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Tragische Geschichten aus Zuger Ortsteil

Ein Teufel und ein Geist stiften Unruhe in Oberwil

Der Teufel will die Oberwiler Kapelle zerstören. (Bild: Maria Greco)

Der Mülibach birgt ein dunkles Geheimnis, und der Teufel hat auf dem Geissboden seine Spuren hinterlassen. Zwei Geschichten berichten von unruhigen Zeiten auf dem Geissboden hoch über dem zugerischen Stadtteil Oberwil. Eine solche ist die Geschichte vom Mülibachwiib, die, so ist es überliefert, ihr Kind im Mülibach ertränkt hat.

Der kleine, beschauliche Ortsteil Oberwil südlich von Zug liegt eingebettet zwischen dem See und den steilen, bewaldeten Hängen des Zugerbergs. Nichts deutet darauf hin, dass sich hier einst zwei äusserst sonderbare oder schauerliche Ereignisse zugetragen hatten. Zahlreiche neue Häuser wurden hier in den letzten Jahren gebaut. Im Zentrum von Oberwil ist auch die moderne Bruder-Klaus-Kirche nicht zu übersehen.

An der Hauptstrasse steht neben ein paar noch verbliebenen alten Häusern ein kleines Kirchlein, die St.‑Niklaus-Kapelle, die ein paar Jahrhunderte älter ist als die Hauptkirche. Die Kapelle wurde am 17. April 1469 vom Weihbischof von Konstanz feierlich eingeweiht. Die Bauern von Oberwil und Umgebung waren sehr glücklich über diese Kapelle. Mussten sie vorher doch stets den langen Weg nach Zug zur Kirche gehen. Dieser blieb ihnen besonders an Werktagen nun erspart.

Der «Tüüfel» mag die Kirche nicht

In der Sage wird berichtet, dass sich einer überhaupt nicht gefreut hat über dieses neue Kirchlein in Oberwil: der Teufel. Eines Morgens kam der Teufel vom Geissboden her zum Waldrand, und mit seinem furchterregenden Gesicht schaute er grimmig zur Kapelle herunter. Er schäumte gar vor Wut und fluchte wild: «Oberwiler! Eure Kapelle sollt ihr nicht mehr länger haben! Mit diesem Stein will ich sie in Grund und Boden stampfen!» Er nahm einen mächtig grossen Stein vom Boden auf, stemmte ihn weit in die Höhe und mit wildem Geheul wollte er ihn auf die Kapelle schmettern.

In genau diesem Moment läutete aus dem kleinen Kirchenturm das Glöcklein ganz hell und klar. Der Ton dieser Glocke nahm dem Bösen die ganze Kraft. Und noch wütender als er schon war, warf der Teufel den Stein mit seiner ganzen Kraft auf den Boden. Dieser ist sogleich tief ins Erdreich gesunken. Noch heute sieht man den Teufelsstein im Wald. Und wenn man genau hinschaut, so sieht man noch immer die Fingerabdrücke des Teufels darin.

Die Sage vom «Mülibachwiib»

Eine weitaus traurigere Geschichte ist die vom Mülibachwiib. Oben auf dem Geissboden kommt der Mülibach aus dem Boden. Dieser stürzt dann durch ein wildes Tobel hinunter nach Oberwil und fliesst schliesslich in den Zugersee. Vor langer Zeit hatte ein Bauer eine junge Magd. Diese hat ihr uneheliches Kind nach der Geburt ins Tobel beim Mülibach geworfen. Bald darauf starb die Magd. Aber auch nach ihrem Tod musste die Magd für ihre schändliche Tat büssen.

So stand sie fast jede Nacht beim Mülibach oder wandelte in der Gegend herum. Sie wurde auch von ein paar Burschen, die in der Nacht auf dem Geissboden unterwegs waren, gesehen. Die Magd war in einer alten ländlichen Tracht gekleidet. Bis ins Oberwiler Dorf traute sie sich allerdings nie. Am Mülibach stand ein grosser Stein. Dieser schaute aus, als hätte ihn jemand angenagt. Dort, so wird erzählt, habe sie wahrscheinlich ihr Kind ertränkt. Es wird behauptet, dass man sie sogar schon am helllichten Tag gesehen hat, wie sie dort ihre Wäsche wusch.

Das Mühlibachwyl treibt ihr Unwesen in Oberwil
Das Mülibachwiib treibt sein Unwesen in Oberwil. (Bild: Brigitt Andermatt)

Ein Oberwiler Bursche hatte einmal von diesem Stein gehört und ging hin und beschmutzte ihn auf schändliche Art. Am selben Abend war es diesem Burschen nach seiner Tat nicht mehr ganz geheuer. Er machte sich jedoch keine grossen Gedanken darüber, was er angerichtet hatte, und ging zu Bett. Mitten in der Nacht, es hatte gerade zwölf geschlagen, polterte es heftig an seiner Tür. «Wer das wohl sein mag, um diese Zeit?», dachte er und schaute aus seinem Zimmerfenster.

Es hat ihn richtig geschüttelt vor Kälte und Angst, als er das Mülibachwiib vor seinem Haus stehen sah. Sie hat ihm befohlen, sofort den Stein zu putzen, den er am Tag verschmutzt hatte. Das Mülibachwiib hat ihm dabei versprochen, sie würde ihm nichts antun, solange er tue, was sie verlangte. Der junge Mann hatte mächtig Angst, zog sich an und ging mitten in der Nacht hinaus zum Stein, um alles in Ordnung zu bringen. Als er den Stein sauber geputzt hatte, rannte er nach Hause, ohne ihr nochmals begegnet zu sein.

Ein Bauer krank vom Mülibachwiib

Ein anderes Mal behaupteten zwei Bauern vom Walchwilerberg, das Mülibachwiib gesehen zu haben. Einer von ihnen sei sogar gewarnt worden, in der Nacht über den Geissboden zu wandern. Als er es dennoch tat, sei ihm ihr Geist erschienen. Dabei erschrak der Bauer so fest, dass er sich eine Weile nicht mehr vom Platz bewegen konnte. Als es ihm dann wieder möglich war, sei er nach Hause und habe sich ins Bett gelegt, worauf er schwer krank wurde. So intensiv hat ihn das beschäftigt.

In der Nähe der Mülibachquelle steht der Widishof. Ein paar Knechte hatten einst den Auftrag, bei einer trächtigen Kuh in der Nacht zu wachen. Mit der Zeit wurde es den Knechten aber langweilig. Sie fingen an, sich Geschichten zu erzählen. Dabei sprachen sie auch über das Mülibachwiib. Die beiden haben sich gegenseitig angestachelt und wurden immer übermütiger, bis der eine vor die Stalltüre trat und laut in die Nacht rief: «Mülibachwiib, chumm, wenns neumis mit dier isch!»

Kaum hatte er das gesprochen, bereute er es schon, sprang schleunigst zurück in den Stall und schlug die Türe laut zu. Als er bei seinem Kameraden angelangt war, begann der ganze Stall zu zittern, als ob jemand einen grossen Stein vor die geschlossene Stalltüre geworfen hätte.

Eine Sage oder Realität?

Der Geist des Mülibachwiibs soll noch bis zum heutigen Tag an manchen Stellen wandeln. So berichtete mir unlängst jemand von einer eigenartigen Erscheinung. Eine Frau, mit einem kleinen Kind an der Hand, altmodisch gekleidet und barfuss, sei bei winterlichen Temperaturen an einem frühen Morgen wie aus dem Nichts an der Strasse zum See gestanden. Ob es tatsächlich das Mülibachwiib war, lässt sich leider nicht nachweisen.

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Ob Hintergründe zu alten Gebäuden, Geschichten zu Plätzen, stadtbekannte Personen, bedeutende Ereignisse oder der Wandel von Stadtteilen – im «Damals»-Blog werden historische Veränderungen und Gegebenheiten thematisiert.
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