Mit Ecken und Kanten
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Eckgebäude Damen/Augusta von Südwesten. (Bild: Gerold Kunz)

Gerold Kunz in Chicago Mit Ecken und Kanten

3 min Lesezeit 18.07.2016, 06:00 Uhr

Wie die Luzerner Neustadt leben auch die Stadtquartiere in Chicago von den Erdgeschossnutzungen. Ein Eckgebäude in der Nähe meines Studios interessiert mich nicht nur wegen seiner Architektur, sondern auch wegen seiner Haltung. Der Neubau hat aus einer gut frequentierten, aber vernachlässigten Strassenkreuzung in Chicago eine Adresse gemacht.

Öffentliche Erdgeschossnutzungen sind das A und O einer lebendigen Stadt. Sie tragen massgeblich zum urbanen Lebensgefühl bei. Diese Nutzungen vermögen den Strassenraum nicht nur zu beleben, sie werten diesen auch auf.

Dass sie zu einer Investitionsstrategie gehören, wurde mir bewusst, als ich hier in Chicago auf Jeff Libermann traf, einen Bauunternehmer, der zusätzlich zu seiner Baufirma auch eine eigene Kaffeerösterei, Asado Coffee Roasters, betreibt. Um seinen Investitionen eine Adresse zu geben, stattet er diese im Erdgeschoss mit seinem eigenen Kaffeelokal aus. Und seine Strategie zahlt sich aus.

Bereits hat er mehrere seiner Gebäude im Erdgeschoss mit seinem Kaffeelokal belegt. Später verkauft er seine Liegenschaften mit einem gut frequentierten Geschäft. Er liefert einen Brand, den sich die Leute merken können. Für einmal gilt: Was gut ist fürs Geschäft, ist auch gut für die Stadt.
 
Lockere Atmosphäre
 
Aus einer unauffälligen Strassenecke in Chicago, einen Block von meinem Atelier entfernt, haben auch Hanna Architects dank der eigenwilligen Architektur eine Adresse gemacht. Das 2015 erstellte Wohn- und Geschäftshaus punktet wegen seines Erdgeschossangebots und nicht nur wegen seiner Architektur. Die im Erdgeschoss eingebaute Bäckerei mit Kaffee wertet die Kreuzung auf.

Die grossflächige Verglasung überspielt die Unterschiede zwischen innen und aussen. Die gut gestalteten Holztische und Bänke geben dem Innenraum eine spartanische, aber auch lockere Atmosphäre; ideal für einen kurzen Zwischenhalt auf dem Weg zur Arbeit oder wohin auch immer.

Unten belebt, oben ungenutzt?

Vor dem Laden liess die Stadt eine öffentliche Velostation einrichten, was den Standort zusätzlich belebt. Im Gebäude gegenüber hat ein Kleiderladen seinen Betrieb aufgenommen. Die beiden anderen Eckpunkte werden von einem griechischen Restaurant und einer Tankstelle mit Shop genutzt. Doch der Hauptakzent liegt beim Neubau und seiner augenfälligen Architektur.

Die drei Obergeschosse werden bewohnt. Im Unterschied zum Erdgeschoss unterbinden dunkle Fenstergläser hier den Einblick in das Gebäude. Die auch aus Gründen des Sonnenschutzes verwendeten Gläser verleihen den Obergeschossen eine kalte und abweisende Stimmung. Nichts deutet auf die Nutzung hin. Nur das Attikageschoss, mit einer grösseren Raumhöhe versehen, lässt eine Wohnnutzung vermuten und tolle Blicke auf die Stadtkulisse erwarten.
 
Eigenwillige Architektur
 
Die Architektur wirkt für unsere Ansprüche zu unbestimmt. Die hellgrau verputzten Rahmungen deuten ein Raumgitter an, dessen Masse auf dem Erdgeschoss lastet. Renderings zeigten an den Fassaden neben dem Backstein auch die Verwendung von Holz, auf das in der Ausführung verzichtet wurde. Die versetzt zueinander angeordneten Öffnungen, gefasst von unterschiedlich breiten Rahmungen, definieren die beiden Eckfassaden. Die Rückseite ist ohne Relief. Auf der Westseite lösen sich die Rahmen zu Stützen auf und das Raumgitter geht in Balkone über.

Mir ist das Gebäude früh aufgefallen, dennoch habe ich es bisher nicht für den Chicago-Architektur-Blog in Betracht gezogen. Jetzt, wo ich viel in Chicago umhergekommen bin, wird mir die Bedeutung dieses Gebäudes mehr und mehr bewusst. Neben den Ikonen tragen gerade solche Bauten zu einer lebendigen Stadt bei. Markante Eckgebäude sind ein wichtiges Merkmal der Stadtquartiere. Sie heben sich von den angrenzenden Bauten in Volumen und Gestaltung ab.

Zuvor war das Grundstück unbebaut, so wie viele andere Eckparzellen im Stadtgebiet. Auch sind Wohnungen an dieser lärmexponierten Lage für einen Investor vermutlich nicht die erste Wahl. Umso erfreulicher, dass die Panoptic Group als Entwickler gemeinsam mit Dollop Bakeshop und Hanna Architects das Potenzial erkannt und das Vorhaben erfolgreich umgesetzt haben.

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