Weshalb wir uns auf der Strasse so leicht ablenken lassen
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So eben nicht: Ablenkungen sind immer häufiger der Grund für Verkehrsunfälle. (Bild: Adobe Stock)

Ein Zuger Verkehrspsychologe erklärt Weshalb wir uns auf der Strasse so leicht ablenken lassen

5 min Lesezeit 2 Kommentare 04.02.2021, 05:00 Uhr

Ein Drittel der Autofahrer hat ab und zu den Blick nicht auf der Strasse, bei den Velofahrern ist es jede fünfte Person. Sogar über die Hälfte der Fussgänger achten zu wenig auf den Verkehr. Der Zuger Verkehrspsychologe Gianclaudio Casutt erklärt, weshalb es uns so schwerfällt, im Verkehr die Augen auf der Strasse zu behalten.

Mit Kopfhörern auf dem Velo, mit dem Handy in der Hand im Auto, mit Kopfhörern auf dem Kopf und Handy in der Hand auf dem Fussgängerstreifen: Beobachten tun wir es tagtäglich – «gesündigt» haben die meisten von uns ebenso.

Ablenkungen auf der Strasse sind ein zunehmendes Verkehrssicherheitsrisiko und gehören bereits heute zu den häufigsten Unfallursachen. Konkret: Gemäss Zahlen der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) werden jährlich 60 Menschen aufgrund von Ablenkung und Unaufmerksamkeit getötet und 1’100 schwer verletzt.

Erstmals hat die BFU nun eine repräsentative Erhebung durchgeführt, wie häufig Verkehrsteilnehmer abgelenkt unterwegs sind. An Dutzenden von Zählstellen wurden Tausende von Autofahrern, Velofahrerinnen und Fussgängern beobachtet. Dabei wurde registriert, wie häufig und wodurch die verschiedenen Verkehrsteilnehmerinnen sich ablenken liessen.

Nicht das Handy lenkt am meisten ab …

Das ernüchternde Resultat der Beobachtungsstudie: Im Auto ist jede dritte Person am Steuer abgelenkt, auf dem Velo jede fünfte. Besonders häufig ist Ablenkung bei Fussgängern – die Hälfte von ihnen geht abgelenkt über die Strasse.

Zumindest auf den ersten Blick überrascht die häufigste Ablenkungsquelle – bei allen drei Verkehrsgruppen ist es nicht das Handy, sondern die Interaktion mit anderen Personen. Egal ob mit dem Beifahrer, der parallel fahrenden Kollegin auf dem Velo oder mit dem Freund auf dem Fussgängerstreifen: Wir plaudern im Strassenverkehr zu viel und konzentrieren uns oftmals stärker auf das direkte Gegenüber als auf die Umgebung.

… aber das Handy lenkt schon sehr ab

Auf Platz zwei der häufigsten Ablenkungsquellen im Auto und zu Fuss folgt dann ganz klar das Handy. Aufs Display schauen, herumtippen, Status updaten, Fitnesstracker checken: Das Smartphone hat sich in den vergangenen zehn Jahren immer tiefer in unseren Alltag gebohrt – und ist zunehmend Quelle von Ablenkungen, die zu einem Unfall führen.

Die Tatsache, dass Smartphones ein zunehmendes Verkehrsrisiko geworden sind, durfte erwartet werden. Auch der Zuger Verkehrspsychologe Gianclaudio Casutt ist von den Beobachtungen der BFU wenig überrascht. Spannender ist es jedoch, den Gründen dafür nachzugehen. «Tatsache ist, dass wir in unserem Verlangen nach Effizienz jeden freien Moment umgehend nutzen wollen. Sei es für ein Statusupdate auf den sozialen Medien oder um einen Artikel noch kurz fertig zu lesen.»

Verstärkte Abkapselung von der realen Welt

Der rasante Fortschritt seit der breiten Einführung der Smartphones im Jahr 2007 habe das Verhalten aller Verkehrsteilnehmer massiv verändert, stellt Casutt fest: «Bequeme, kabellose Bluetooth-Kopfhörer, oftmals mit Lärm unterdrückender Funktion, führen zu einer verstärkten Abkapselung von der realen Welt und zu einer Erweiterung der virtuellen Welt.»

Gerade auch bei Velofahrern, die als Verkehrsgruppe eher gefährdet ist, beobachtet Casutt die Entwicklung mit Sorge. «Hier wäre eine Gesetzesanpassung längst überfällig.»

Das haben wir nicht so gelernt

Die Frage ist aber auch: Weshalb lassen wir uns überhaupt so leicht ablenken. «Gelernt haben wir es ja nicht so. Der Polizist im Kindergarten, der Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz: Der Regeln und Gefahren sind wir uns, zumindest theoretisch, bewusst.»

«Wer einmal eine Grenze überschreitet, tut dies immer wieder – erst recht, wenn diese Grenzüberschreitung keine Konsequenzen zur Folge hatte.»

Gianclaudio Casutt, Verkehrspsychologe

Genau dieses Bewusstsein schwindet aber schnell und wird durch andere Verhaltensmuster ersetzt: «Nehmen wir als Beispiel einen Junglenker. Dieser ist zu Beginn durchaus vorsichtig auf der Strasse unterwegs. Er nimmt auch das klingelnde Handy nicht ab. Dann aber telefoniert er ausnahmsweise einmal trotzdem. Nur ganz kurz, weil es wirklich dringend ist», illustriert Casutt. «Die Grenzüberschreitung ist damit aber bereits begangen worden. Und wer einmal eine Grenze überschreitet, tut dies immer wieder – erst recht, wenn diese Grenzüberschreitung keine Konsequenzen zur Folge hatte.»

Mit «Folgen» meint Casutt erstens das Erleben von Gefahrensituationen oder gar Unfällen und zweitens eine Busse durch die Polizei oder gar einen Führerausweisentzug. «Eigentlich ist es eine Analogie zu ‹Gelegenheit macht Diebe›. Doch im Strassenverkehr wird das Fehlverhalten bald zur Routine», so Casutt.

Platz drei in der «Unfallhitparade»

Das eigentlich Pardoxe sei, dass die Unfallzahlen insgesamt seit rund 40 Jahren stark rückläufig seien. Dies liegt nicht zuletzt am Ausbau von Verkehrsinfrastrukturen wie Ampeln und Temporeduktionen auf Quartierstrassen. Doch in der Tat könne beobachtet werden, dass Unfälle durch Ablenkung in der «Unfall-Hitparade» viele Plätze nach vorne gerückt sind und hinter Unfällen wegen Geschwindigkeit und Fahrunfähigkeit bereits an 3. Stelle liegen, wie Casutt ausführt.

«Es braucht intensive Prävention, um auf die Gefährdung hinzuweisen, und vielleicht auch eine Anpassung der Gesetze.»

Das Vertrauen in die Regeln habe zudem seine Grenzen und könne für falsche Sicherheit und Gewohnheiten sorgen: «Regeln schaffen leider auch Gewohnheiten», sagt Casutt. «Man sucht auf dem Fussgängerstreifen nicht den Blickkontakt mit den Autofahrern, weil man blind davon ausgeht, dass man dort Vortritt hat und somit sicher ist. Ein anderes Beispiel ist das Gasgeben bei einer sogenannten Grünen Welle.»

Casutt geht davon aus, dass Ablenkungen in Zukunft die grösste Gefahr im Verkehr darstellen werden, und unterstreicht sein Argument, dass auf Gesetzesebene gehandelt werden müsste: «Es braucht intensive Prävention, um auf die Gefährdung hinzuweisen, und vielleicht auch eine Anpassung der Gesetze.»

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2 Kommentare
  1. Andreas Peter, 04.02.2021, 10:55 Uhr

    Was ich gar nicht verstehe ist, wie diese modernen Touch Displays in den Autos unter diesem Aspekt zulassungsfähig sind.
    Man muss sich auf diesen Screens teilweise durch Menüs hangeln um eine Funktion (Klima, Sitzheizung, Media etc.) einzustellen. Im Zweifel kommt ein Fehler-Popup, welches man auch wieder lesen muss.
    Für das ganze Prozedere müsste man im Prinzip anhalten.
    Ich verstehe nicht, wie so etwas auf die Menschheit losgelassen werden kann, wenn man sich doch sonst so um Sicherheit zu sorgen vorgibt.
    Die Benutzung des Smartphones ist «freiwillig», die Touch Steuerung gehört aber zum Auto.

  2. stefan wasser, 04.02.2021, 09:11 Uhr

    «Mit Kopfhörern auf dem Velo» – wenn das als Ablenkung gezählt wird, dann ist jeder Autofahrer, der das Autoradio anhat, auch abgelenkt. Das wären dann wohl 100%…

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