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Wer Pflanzen giesst, erhält Zeit geschenkt
  • Gesellschaft
Kiss richtet sich vorwiegend an ältere Menschen, die bei alltäglichen Dingen auf Hilfe angewiesen sind. (Bild: Emanuel Ammon/AURA )

In Cham startet die Nachbarschaftshilfe KISS Wer Pflanzen giesst, erhält Zeit geschenkt

5 min Lesezeit 30.09.2014, 11:17 Uhr

Nachbarschaftshilfe mit Gegenleistungen in Form von Zeit. Das will der Verein «KISS» in Cham einführen. Nur, widerspricht diese Art Belohnung nicht den Grundsätzen der Freiwilligenarbeit? Und braucht es diesen Anreiz heutzutage, damit die Bevölkerung überhaupt erst Lust am Helfen bekommt?

Wenn ich bei Frau Burkhalter, meiner 84-jährigen Nachbarin zwei Stunden Fenster putze, erhalte ich zwei Stunden auf mein Zeitkonto gutgeschrieben. Diese kann ich, wenn ich dann 84 Jahre alt bin, wieder einlösen, damit jemand für mich die Fenster putzt. Oder Staub wischt. Oder meine Katze füttert. Ich kann die zwei «gewonnenen» Stunden aber auch heute schon einfordern, wenn ich beispielsweise jemanden brauche, der während meiner Ferien in meiner Wohnung nach dem Rechten sieht.

Eine Reaktion auf die demografischen Veränderungen

In etwa so soll die neue Nachbarschaftshilfe aussehen, welche der Verein KISS in Cham nächstens starten will. Das Modell wurde bereits im Kanton Obwalden und in der Stadt Luzern umgesetzt. «KISS ist auch eine Reaktion auf die Veränderung der demografischen Zusammensetzung der Gesellschaft», erklärt die Co-Präsidentin des Vereins, Susanna Fassbind. Vor allem die Anzahl der Seniorinnen wird in den nächsten Jahrzehnten beträchtlich zunehmen, gleichzeitig schwinden traditionelle Strukturen. «Wir möchten, dass Menschen aller Generationen wieder vermehrt mit Leuten aus der Umgebung Kontakt haben und so auch die Vereinsamung eingedämmt wird», sagt Fassbind.

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Gleichzeitig drohe mit der starken Zunahme von Rentnern auch eine Kostenexplosion. «Wir müssen uns neue Lösungen überlegen, denn mit Geld lassen sich die vielen Wünsche und Bedürfnisse langfristig nicht mehr befriedigen.» Und hier soll diese neue Form von Nachbarschaftshilfe ins Spiel kommen.

Die Regierungsräte sind unterschiedlicher Ansicht

Dass sich KISS für ein neues Modell einsetzt, unterstützt die Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard und sagt: «Der Regierungsrat hat die Bewältigung der demografischen Herausforderung sogar als strategisches Ziel definiert.» Dass es sich um nachbarschaftliche Hilfe mit einer Gegenleistung handelt, begrüsst Weichelt. Dies könne ein wichtiger Anreiz sein, sich zu engagieren.

Dass im KISS-Modell Nachbarschaftshilfe vergütet wird, kritisiert jedoch der Zuger Regierungsrat Urs Hürlimann. «Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass man sich unter Nachbarn hilft und auch freiwillig für die Gesellschaft etwas leistet. Die staatliche Kontrolle der Freiwilligenarbeit kann jedenfalls nicht unser Ziel sein.»

Ziel ist eine soziale Selbstorganisation

Fassbind erklärt dazu: «Es ist langfristig die Idee, dass KISS zu einer sozialen Selbstorganisation der Gesellschaft wird, ohne dass die Zentrale vernetzen muss. Ob das mit oder ohne Zeitgutschriften funktioniert, wird sich zeigen. Die Zahlen zeigen jedoch, dass Freiwilligenarbeit klar abnimmt und darum wollen wir dazu beitragen, neue Freiwillige zu gewinnen. In Obwalden und Luzern hat sich jedenfalls schon abgezeichnet, dass die Menschen nach einer ersten Phase mit Zeitgutschriften auch sonst mehr miteinander verkehren.»

Hürlimann nennt aber noch weitere Kritikpunkte: «Wer traditionelle Nachbarschaftshilfe anbietet, hat keinen Anspruch auf Abgeltung. Dadurch entsteht Ungerechtigkeit. Zudem ist die klassische Nachbarschaftshilfe administrativ einfacher umzusetzen.» Das, obwohl auch KISS einfach sein möchte. KISS steht hier nämlich für «Keep it Small and Simple.»

«Für mich stellt sich die Frage, wer die langfristige Sicherung des Systems gewährleisten kann.»

Urs Hürlimann, Zuger Gesundheitsdirektor

Noch einen weiteren Punkt kritisiert Hürlimann. «Für mich stellt sich die Frage, wer die langfristige Sicherung des Systems gewährleisten kann, sodass ein Helfer in Zukunft seine gutgeschriebenen Stunden einlösen kann.» Auf letzteren Punkt entgegnet Susanna Fassbind: «Der Verein legt die Grundlagen fest und gibt das Modell dann an Genossenschaften weiter. Diese erhalten sich selber am Leben und organisieren sich nach den örtlichen Gegebenheiten. Wie bei jeder Genossenschaft schauen die Mitglieder für die Nachfolge, so auch bei KISS, darum machen schon jetzt auch immer jüngere Menschen mit.» Mitmachen kann demnach nur, wer Genossenschafter von KISS ist.

Bezugspersonen werden sorgfältig ausgewählt

Die KISS-Nachbarschaftshilfe richte sich zwar zuerst an rüstige Pensionierte, denn «dort, bei den Menschen im dritten Lebensabschnitt, ist das Potenzial dafür am grössten», sagt Fassbind. Trotzdem dürften beispielsweise auch Kinder mitmachen (als Genossenschaftsmitglieder im Einverständnis mit ihren Eltern), und etwa ihrer Grossmutter helfen.

Wer wem hilft wird nicht willkürlich von der KISS-Zentrale bestimmt. «Es finden vorgängig verschiedene Treffen zwischen den beiden Personen statt, diese Paare werden Tandems genannt. Das ist uns wichtig, da Betreuung zuhause in einer Intimsphäre stattfindet und die Tandems entsprechend zueinander passen sollen», erklärt die Co-Präsidentin. Der Aufwand pro Tandem betrage so anfänglich etwa acht bis zehn Stunden. Alle Mitglieder würden in der eigens von KISS entwickelten Software aufgenommen, auch werden dort die Bezugspersonen jeder Person vermerkt. Wenn also eine junge Mutter in einer Notsituation eine zweistündige Betreuung für ihren Sohn braucht, kann sie die Zentrale anrufen, und dort wird innerhalb der genannten Bezugspersonen jemand gesucht, der aufs Kind aufpassen kann.

Obwalden hat bereits 135 Genossenschafter

Aber wie funktioniert das System in der Praxis? In Obwalden läuft KISS bereits seit einem Jahr. Dort sind bereits 135 Genossenschafter mit von der Partie. Eigentlich laufe das Projekt gut, sagt die Obwaldner Geschäftsleiterin Marianna Marchello. Und doch gebe es die eine oder andere Schwierigkeit. «Wir müssen die Leute stark aufklären, bis sie die Hilfe annehmen können. Das sind sie sich nicht gewohnt. Wir müssen ihnen daher immer wieder bewusst machen, dass es völlig in Ordnung ist, wenn sie auf ihrem Zeitkonto ins Minus geraten und dass sie diese Zeit nicht aufzuarbeiten brauchen.»

Um definitive Schlüsse auf den Erfolg des Projekts zu ziehen, wird aber noch etwas Zeit vergehen. Ende 2016 geht die Pilotphase laut Fassbind zu Ende, bis dann werde professionell begleitet und evaluiert, wie das Ganze laufe.

Bevor das Projekt in Cham starten soll, findet diesen Dienstag, dem 30.September, um 20 Uhr, eine Informationsveranstaltung im Lorzensaal statt.

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