Wahrzeichen für Ottenhusen
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Der Turm wirkt transparent (Bild: Gerold Kunz)

Neuer Aussichtsturm im Seetal Wahrzeichen für Ottenhusen

3 min Lesezeit 1 Kommentar 06.03.2021, 11:00 Uhr

Studierende der Architekturschule Luzern durften im Seetal in Ottenhusen einen Holzturm errichten. Sein Standort geht auf einen römischen Gutshof zurück, dessen Mauerreste vor 170 Jahren entdeckt wurden. Mit dem Turm wird der verborgene Schatz nun in der Landschaft sichtbar.

In der sanften Hügellandschaft des Seetals setzt der neue Aussichtsturm mit seinen harten Konturen einen Akzent. Schon von Weitem sichtbar, markiert er im Gelände eine gut einsehbare Stelle. Hier stand ein römischer Gutshof. Ein wunderbares Panorama breitet sich aus, das den Blick in die Alpen und auf das leicht abfallende Gelände freigibt. Die Standortwahl für den römischen Gutshof war strategisch motiviert, von hier aus liess sich das Vorgelände überblicken. Der Turm erschliesst eine Aussichtsplattform, vermutlich um auf die verborgenen Mauerreste zu blicken.

Geschichtliche Inhalte vermitteln

Finanziert hat das Vorhaben die Projektgruppe Römischer Gutshof Ottenhusen. Eingebunden ist die Station in das Kulturabenteuer Seetal, eine Initiative der Kantonsarchäologie Luzern, die geschichtliche Inhalte an Schulen vermittelt. Sie hat nach der Burgstelle Nünegg in Lieli nun in Ottenhusen einen zweiten Standort im Seetal aktiviert. Weitere sollen folgen.

Ohne grosse Vorahnung bin ich zufällig auf den Turm gestossen. Zuerst dachte ich, hier habe sich jemand den Traum eines Baumhauses realisiert. Oder eine findige Bauernfamilie bietet Schlafen in luftiger Höhe an. Erst vor Ort wurde ich auf die historische Bedeutung hingewiesen. Was der Turm mit dem römischen Gutshof gemeinsam hat, erschloss sich mir beim Betrachten der Infotafeln hingegen nicht.

Die Lage bietet Übersicht

Der Turm ist etwas holperig, aber durchaus attraktiv. Die roh belassenen Holzstäbe betonen die Vertikale und die offenen Fugen lassen die Fassade im Gegenlicht transparent erscheinen. Die hoch oben liegende Terrasse greift in die Baumkronen aus und wird im Sommer beschattet sein. Leider fand ich coronabedingt eine verriegelte Türe vor, weshalb ich die Wirkung der Terrasse nicht selber erfahren konnte. Doch das Panorama ist auch vom Fuss des Turms eindrücklich genug, weshalb mich schon wieder die Frage umtrieb, wieso hier dieser Turm gebaut werden musste?

Erst auf dem Heimweg erinnerte ich mich an das futuristische Projekt des Architekten André Studer, der in den späten 1960er-Jahren im Seetal in Altwis eine grosse Feriensiedlung mit zweihundert vorfabrizierten Turmhäusern hatte bauen wollen. Seine Initiative scheiterte vermutlich an den veränderten Bedingungen der Nachkriegszeit, als das Seetal als bevorzugte Ferienhausgegend an Stellenwert verlor. Eine Erinnerung an diese jüngere Seetaler Vergangenheit lebt bis heute im Ferienhaus der Architektin Lisbeth Sachs nach, das sie in Aesch am Hallwilersee zwischen 1964 und 1967 errichtete. Ihre Architektursprache ist einzigartig und zeugt von ihrer Verbundenheit mit der Natur.

Seetaler Vorbilder als Leitlinien

Ein Hauch von Studers Vorfabrikationsidee ist auch im Turmneubau enthalten. Und die von Sachs eingesetzten Rundholzstützen leben gewissermassen in den Pfosten der Terrasse nach, die zudem ihre Lage in den Baumwipfeln mit jener im Ferienhaus in Aesch gemeinsam hat. Doch im Unterschied zu den beiden Werken der erfahrenen und experimentierfreudigen Architekten der Nachkriegszeit gibt sich der Ottenhuser Turm wenig innovativ, auch wenn dem studentischen Entwurf die Seetaler Vorbilder als Leitlinien dienten.

Für mich als zeitgenössischen Architekten haben die beiden Beispiele aus der jüngeren Architekturgeschichte einen ähnlich hohen Stellenwert wie für einen Archäologen die Überreste des verborgenen Gutshofs. Ich wünschte mir deshalb, dass auch das Raumplanungsamt (oder eine andere kantonale Stelle) sich auf ihren Baukulturvermittlungsauftrag besinnen und dem Beispiel der Kantonsarchäologie folgen würde. Ich vermisse konkret eine Stele, die mir sagt, weshalb es diesen Turm an dieser Stelle braucht und welche Vorarbeiten es gibt, auf die sich dessen Gestaltung bezieht. Oder was es beim Betrachten des gegenwärtigen Ottenhusen zu sehen gibt. Wir wollen schliesslich nicht nur in der Vergangenheit leben!

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1 Kommentare
  1. Bürkli, 08.03.2021, 09:22 Uhr

    Schön wärs gewesen, wenn die Studierenden etwas Anerkennung für ihre vermutlich fast kostenlose Arbeit erhalten hätten. Schon mehrmals, beispielsweise einem Holzbau für ein Fondue-Restaurant, wurden Entwürfe von HSLU-Studierenden verwendet, jedoch weder angemessen bezahlt noch gewürdigt. Die Anerkennung streichen andere ein. Ein Hinweis auf die ausbeuterische Arbeitweise, auf die die HSLU ihre Architekturstudierenden drillt.

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