«Auch mir fällt es schwer, mich unbeliebt zu machen»
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Luitgardis Sonderegger-Müller vor dem Spielplatz der Stiftung Rodtegg. (Bild: ber)

Luzern: Rodtegg-Direktorin tritt zurück «Auch mir fällt es schwer, mich unbeliebt zu machen»

6 min Lesezeit 29.06.2019, 11:01 Uhr

Die Direktorin der Rodtegg-Stiftung in Luzern ist eine Frau, die man kaum übersehen und nicht überhören kann. Das hat die Luzerner Regierung nicht immer gefreut, wie die 65-Jährige sagt.

Luitgardis ist ein ungewöhnlicher Vorname. «Leutebeschützerin», bedeutet er. Und kaum ein Name könnte besser zu der Frau passen, welche seit 14 Jahren die Rodtegg-Stiftung für Menschen mit körperlicher Behinderung leitet.

Die 65-Jährige empfängt uns an diesem drückend heissen Donnerstag in einem relativ kühlen Sitzungszimmer gleich neben dem Restaurant Grüezi in der Rodtegg im Sternmattquartier. Man beginnt das Gespräch mit einem Rückblick auf ihre Anfangszeit. Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass sie 2005 die Leitung dieser Institution mit über 144 Mitarbeitenden übernommen hat?

«Man hat mich angefragt», erzählt sie. «Aber ich habe erst gedacht: Das kann ich nicht.» Sie sagt es, und im ersten Moment glaubt man, sich verhört zu haben.

Selbstbewusstsein auszustrahlen, war Teil des Jobs

Die Frau wirkt wie der Inbegriff von Selbstbewusstsein. Sie trägt ein enges und knallbuntes Sommerkleid, rot geschminkte Lippen, eine Kurzhaarfrisur. Kann es eine Zeit gegeben haben, in der sie von Selbstzweifeln geplagt war? Schwer vorstellbar.

«Ich wirke sicherlich selbstsicher. Aber das kann auch täuschen», sagt Luitgardis Sonderegger-Müller dazu. «Als Direktorin ist es mein Job, Sicherheit auszustrahlen und eine Sache mit Überzeugung zu vertreten.» Aber das heisse nicht, dass man vor einem Entscheid nicht gezweifelt oder sich nachher nicht hinterfragt habe.

Sie war immer die «Faule» in der Familie

Die heutige Rodtegg-Direktorin ist als jüngstes von sieben Kindern in einer Bauernfamilie in Sursee aufgewachsen. «Die älteren Geschwister haben immer gesagt, die Jüngste, die ist die Faulste der Familie. Und wahrscheinlich hatten sie recht.»

«Ein guter Streit bringt dich dazu, deine eigene Haltung zu hinterfragen.»

Das ändert sich aber rasch. Aus der Bauerntochter wird eine Lehrerin. Aber nicht irgendeine. Weil sie verstehen will, warum die Eltern abends keinen Nerv haben, mit ihren Kindern Hausaufgaben zu machen, kündigt sie und geht ein Jahr auf «Forschungsreise».

Ein Jahr lang arbeitet sie, was die Eltern ihrer Schülerinnen und Schüler auch arbeiten. Drei Monate sitzt sie in der Migros an der Kasse. Abends schmerzt der Arm, weil sie den ganzen Tag Waren aufs Förderband gehievt hat. «Da hätte ich auch nicht mehr Haushalt und Hausaufgaben mit den Kindern machen mögen.»

Nach 14 Jahren als Lehrerin folgt ein Abstecher in die Industrie als Kommunikationsbeauftragte, danach übernimmt sie die Aphasie Suisse sowie einen Berufsverband und hat parallel das Präsidium des Spitex-Verbandes des Kantons Luzern inne. Diese drei Gremien leitet sie 12 Jahre lang.

In der Politik lernt man das Streiten

Politisch engagiert sich Sonderegger-Müller jahrelang für die FDP. «Dort habe ich gelernt, so richtig zu streiten», sagt sie im Rückblick. Eine Fähigkeit, die ihr später noch zugutekommen wird. «Ein guter Streit bringt dich dazu, deine eigene Haltung zu hinterfragen und die Argumente zu schärfen. Und er endet im Idealfall bei einem Versöhnungsbier», lacht sie.

Ob das der Grund ist, weshalb sie 1994 zur ersten Präsidentin eines neu gegründeten Vereins zur Förderung der Bierkultur wird? Das bleibt offen. 

«Demut schützt vor Arroganz ­– und ermöglicht es uns, von anderen zu lernen.»

Mit 47 Jahren beschliesst Luitgardis Sonderegger-Müller, noch Jus zu studieren – neben dem Beruf versteht sich. «Damit habe ich immer geliebäugelt», erinnert sie sich. Die Gesetze legen die Regeln des Zusammenlebens fest. Sie sagen viel darüber aus, wie eine Gesellschaft funktioniert.

Dieses Formalistische fasziniert die damalige Spitex-Leiterin und Geschäftsleiterin. «Wenn etwas abgemacht ist, dann ist es abgemacht. Da kann ich sehr stur sein», sagt sie. Auch das ist ein Zug, den man von der Frau so nicht erwarten würde.

«Für mich ist Formalität und Kreativität kein Widerspruch», sagt Sonderegger-Müller. Wenn die Regeln klar sind, dann ist auch der Freiraum klar definiert. Und erst dann könne man diesen voll und ganz ausloten.

Mit aller Macht stemmt sie sich gegen Sparmassnahmen

Nach Abschluss des Studiums wird sie von der Stiftung Rodtegg angefragt, ob sie die Direktion und damit die Verantwortung für über 140 Mitarbeitende übernehmen wolle. Sie zögert.

«Ich hatte nie zuvor einen so grossen Laden geführt», sagt sie. «Und ja, ich finde, da gehört ein gewisser Respekt dazu, wenn man einen solchen Job annimmt.» Sie sucht während des Gesprächs nach dem richtigen Wort und findet es. «Demut», sei es gewesen. «Gar keine schlechte Eigenschaft. Demut schützt vor Arroganz ­– und ermöglicht es uns, von anderen zu lernen.»

«Fünf Wochen tun, was mir befohlen wird. Darauf freue ich mich extrem.»

In den Jahren danach macht sich Luitgardis einen Namen als Kämpferin für die Rechte und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen. Mit aller Macht stemmt sie sich gegen Sparmassnahmen auf Kosten der Rodtegg-Klienten.

Sie stürzt sich auf die Vernehmlassungsunterlagen, welche die Regierung dazu verschickt und «beinelt» die Vorschläge auseinander, wehrt sich, wenn einer juristisch nicht wasserdicht ist.

In den Medien nimmt sie kein Blatt vor den Mund

In den Medien zeigt sie 2013 auf, was Sparen in diesem Bereich bedeutet: «Sauber – still – satt», eine solche Betreuung von Menschen mit Behinderung sei noch möglich. Aber kein menschenwürdiges Leben.

Damit eckt sie in der Politik an. Es war eine schwierige Zeit. «Auch mir fällt es schwer, mich unbeliebt zu machen», räumt sie ein. Aber sie tut es, weil sie einen Sinn in ihrer Arbeit sieht. Die Überzeugung, das Richtige zu tun – und das Team um sie herum – geben ihr Kraft.

Sie drohte, die Pensionierung zu verschieben

Emil Ziegler, Bereichsleiter Dienste, formulierte es in der Abschiedsrede für die Rodtegg-Direktorin so: «Du hast dich eingesetzt, auch wenn du gewusst hast, dass du dich damit aussetzt. Du hast das Rampenlicht nicht gesucht, aber du hast es auch nicht gemieden, wenn es darum ging, deine Überzeugung zu vertreten und den Menschen ins Zentrum zu stellen.»

Luitgardis Sonderegger-Müller ist denn nach eigenen Angaben auch noch nicht des Kampfes müde, wenn sie nun in Pension geht. «Einem Kantonsmitarbeiter habe ich mal gedroht, wenn er jetzt nicht einlenke, würde ich noch bis 72 weiterarbeiten», sagt sie. Und lacht schallend.

So weit wird es nicht kommen. In den nächsten Tagen wird die Direktorin in die Ferien fahren und nicht mehr ins Büro zurückkehren. Als Erstes engagiert sie sich bei einem Hilfsprojekt in Samoa. «Fünf Wochen lang werde ich nur tun, was mir befohlen wird. Und keine einzige Entscheidung treffen müssen. Darauf freue ich mich extrem.»

Uneigennütziger Einsatz für Schwächere

Wie es danach weiter geht? Es gibt viele Pläne. Diese reichen von der Gründung eines Kinderhospizes über die Eröffnung einer Kontaktbar für Menschen mit Behinderungen bis hin zum Einschreiben in ein Ethik-Studium an der Uni.

Was gibt es noch zu sagen über die so selbstbewusst wirkende Frau, die heimlich zweifelt und nach aussen stets stark sein musste?

In einem Kurzinterview zu der Serie «Helden des Alltags», die damals in der «Luzerner Zeitung» erschien, sagte sie einst: «Ein Held oder eine Heldin setzt sich uneigennützig für Schwächere ein, kämpft gegen Ungerechtigkeiten und trägt dazu bei, dass zentrale Wertüberzeugungen und soziale Normen in der Gesellschaft gelebt werden.»

Betrachtet man das Berufsleben dieser Frau, so muss man im Nachhinein feststellen, dass sie selbst offenbar stets darauf hingearbeitet hat, genauso eine Heldin zu werden.

Die Stiftung Rodtegg

Die Rodtegg ist eine private Stiftung mit Sitz im Luzerner Sternmattquartier. Sie setzt sich für körper- und mehrfachbehinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene ein. Die Stiftung bietet Beratung, pädagogische und medizinisch-therapeutische Betreuung, Schulung, Ausbildung, Arbeit und Wohnmöglichkeiten an. Die Nachfolge von Luitgardis Sonderegger-Müller wird am 1. September Helmut Bühler-Bättig übernehmen. Er war vorher Rektor am Fach- & Wirtschaftsmittelschulzentrum (FMZ).

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