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Schnapsgespräche im Speckgipfeli-Paradies
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No Bullshit: Türsteher und Verkäufer George nimmt die Dinge, wie sie kommen, greift aber durch, wenn die Spielregeln verletzt werden. (Bild: giw)

Luzern: Nachtrepo aus dem Meile-Beck Schnapsgespräche im Speckgipfeli-Paradies

8 min Lesezeit 28.01.2017, 17:55 Uhr

Bechern, feiern, mampfen: In dieser Reihenfolge pflegen die Nachtschwärmer in Luzern ihre Party-Nächte zu verbringen. Für den kulinarischen Abschluss des Ausgangs gehen viele in die legendäre Meile-Bäckerei an der Kasimir-Pfyffer-Strasse. Wir waren eine Nacht dabei.

Ich habe den Fehler gemacht, mich vor meiner nächtlichen Reportage hinzulegen. Sowieso, ich hätte mir die Idee von Anfang an aus dem Kopf schlagen sollen, aber jetzt ist es zu spät, oder besser gesagt, zu früh. Nur widerstrebend verlasse ich um zwei Uhr morgens, Sonntagnacht, meine Wohnung an der Baselstrasse in Richtung Kasimir-Pfyffer-Strasse. Das Ziel: Der stadtbekannte Nachtverkauf der früheren Bäckerei Meile, heute Suter’s Meile.

Aussen ist es kalt und dunkel, ich gehe besser hinein.

Aussen ist es kalt und dunkel, ich gehe besser hinein.

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(Bild: gwi)

«Die Nacht ist sehr ruhig»

Sobald ich in der hell erleuchteten Verkaufsfläche der Bäckerei vom leckeren Duft des Gebäcks empfangen werde, bin ich mit der Welt wieder im Reinen. Vor mir wartet bereits eine kleine Gruppe auf die Bestellung, aber heute bin ich nicht für die Leckereien hier. Verkäuferin Mila erkennt mich sofort und lotst mich hinter die improvisierte Theke, die von einer beachtlichen Menge frischer Backwaren gesäumt ist.

Mila ist seit 15 Jahren beinahe jeden Samstag und Sonntag nachts für den Verkauf in Suter’s Meile verantwortlich.

Mila ist seit 15 Jahren beinahe jeden Samstag und Sonntag nachts für den Verkauf in Suter’s Meile verantwortlich.

(Bild: giw)

Abgemacht war ursprünglich, dass ich selbst anpacken würde und die Kunden bediene. Aber «die Nacht ist sehr ruhig», erklärt mir Verkäuferin Mila. Ich kann mich also ganz darauf konzentrieren, das Geschehen der nächsten Stunden zu beobachten. Auch gut! Die Serbin arbeitet bereits seit 15 Jahren beinahe jeden Samstag und Sonntag in der Bäckerei Meile. Zusammen mit George, er ist Türsteher und Verkäufer in einem, ist sie seit 8 Jahren dafür zuständig, dass hungrige Partygänger und Taxifahrer mit frischem Gebäck versorgt werden.

Kosovare und Serbin harmonieren perfekt

Der stämmige Mann aus dem Kosovo ist zweifacher Familienvater und arbeitet hier nur Teilzeit. Trotz der konfliktuösen Geschichte der beiden Volksgruppen harmonieren die beiden perfekt, das ist für jedermann auf den ersten Blick erkennbar. «Wir verstehen uns sehr gut. Alle, die Krieg wollen, sind nicht ganz richtig im Kopf, Friede ist mir das Wichtigste.»

Er ist eigentlich Vollzeit-Hauswart im Kanton Zug und verdient sich mit dem Nachtverkauf noch etwas dazu, war aber über viele Jahre für diverse Nachtclubs als Türsteher tätig: «Ich war in Zürich und in Luzern Türsteher.» Beide legen eine entspannte Ruhe an den Tag und lassen sich nicht aus der Fassung bringen. Das ist bei dieser Kundschaft wohl auch nicht anders möglich. «95 Prozent der Leute sind freundlich, und bei den anderen muss man einfach ruhig bleiben», erklärt mir George.

Bei dieser Auswahl läuft den Nachtwandlern das Wasser im Munde zusammen.

Bei dieser Auswahl läuft den Nachtwandlern das Wasser im Munde zusammen.

(Bild: gwi)

«8 Franken? Saftige Preise!»

Und tatsächlich: Die Leute, die sich in der Bäckerei verpflegen, wirken grossmehrheitlich nüchtern, ruhig und freundlich. «Danke vielmals fürs Backen in der Nacht», sagt beispielsweise eine junge Frau. «8 Franken? Saftige Preise!», bemerkt eine andere Kundin, bezahlt aber anstandslos die bestellten Backwaren. Sie will gleich zubeissen, da brummt George: «Essen ist drinnen nicht erlaubt, geh bitte nach draussen.» Etwas mürrisch, aber folgsam bewegt sie sich nach draussen. Die Aufforderung sorgt bei den Temperaturen nicht für helle Begeisterung. Immer wieder muss George freundlich, aber bestimmt Esser vor die Tür weisen.

Legendärer Nachtverkauf

An der Kasimir-Pfyffer-Strasse wird seit über 25 Jahren in der Nacht Brot verkauft, damals noch unter Patron Alois Meile, der früher noch selbst das Brot während der Nacht verkaufte. Unter dem neuen Besitzer Willi Suter respektive seinem KMU mit Backmanufaktur in Egolzwil und sieben Verkaufs- und Cafélokalen, blieb das Angebot bestehen. Meine Freunde und Mitarbeitende bestätigen: Das beste und notabene beliebteste Gebäck ist das Speckgipfeli. Was Partygänger nicht kaufen können in Suter’s Meile ist Alkohol, der wird im Nachtverkauf nicht angeboten.

Aber auch die Negativ-Beispiele bleiben nicht aus: Gegen Viertel nach drei spaziert ein Paar mit Fasnachtskostüm in die Bäckerei. Der Mann gewinnt gleich den Preis für den sexistischsten Spruch des Abends, als er beim Bezahlen ein Sexspielzeug aus der Tache kramt: «Das Rückgeld kannst du mir in die Taschenmuschi stecken.» Mila reagiert absolut gelassen und lässt den dummen Spruch einfach abperlen. Ich spüre, solche Kommentare ist sie gewohnt.

Gegen halb vier betritt eine der zahlreichen Gruppen aus dem Princess angeheitert die Bäckerei. Sie kaufen massig Waren ein. Damit scheint der Hunger aber noch nicht gestillt zu sein. Einer der jungen Männer bestellt einen Bagle und fragt im gleichen Atemzug: «Wo ist der nächste Kebab?» Seine Kollegin erklärt auf Italienisch die Backwaren einem anderen Gruppenmitglied, der Mann lehnt aber allesamt skeptisch ab. Deshalb beschliessen die Damen und Herren, noch einen Fastfood-Laden aufzusuchen und verschwinden wieder in die kalte Nacht.

Bei dieser Auswahl läuft den Nachtwandlern das Wasser im Munde zusammen.

Bei dieser Auswahl läuft den Nachtwandlern das Wasser im Munde zusammen.

(Bild: gwi)

Eine Faustregel, die ich nach einer Stunde festhalten kann: Je betrunkener die Gäste, desto länger geht es. «Haben Sie warmen Zopf?», George macht ein verkniffenes Gesicht: «Warmer Zopf? Die sind einfach frisch!» Das breite Sortiment von Speckgipfel, über Sandwiches, Brot bis hin zu Wurstweggen und Calzone führt teilweise zu minutenlangen (Selbst-)Gesprächen über die richtige Bestellung. Es fällt auf, dass viele verschiedene Sprachen gesprochen werden: Neben Schweizerdeutsch ist unter anderem Italienisch, Englisch oder Arabisch zu hören.

«Das Brot wird schmackhafter, wenn der Teig länger Zeit hat zu gären.»

Bäcker Markus, Suter’s Meile

«Mein Freundeskreis ist sehr klein geworden»

Aber wer produziert eigentlich so fleissig frische Backwaren die ganze Nacht hindurch? Um dies herauszufinden, statte ich Bäcker Markus und seinem Lehrling Alwin einen Besuch ab, während vorne die beiden Cracks an der Kasse weiter fleissig die Kunden bedienen. Der Bäcker ist seit 23 Uhr auf den Beinen, Lehrling Alwin startete gleichzeitig mit mir um halb zwei.

Markus macht den Job seit vielen Jahren, unter der Woche startet er normalerweise um halb drei. Kein Zuckerschlecken, meint er auf Nachfrage, die Nachtarbeit habe durchaus Einfluss auf sein Sozialleben: «Mein Freundeskreis ist sehr klein geworden.» Gerade produzieren die beiden Teiglinge, und zwar bereits für Montag: «Das Brot wird schmackhafter, wenn der Teig länger Zeit hat zu gären.»

Markus links und Lehrling Alf bereiten das Gebäck für den Nachtverkauf zu.

Markus links und Lehrling Alf bereiten das Gebäck für den Nachtverkauf zu.

(Bild: gwi)

Viele sind Stammgäste

Markus erklärt mir die moderne Backstube und verarbeitet gleichzeitig kiloweise Teig im Minutentakt. Ich lasse die beiden in Ruhe und kehre zurück zum Verkaufsstand. Inzwischen ist es bereits fünf Uhr und immer finden stetig neue Nachtschwärmer den Weg in die Bäckerei. «Hey, ihr beiden, wie geht es?», fragt eine Besucherin und ihre Kollegin. Sie umarmen Mila, die beiden kennen sich seit Längerem. «Sie arbeitet im McDonalds und besucht uns ab und zu hier während dem Nachtverkauf», erklärt uns Mila. Und George ergänzt: «Viele, die hier einkaufen kommen während der Nacht, sind Stammgäste.»

Ich frage einen Mann mittleren Alters, der gerade einen Speckgipfel bestellt hat, ob er aus einem Club komme: «Nein, ich bin Taxifahrer.» Nicht nur Partygänger, auch viele Taxifahrer, Securitas-Mitarbeiter und sogar die nächtliche Polizei-Streife decken sich hier mit Naschwerk ein. Trotz der ruhigen Nacht sei es aber eine erfolgreiche: «Ich hatte eine Fahrt nach Zürich.» Nun sei aber bald Schluss.

Während die Mitarbeiter schuften, lässt sich der Autor von einem Kollegen der Zofinger Tagblatt ablichten.

Während die Mitarbeiter schuften, lässt sich der Autor von einem Kollegen der Zofinger Tagblatt ablichten.

(Bild: Ronnie Zumbühl)

Diebstahl kommt immer wieder vor

Auch für die Meile-Equipe neigt sich der Nachtverkauf langsam dem Ende entgegen. George offeriert mir weiter fleissig Kaffee und Gebäck, Ersteres nehme ich gerne an, für Zweiteres habe ich wohl aufgrund fehlenden Alkohols und der Uhrzeit keinen Appetit. Es ist gerade etwas ruhig, und der Kosovare erklärt mir, dass gegenüber dem Nachtverkauf vor dem Pächterwechsel die Dinge heute etwas entspannter laufen: «Früher war es enger hier. Ausserdem sind die Princess-Besucher angenehmer als diejenigen des ehemaligen Operas.»

Mila bestätigt die Darstellung und schiebt nach: «Trotzdem gibt es immer wieder Personen, die Essen stehlen.» Man man aber keine Chance, denen nachzurennen. Sie findet das nicht fair. «George erwischt aber immer wieder Leute.» Im Normalfall lasse man die Leute ohne Anzeige gehen, habe aber auch schon die Polizei gerufen. Sie sei grosszügig: «Wenn ein Obdachloser hereinkommt und nach Essen fragt, gebe ich ihm etwas.»

Gegen halb sechs werden die Tische geräumt und die übrig gebliebenen Backwaren zum regulären Verkaufsbereich der Bäckerei überstellt. Alle packen an. Ich bin froh, darf ich mich um Viertel vor sechs wieder auf den Heimweg machen.

Um 6 Uhr ist Schluss im Bistro, die Mitarbeitenden von Suter’s Meile räumen auf.

Um 6 Uhr ist Schluss im Bistro, die Mitarbeitenden von Suter’s Meile räumen auf.

(Bild: giw)

 

Lange Schicht neigt sich dem Ende zu

Für Bäcker Markus und Lehrling Alwin ist noch lange nicht Schluss: «Bis 9 Uhr geht es sicher noch.» Er ist inzwischen bereits seit sieben Stunden auf den Beinen. Ebenso Mila, sie wird noch die ersten Stunden des regulären Sonntagsverkaufs bestreiten. Sie hat einen sehr langen «Tag» hinter sich: «Gestern war ich noch an einem Konzert im KKL, dann habe ich mich eine Stunde hingelegt und bin dann hierher gekommen.» Und auch auf Türsteher George wartet heute noch Arbeit: Denn den vielen Schnee dieser Nacht muss er als Hausabwart in Zug noch räumen, bevor er sich zur Ruhe legen kann. 

Der Perspektivenwechsel war lehrreich und ich bin beeindruckt: Während unsereins am Wochenende feiern geht und es sich gut gehen lässt, sorgen Leute wie Mila, George, Markus und Alwin wöchentlich Samstag und Sonntag für unser leibliches Wohl. Notabene arbeiten sie unter der Woche auch noch. Mila beispielsweise beginnt ihre Schicht an Arbeitstagen um vier Uhr. Und längst sind nicht alle Kunden so zuvorkommend und freundlich, wie es sich für diesen Rieseneinsatz gebühren würde: «Manche Kunden behandeln einen schlecht und sagen: Du bist nur eine Verkäuferin, du hast nichts zu sagen.»

Wer nach der Lektüre dieses Artikels Appetit bekommen hat, kann sich in unserem Dossier Gastronomie über weitere Gaumenfreuden in der Stadt informieren.

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