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«Wir sind enttäuscht»
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Der Entscheid kam für die Bewohner plötzlich: Der Wagenplatz neben dem Südpol muss bald dem Neubau der Luzerner Musikhochschule weichen. (Bild: tob)

Alternative Wagenburg muss weg «Wir sind enttäuscht»

4 min Lesezeit 14.04.2015, 05:00 Uhr

Die «Wagenburg» beim Südpol muss bis Ende Juli geräumt werden. Das hat der Krienser Gemeinderat entschieden. Doch die Bewohner des Wagenplatzes zeigen sich ob der Neuigkeit überrascht. Auf sie wartet eine ungewisse Zukunft.

Die Stimmung auf dem Wagenplatz neben dem Kulturzentrum Südpol ist aufgewühlt. Dreizehn Personen leben hier. Mitten im urbanen Raum, auf Krienser Boden, zwischen Luzerner Allmend, Gewerbebetrieben und militärischem Ausbildungszentrum stehen zehn Wohnwagen. Ein grosses Zeltdach dient ihnen als gemeinsames «Wohnzimmer». Es gibt eine Bar, eine kleine Bühne für Feste, Tische zum Essen und Sofas dazwischen. Wie ein autonomes kleines Dorf. Doch dieses Dorf muss nun von Amtes wegen bis zum 31. Juli geräumt werden.

Bisher duldete die Gemeinde Kriens die Wagenburg beim Südpol als Zwischennutzung. Vier Jahre lang. Nun ist Schluss, wie aus einer Antwort auf einen Vorstoss aus dem Parlament hervorgeht. «Wir wissen gar nicht, wo wir hin sollen», sagt eine Bewohnerin des Wagenplatzes ratlos. Die Neuigkeit und den Räumungstermin haben sie und ihre Kollegen soeben erst erfahren. 

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Immer nur vorübergehend

Ohne Baubewilligung dürfen die Wohnwagen nicht länger als drei Monate am selben Ort stehen. Vor vier Jahren besetzten fünf Personen mit ihren Bauwagen erstmals das Grundstück beim Südpol. Damals noch illegal. Die letzte Zeit legal. In den Jahren zuvor nomadisierte die kleine Wagengruppe stets medial begleitet durch den Raum Luzern, Emmenbrücke, Krienser Schlund, Allmend, Tribschen. Nirgends wirklich erwünscht und trotzdem beharrlich an ihrer Vorstellung vom Leben im Bauwagen festhaltend.

Hunde bellen. In der Mitte des Zeltes windet sich eine Holztreppe zu einem kleinen Zwischenboden mit weiteren Sitzmöglichkeiten hinauf. Alle Leitungen hier sind selber verlegt, der Garten, zumindest ein Teil davon, selber bepflanzt. 

Es bleibt keine Zeit

Die Wagengruppe bezahlt Miete und Steuern, bezieht Strom und Wasser von Stadt und Gemeinde. «Wir sind vom behördlichen Entscheid völlig überrascht», sagt Bück*, der Sprecher der Gruppe. Die Bewohner hier fühlen sich vor den Kopf gestossen. «Wir sind enttäuscht.» Der Mietvertrag zwischen dem Verein «sur la plage», welcher die Wagenburg betreibt, und der Grundeigentümerin, der Luzerner Pensionskasse (LUPK), läuft am 30. Juni aus. Bis jetzt sei man von einer Verlängerung des Mietvertrages bis März 2016 ausgegangen, so Bück. 

«Es konnte sich noch niemand nach einer anderen Bleibe umschauen.» 

Bück, Bewohner

Am Dienstag, 14. April, hätte unterschrieben werden können. Doch jetzt sehe alles völlig anders aus. Die Hiobsbotschaft habe Bück per Telefon von der Vermieterin LUPK erfahren. «Für uns kommt das sehr plötzlich. Von den Wagenplatz-Bewohnern konnte sich noch niemand nach einer anderen Bleibe umschauen.»

Wagenplatz muss Neubau weichen 

Es sei beschlossene Sache, sagt der Krienser Gemeindeammann und Leiter des Baudepartements, Matthias Senn (FDP): «Die Zwischennutzung dauert mittlerweile vier Jahre und damit bedeutend länger, als sie je vorgesehen war.» Man sei stets von maximal drei Jahren ausgegangen. Mit einem Schreiben, datiert auf Anfang April, habe der Gemeinderat der Grundstücksbesitzerin LUPK mitgeteilt, dass die Zwischennutzung nicht länger geduldet würde und sie aufgefordert, den Mietvertrag nicht mehr zu verlängern. 

«Die Zwischennutzung dauert mittlerweile vier Jahre und damit bedeutend länger, als sie je vorgesehen war.»

Matthias Senn, Gemeindeammann Kriens

Begründet wird die Räumung mit dem Bau des neuen Hauptgebäudes der Hochschule Luzern – Musik auf diesem Areal. Bis im Sommer 2018 soll der Neubau fertig sein. «Das Baubewilligungsverfahren wird noch in diesem Jahr durchgeführt», sagt Senn. Deshalb verlange der Gemeinderat die Räumung des Areals bis spätestens 31. Juli. Weitere Verhandlungen seien nicht mehr denkbar. «Der Gemeinderat wird auch in die Baubewilligung der Musikhochschule die Bestimmung aufnehmen, dass eine befristete Zwischennutzung nicht mehr möglich ist.»

Druck vom Krienser Parlament

Könnte man den Bewohnern der Wagenburg nicht noch mehr Zeit geben? Die Duldung der Zwischennutzung liegt eigentlich im Ermessen der Behörde. Die harte Linie des Gemeinderates ist vor allem mit dem gewachsenen Druck aus dem Krienser Parlament zu erklären. Dort ist die Wagenburg längst zum Politikum geworden. Im vergangenen Jahr machte vor allem der Krienser SVP-Einwohnnerrat, Patrick Koch, mit verschiedenen Vorstössen Dampf. Und da die Vorstösse auch Aufsichtsbeschwerden in Erwägung zogen, musste der Gemeinderat reagieren.

Auch die Zwischennutzung des «Chäs-Chalet», das auf dem nahe gelegenen Areal Mattenhof liegt, wurde in den letzten Monaten behördlich abgeklärt. Gleiche Massstäbe würden nun auch für den Südpol gelten, erklärt Gemeindeammann Matthias Senn: «Wir haben die Frage der maximalen Frist der Zwischennutzung eines provisorischen Gebäudes beim Chäs-Chalet detailliert geprüft und sind dort im Herbst 2014 zum Schluss gekommen, dass diese aufgrund der aktuellen Rechtslage nicht länger als drei Jahre dauern darf. Es geht also bei der Wagenburg auch um eine Gleichbehandlung.» 

Noch kein Plan, wie es weiter geht

Die Bewohner im Südpol tröstet das hingegen wenig. Sie können den Entscheid des Gemeinderates nicht nachvollziehen und sind nun unter Zugzwang. Sie müssen sich möglichst schnell nach einem Ersatzplatz umsehen. «Wir haben hier vier Jahre lang friedlich gelebt. Ich hoffe, dass wir diese Zeit bei der Suche nach einem neuen Ort als Referenz nutzen können», sagt Bück.

Es falle ihnen schwer. Aber der Weiterzug gehöre schliesslich dazu. «Ansonsten bräuchten Bauwagen ja keine Räder», meint Bück. Und eine Bewohnerin fügt hinzu: «Wir wollen alle zusammen bleiben.» Wer so wohne wie sie, müsse verzichten können. Manchmal auf elementare Dinge wie Strom und fliessendes Wasser. Das schweisse zusammen. Die alternative Lebensform verbinde sehr und es seien feste Freundschaften entstanden. «Wir leben hier einfach zufrieden miteinander.» 

(*Name der Redaktion bekannt) 

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