Wirtschaft
Unesco-Biosphäre Entlebuch (Teil 1)

«Welcher Entlebucher geht schon Adler beobachten?»

Wenig spektakulär: Der Hinweis auf die Biosphäre unter den Ortstafeln im Entlebuch. (Bild: ben.)

Was läuft eigentlich in der Unesco-Biosphäre Entlebuch (UBE)? Seit 2001 gibt es sie, die Kritik und die Befürchtungen waren am Anfang gross. zentral+ wollte wissen: Identifizieren sich die Entlebucher heute mit der Idee? Wir sprachen mit früheren Gegnern, Beobachtern und Begeisterten. Im ersten Teil unserer Standortbestimmung geht es um die wirtschaftlichen Aspekte.

Das Luzerner Entlebuch ist das zweite Unesco-Biosphären-Reservat der Schweiz (UBE), neben dem Schweizer Nationalpark mit dem Val Mustair. Mit der Einrichtung der Biosphäre wird die geschützte Natur- und Kulturlandschaft erhalten und gleichzeitig eine nachhaltige Regionalentwicklung realisiert. Schutz, Forschung, Bildung, Tourismus und die Vermarktung von lokalen Produkten haben ihren Platz darin.

Doch wie kommt diese Verbindung von Naturschutz-, Lebens- und Wirtschaftsraum bei den Bewohnern an? Ortstermin bei Peter Hofstetter in Entlebuch. Der Landwirt und Unternehmer betreibt die erste «Null-Energie-Käserei der Schweiz» und stellt Schafmilchkäse her. Den Strom liefern Sonnenkollektoren auf dem Dach und eine Holzheizung. Aufgrund seiner Ideen könnte Hofstetter auch ein Grüner sein, doch er war SVP-Ortspräsident. Der Landwirt gilt als innovativer Macher und zugleich eigenbrötlerischer Rebell. Sieben Jahre lang weigerte er sich, die Moorschutzverträge mit dem Kanton Luzern zu unterschreiben.

Mit der Rothenthurm-Initiative fing alles an

Der Moorschutz, der aufgrund der angenommenen Rothenturm-Abstimmung 1987 eingeführt wurde, war das Fundament der Unesco-Biosphäre. Fast die Hälfte des Gebietes steht heute unter Schutz. Die Landwirte werden für die extensive Bewirtschaftung entschädigt.

Hofstetter erinnert sich: «Ich hatte den Hof von meinem Onkel gekauft. Zwei Jahre später kam der Kanton Luzern und sagte mir, auf einem Viertel meines Landes könne ich nicht mehr selber bestimmen, was passiert.» Er sollte plötzlich im September statt im Mai mähen, «das gibt hölzige Ware voller Lignin, die kein Tier mehr frisst.» Peter Hofstetter beruft sich auf die Bundesverfassung, in der die bisherige Bewirtschaftung gewährleistet werde. Er erhält Recht, der Kanton muss ihm Geld zahlen. Erst im Jahr 2000 unterschreibt er die Verträge. Was sagen die anderen Bauern, deren Land unter Schutz steht? «Viele schlucken es einfach», sagt Hofstetter.

Ein skeptischer Befürworter

Er selbst bezeichnet sich nach 13 Jahren UBE als «skeptischer Befürworter». «Ich sehe einfach nicht alles durch die rosa Brille», so der Landwirt. Ganz am Anfang, als das Projekt noch in den Kinderschuhen steckte und jede Gemeindeversammlung im Entlebuch darüber abstimmte, ob man vier Franken pro Einwohner über zehn Jahre verteilt für das Projekt «Lebensraum Entlebuch» bewilligen solle, habe er verlangt, mehr Geld zu sprechen. «So hätte man schneller mehr machen können». Sein Gegenantrag wurde als Opposition aufgefasst. Seither hafte ihm das Image des Gegners an.

Hofstetter wünscht sich mehr Engagement im Entlebuch. Die Biosphäre biete Foren und eine Plattform an, wenn die Leute sich aber nicht engagierten, passiere gar nichts. «Das Verständnis ist manchmal falsch. Viele erwarten, dass etwas geboten wird und legen die Hände in den Schoss», sagt er. Der UBE-Leitung hält Hofstetter zugute, dass sie den Entlebuchern Mitwirkungsmöglichkeiten anbietet. Er habe diese Chance schon früh ergriffen, sei mit seinen Spezialitäten an Märkte in der ganzen Schweiz gefahren. Aus dem gemeinsamen Engagement verschiedener Produzenten ist die Biosphäre Markt AG entstanden, welche neu die Produkte aus dem Entlebuch unter einem Dach vermarktet. Hofstetter verspricht sich viel von dieser Zusammenarbeit.

Josef Küng war bis 2013 Chefredaktor der Lokalzeitung Entlebucher Anzeiger. Er erhielt für seine langjährige journalistische Begleitung der Unesco-Biosphären-Idee einen Medienpreis. «Die UBE-Leitung macht ihre Arbeit tiptop, wie der Bericht der Unesco aus Paris zum Jubiläum 2011 gezeigt hat», sagt Küng. Doch viel innovativer seien die einheimischen Landwirte nicht geworden wegen der UBE. «Warum gibt es zum Beispiel nicht mehr Biobauernhöfe im Entlebuch?», fragt der Journalist. Der Gedanke liegt nahe: viele Gäste assozieren Biosphäre mit Bio. Küng findet, dass die Biosphäre eine gute und glaubwürdige Plattform für Biolandwirtschaft wäre. «Noch aber haben sich wenige Entlebucher Bauern zur Umstellung entschliessen können.»

Zwei Drittel der Kernzone in Flühli

Hans Lipp, Gemeindeammann von Flühli und CVP-Mitglied, war lange im Vorstand der Unesco-Biosphäre. Ohne die Mitwirkung von Flühli und Sörenberg, betont Lipp, gäbe es die Unesco-Biosphäre Entlebuch heute nicht. «67 Quadratkilometer oder zwei Drittel der geschützten Flächen liegen auf unserem Gemeindegebiet.» Dazu gehören Moore, Biotope und die Schrattenfluh in der UBE-Kernzone. Die Landwirte haben Pflegevereinbarungen mit dem Bund abgeschlossen und befolgen strenge Regeln beim Düngen und beim Mähen. «Dafür erhalten sie Vernetzungs- und Qualitätsbeiträge.»

Trotzdem, so Lipp, sei das Entlebuch nach wie vor eine finanzschwache Region und auf Gelder des Finanzausgleichs angewiesen. Die Hoffnung ruht auf dem Sommertourismus. «Er nimmt sukzessive zu», sagt Lipp. Andere Gegenden schlafen aber ebenfalls nicht. Positiv findet Lipp die Gratiswerbung durch die vielen Medienberichte über die Unesco-Biosphäre. «Das ist natürlich unbezahlbar.»

Anfangs viele Ängste der Bauern

«Was die wirtschaftliche Zusammenarbeit betrifft, ist die UBE eine Erfolgsgeschichte», findet eine gebürtige Entlebucherin, die heute in Luzern lebt. Sie erinnert sich an die schwierigen Anfänge: «Bäuerliche Kreise hatten Angst, durch den Schutz der Natur zu stark eingeschränkt zu werden.» Tempi passati. Die Entlebucher, so die Frau, hätten dazu gelernt. Sie wehre sich ausserdem gegen das Bild der urkonservativen Bewohner. «Viele Entlebucher sind offen für Innovationen.»

Kritisch sieht die Entlebucherin aber die mangelnde Identifikation der Entlebucher mit ihrer «Sphäre». «Es hat nicht Klick gemacht in den Köpfen.» Viele Veranstaltungen und Exkursionen zum Beispiel sprächen einen elitären Kreis an, internationale Forscher, aber nicht die Bevölkerung. «Welcher Entlebucher geht schon Adler beobachten?», fragt die Kritikerin.

5 Millionen Franken Wertschöpfung jährlich

Kritische Stimmen passen nicht zur Jubelberichterstattung vieler Medien über die UBE. Theo Schnider, Direktor der Unesco-Biosphäre Entlebuch, ist zuerst ein wenig skeptisch, als ihn der Autor mit gewissen Vorbehalten konfrontiert. Kurzfristig räumt er uns aber Zeit ein. Schnider hat sein Büro in einem Gebäude der Landwirtschaftlichen Schule in Schüpfheim. Rund neun Personen mit 700 Stellenprozenten arbeiten für die UBE.

Der quirlige frühere Tourismusdirektor Sörenbergs händigt uns gefühlte drei Kilo Papier mit Informationen aus. Dann nennt er einige Kennzahlen, die den Erfolg der UBE demonstrieren. «Gemäss unserer Wertschöpfungsstudie lösen wir jährlich rund fünf Millionen Franken Wertschöpfung durch unsere Aktivitäten aus», sagt Theo Schnider. Er erwähnt die 300 Produkte unter der Marke «Echt Entlebuch».

Eine Vielzahl an Veranstaltungen

Die UBE sei auch der grösste Anbieter naturkundlicher Exkursionen der Schweiz. Man biete den Gästen eine Vielzahl an Touren ins Moor, ins Karstgebiet, kulinarische Veranstaltungen bis hin zu Goldwäsche-Events. «Ausserdem hat es die Region Entlebuch geschafft, alle touristischen Anbieter und Gemeinden unter ein gemeinsames Markendach zu bringen.» Seit 2013 gibt es nur noch ein Logo: die Bildmarke in Form eines skizzierten Menschen auf rotem Feld. Man merkt Schnider an, dass er stolz darauf ist. «Es ist die Leistung der Entlebucher», betont er.

Zu den skeptischen Stimmen sagt Theo Schnider: «Natürlich ist die Skepsis immer am grössten im engsten Raum. Das ist wie in der Familie. Je grösser die Distanz, destso grösser die Akzeptanz.» Man habe im Leben und speziell bei Veränderungen immer die Möglichkeit, Opfer oder Gestalter zu sein.

Schnider ist lieber Gestalter. Es ist uns gelungen, «die Region Entlebuch aus einer schwierigen Ausgangslage als Armenhaus der Schweiz innerhalb eines Jahrzehnts mit der UBE neu zu positionieren. Das Entlebuch war früher bekannt für den Ackermann Versand, Kafi fertig und das Militär.» Heute assoziere man das Entlebuch mit seinen einmaligen Naturschönheiten.

Pioniere ziehen das Boot, andere folgen

Dennoch habe er  die Illusion schon lange aufgegeben, dass jeder überall und immer mitmache. Beispielsweise bei den verschiedenen Foren. Das sei auch nicht nötig. «Man arbeitet mit den Pionieren und lässt die Bremser zuerst einmal stehen, das habe ich viel erlebt. Wenn das Projekt gut ist, springen diese als Trittbrettfahrer später gerne auf.»

Der UBE-Direktor meint zudem: «Der Entlebucher hat einen ausgeprägten Nützlichkeitssinn. Wenn er merkt, dass bringt mir persönlich etwas, ist er dabei. Das finde ich persönlich legitim. Es entspricht dem bodenständigen Charakter unserer Einwohner.» Die Arbeit des Biosphären-Managements sei ja nicht Selbstzweck. «Wir wollen das Entlebuch weiterbringen.»

So modern wie man sich gibt: Beim Biolandbau ist die Region noch immer tiefste Provinz. Die meisten der 900 Landwirtschaftsbetriebe produzieren nach IP-Richtlinien. Nur vier bis fünf Prozent haben auf Bio umgestellt. «Mehr wären wünschenswert», sagt Schnider. Eigensinnig sind sie eben auch, die Entlebucher. Und stolz. Man sage es nicht unbedingt laut im Tal. «Aber wenn sie in Luzern oder Zürich sind, sagt der Biosphärler schon mal, er komme aus dem Wilden Westen von Luzern.»

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