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Wieso brannte die Kapellbrücke lichterloh? Dieser Krimi entfacht die Diskussion neu
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War dafür wirklich eine achtlos weggeworfene Zigarette verantwortlich? (Bild: Georg Anderhub/AURA)

Ehemaliger Luzerner Denkmalpfleger veröffentlicht Roman Wieso brannte die Kapellbrücke lichterloh? Dieser Krimi entfacht die Diskussion neu

6 min Lesezeit 01.03.2020, 12:11 Uhr

26 Jahre nach dem Brand der Kapellbrücke kurbelt der damalige Luzerner Denkmalpfleger die Spekulationen um die Ursache und Verschwörungstheorien erneut an. «Narrenfeuer» heisst sein Kriminalroman, der «natürlich rein fiktiv» ist.

«Nach der Dämmerung macht sich Begräbnisstimmung breit», schrieb die LNN im August 1993. «Luzern weint», titelte der «Blick».

Die Nacht vom 17. auf den 18. August 1993 dürfte vielen Luzernern in Erinnerung bleiben. Damals stand Luzerns Wahrzeichen in Vollbrand. Und auch 26 Jahre später sind noch viele Fragen offen.

Ein neuer Kriminalroman lässt die Diskussion rund um den Brand der Kapellbrücke quasi neu aufflammen. «War eine brennende Zigarette, die zufällig auf ein unter der Brücke liegendes Motorboot fiel, die Ursache für das Schadenfeuer?», heisst es auf der Rückseite des Buchs. «Wer weiss? Vielleicht war alles auch ein bisschen anders.»

Den Kriminalroman hat Ueli Habegger geschrieben. Er war damals Luzerner Denkmalpfleger und erlebte den Brand als Augenzeuge mit.

Habegger erhielt «eindeutige Weisung»

Wie kam es dazu, dass der ehemalige Denkmalpfleger einen Kriminalroman schrieb? «Ich habe immer noch Zweifel», sagt Habegger. Und er ist damit nicht allein. Ist das wirklich alles so passiert? Es hiess, dass eine achtlos weggeworfene Zigarette auf ein Motorboot fiel, das unter der Kapellbrücke vertäut lag.

Tage nach dem Brand musste Habegger einem Journalisten der Tessiner Tagesschau Auskunft geben. «Wir mussten eine Geschichte erzählen – die offizielle Geschichte. Von meinem Chef wurden wir kontrolliert, ob wir alles richtig machen.» Von einem «Maulkorb» möchte Habegger zwar nicht sprechen, aber von einer «eindeutigen Weisung». Über deren Hintergründe weiss Habegger auch Jahre später nicht Bescheid.

Ueli Habegger beim Signieren seines Krimis.

Die Zweifel waren Habeggers Chance, eine Geschichte zu erfinden

Zweifel kamen auf. Habegger selbst war in jener Nacht ab 0:20 Uhr Augenzeuge und verfolgte den Brand vom Rathaussteg aus. Zuvor war er an einem Konzert gewesen im damaligen KKH – dem Kultur- und Kongresszentrum am See, später ass er im Schweizerhof zu Abend. «Um Mitternacht sagte uns eine Serviertochter aufgebracht, dass die Kapellbrücke brenne. Für mich war das der Befehl zu gehen», sagt Habegger heute.

Diese Zweifel, diese Ungewissheit habe er nun als Chance genutzt, eine Geschichte zu erfinden. Es sei für ihn ein «psychohygienischer Befreiungsschlag» gewesen. Wäre es nach 26 Jahren nicht an der Zeit, dass Habegger alles sagt, was er weiss? Habegger: «Der Krimi beruht auf reiner Fiktion. Er ist ist kein Tatsachenroman.» Das steht auch explizit auf Seite 1 des Buches. Alle Ähnlichkeiten mit verstorbenen oder lebenden Zeitzeugen sind zufällig, heisst es, obwohl Parallelen zur Realität gezogen werden können: So erinnert etwa die fiktive Person Nils Holdermeyer an den damaligen Stadtpräsidenten Franz Kurzmeyer. «Der Krimi lebt vom Privileg, einer Welt der Fiktion anzugehören», sagt Habegger. Was von der Geschichte stimmt, ob es so gewesen sein könnte, müssten die Leser selbst entscheiden.

Hier gibts die Aufschlüsselung

Der 136-seitige Kriminalroman von Ueli Habegger ist seit Donnerstag bei Aura Books für 24 Franken erhältlich. Zu finden gibts den Kriminalroman auch in Buchhandlungen. Das Buch ist mit 24 Bildern von Jörg Stadler illustriert.

«Eine Welt der Fiktion»

Viele Journalisten haben damals recherchiert, es gab sogar Gerüchte, dass ein bekannter Journalist die Wahrheit wisse, aber nichts sagen dürfe, bevor eine bestimmte Person gestorben sei. «Eine zusammenhängende Geschichte gab es nie», meint Habegger heute.

Über den Brand der Kapellbrücke existieren verschiedene Versionen. Als wir mit Ueli Habegger reden, während er Bücher signiert, sagt Illustrator Jörg Stadler, dass er einen Arzt kenne, dessen Patient noch heute behaupte, die Kapellbrücke in Brand gesetzt zu haben.

«Darum bleibt nur die Option, in die Fiktion abzutauchen», sagt Habegger. «Und es machte mir unheimlich viel Freude, einen Krimi zu schreiben.» Doch er sagt, dass jeder Autor an eine Zeit und an persönliche Erfahrungen gebunden sei. So kommt denn auch Habeggers Grossvater im Buch vor.

«Das Streichholz flammte vor Brunos Augen auf»

Ueli Habegger holt in seinem Kriminalroman weit aus. Er wagt sogar einen Blick ins Mittelalter. Der Roman beginnt genau 166’543 Tage vor dem Brand, im Jahr 1537.

(Illustration: Jörg Stadler)

Eine wichtige Rolle im Roman spielt die Figur Bruno Schmotz. Bereits als Jugendlicher scheut er nicht davor zurück, in seinen Gedanken im Bourbaki Panorama Soldaten abzuknallen. Er malt sich sogar aus, auch seinen eigenen Vater und Stadtpräsident Holdermeyer zu erschiessen.

In Kapitel drei heisst es 9’851 Tage vor dem Brand, am 18. Augst 1966:

«Genug war nun mal genug, wirklich genug, an diesem 18. August. […] Er kippte Vaters Benzinrasenmäher zur Seite, schüttete aus Vaters Reservekanister das Zweitaktgemisch über den Boden und trat auf den sonnigen Vorplatz im Garten zurück. Das Streichholz flammte vor Brunos Augen auf. In einem kurzen Bogen flog es in das Dunkel des Gartenhäuschens. Ein kleines Flammenmeer rauschte durch das Gartenhaus. Recht so, kam es über Brunos Lippen […]»

Einer drohte, die Brücke in Brand zu setzen

Bruno Schmotz war es auch, der den damaligen Stadtpräsidenten Nils Holdermeyer bedrohte:

«Was für ein Humbug mit diesen Geschwindigkeitsbeschränkungen, Herr Stadtpräsident! Wenn 80 / 100 km/h auf Autobahnen kommt», hier flocht Bruno Schmotz eine kleine Pause ein, weil er überrascht war, Nils Holdermeyer so unmittelbar am Telefon zu begegnen, «dann lasse ich eure Kostbarkeiten in Flammen aufgehen; die Kapellbrücke, das Richard-Wagner-Museum, die Spreuerbrücke und das Schlösschen Utenberg. Basta!»

Es wurde beraten und beschlossen: Die Brückenbilder sollten so rasch wie möglich wissenschaftlich korrekt fotografiert und inventarisiert werden. Ein Stadtratsbeschluss über einen Kredit von 80’000 Franken wurde im Eilverfahren entworfen. Stadtpräsident Holdermeyer erzählte den Chefredaktoren der Luzerner Tageszeitungen von Branddrohungen gegen beide Brücken und «erbat redaktionelles Stillschweigen». Dieses bekam er auch.

«‹Heute gibts gutes Gras›, hatte Bruno Schmotz kurz nach der Mittagspause seinen Lindengarten-Kollegen mitgeteilt. Alle hatten zugesagt, nach dem Feierabendbier gegen halb elf Uhr auf die Kapellbrücke zu kommen.
… Um elf war der Freundeskreis auf dem Boot lückenlos eingetroffen.»

(Illustration: Jörg Stadler)

Wieso die Kapellbrücke 1993 lichterloh brannte, liest sich erst auf Seite 90 und sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel: Auch hier zieht Autor Habegger Parallelen zur Realität, ein «Glimmstengel» trägt zum Unglück bei.

Danach geht es im Buch Schlag auf Schlag. Ist etwas an dem Gerücht dran, dass Tonbänder manipuliert wurden? Und ist es überhaupt ein Krimi, wenn kein Mord geschieht? Passierte vielleicht nicht doch noch viel mehr? Wer blieb untätig? Der Kriminalroman liefert viele Antworten und wird die Diskussion rund um den Brand der Kapellbrücke bestimmt neu entfachen, wie sich am Donnerstagabend bereits zeigte. Bei der Vernissage warf man sich im Publikum vielsagende Blicke zu, es wurde getuschelt und im Krimi geblättert.

(Illustration: Jörg Stadler)

*Hinweis: In einer ersten Version stand fälschlicherweise, dass die Kapellbrücke in der Nacht vom 18. auf den 19. August 1993 brannte. Dabei war es in der Nacht auf den 18. August 1993. Die entsprechende Textstelle wurde angepasst.

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