eröffnet wurde, haben über Nacht mehr als hundert Rigiträger, die bisher die Koffer und Rucksäcke der gut betuchten Touristen auf die Königin der Berge schleppten, ihren Job verloren.

Konkurrenz für die Drosckenfahrer: Das Aufkommen des Trams (hier in der Baselstrasse). (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Konkurrenz für die Drosckenfahrer: Das Aufkommen des Trams (hier in der Baselstrasse). (Bild: Stadtarchiv Luzern)

 

 

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