Berndeutsche Wortakrobatik mit politischem Statement
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Bänz Friedli hält der Gesellschaft den Spiegel vor. (Bild: Vera Hartmann)

Bänz Friedli im ausverkauften Kleintheater Luzern Berndeutsche Wortakrobatik mit politischem Statement

3 min Lesezeit 01.12.2016, 11:17 Uhr

Was bedeutet Zeit sparen? Diese philosophische Frage steht im Zentrum des neuen Bühnenprogramms von Kolumnist und Hausmann Bänz Friedli. In «Ke Witz! Bänz Friedli gewinnt Zeit» hält Friedli dem Publikum den Spiegel vor und zeigt witzig und pointiert die Absurditäten einer sich ständig beschleunigenden Gesellschaft.

Bänz Friedli ist längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der in Zürich lebende Tausendsassa aus dem Bernbiet kennt man dank seinen Kolumnen als geschäftigen Pendler und Hausmann der Nation. Dass er auch auf der Bühne überzeugen kann, bewies er mit seinen Kabarettprogrammen «Sy no Frage?» und «Gömmer Starbucks».

Am Mittwochabend präsentierte Friedli sein neues Stück vor ausverkauftem Haus im Kleintheater Luzern. Die hohen Erwartungen des Publikums hat er locker übertroffen.

Nichtstun als Protest

Im 1.-Klasse-Zugwagen von Zürich nach Bern findet sich Friedli in einer durch und durch gestressten Welt wieder. Seine Sitznachbarn sind schaurig busy; hier der geschäftige Zürcher, der mit seiner Sekretärin telefoniert und dabei private Einblicke in seine ausserehelichen Betätigungen gewährt, dort die knallharte Businessfrau, die dem ersten Anschein nach mit Friedli spricht, aber dann doch Stöpsel in den Ohren hat und mit jemandem telefoniert.

Hektik pur am Morgen früh. Friedli wird das alles zu viel, er atmet durch und macht – nichts. «Z Trotz nüüt mache.» Doch halt, er will nur noch schnell das und jenes erledigen. Wie schwer es uns fällt, einmal wirklich nichts zu tun und uns nur mit uns selber zu beschäftigen, führt uns Friedli schonungslos vor. Wenn wir nicht immer so busy wären, hätten wir vielleicht einmal Zeit zum Denken. Das kann Angst machen. Deshalb lenken wir uns lieber mit der Arbeit ab.

«Hesch Zyt im Griff?»

Wie können wir Zeit sparen, fragt sich Friedli. Wir können sie ja nicht auf ein Sparbüchlein tun. Während seine Tochter ihn immer wieder anhält, die Zeit im Griff zu haben, scheint es Friedli eher so, als ob die Zeit ihn im Griff hätte.

Der Wortakrobat Friedli vermag die sprachlichen Feinheiten genial in Szene zu setzen und spielt gewieft mit Temporalität, Klangfarbe und Akzentuierung.

Der Wortakrobat Friedli vermag die sprachlichen Feinheiten genial in Szene zu setzen und spielt gewieft mit Temporalität, Klangfarbe und Akzentuierung. Dass der technische Fortschritt seinen Beitrag zur sich ständig beschleunigenden Gesellschaft leistet, führt Friedli anhand zahlreicher Beispiele vor.

Obwohl er aber Live-Ticker, Fitness-Apps und Gruppenchats kritisiert, gehört er noch lange nicht zu den «Früher war alles besser»-Nostalgikern. Vor allem in seinen Erläuterungen zum Lehrplan 21 macht er dies deutlich. Er kritisiert die Gegner des Lehrplan 21 und wirft ihnen vor, sie wollten in eine Welt zurück, wie es sie überhaupt noch nie gegeben habe.

Der Name ist Programm

Der ehemalige Gemeinderat Friedli ist schon lange nicht mehr politisch tätig, weil es ihm zu stark menschelte. Seine Leidenschaft für das Politische taucht aber unverwechselbar auf der Bühne wieder auf.

Nebst der philosophischen Frage nach dem Umgang mit der Zeit und seiner hoffnungslosen Liebe für die Young Boys verfolgt Friedli während des ganzen Stücks auch aktuelle politische Fragen und bezieht klar Stellung. Dass es sich bei der Klimaerwärmung, den Gefahren der Atomkraft und dem in Europa ansteigenden Rechtspopulismus um «Ke Witz!» handelt, macht Friedli deutlich.

Anhand von kleinen Anekdoten spielt er geschickt mit unterschiedlichen Dialekten und Akzenten. Wenn aus einer Schale eine Schorle wird, hat man diese wohl bei einer deutschen Serviceangestellten bestellt.

Friedli setzt sich aber klar für eine multikulturelle und pluralistische Gesellschaft ein und stellt fest: «Wir brauchen Zuwanderung, sonst stirbt die Schweiz aus.»

Auch die Luzerner Stadtratswahlen hat er verfolgt, und «es bitzi Staub» habe er auch in seiner Wohnung.

Auch die Luzerner Stadtratswahlen hat er verfolgt, und «es bitzi Staub» habe er auch in seiner Wohnung. Der scharfsinnige Beobachter Friedli ist nicht nur ein Komödiant, sondern auch ein kritischer Zeitdiagnostiker. Er weiss die richtigen Fragen zu stellen und bringt die Leute nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken. Das Luzerner Publikum weiss es zu schätzen und verabschiedet ihn mit einem begeisterten Applaus.

Nächste Aufführungen: 2. und 3. Dezember, Kleintheater Luzern

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