Kultur

Zuger Sinfonietta spielte Mendelssohn
Impulsiv und dynamisch statt kitschig versunken

  • Lesezeit: 3 min
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Die Zuger Sinfonietta mit Hyeyoon Park als Solistin und Daniel Huppert als Dirigent interpretiert Mendelssohns Violinkonzert. (Bild: Priska Ketterer)

Notgedrungen muss die Stadt Zug neue Konzertorte ausprobieren, denn das Casino Theater wird derzeit renoviert. Die Zuger Sinfonietta musste darum am Freitag auf die Kirche St. Johannes ausweichen. Und nahm dort mit einem klugen Programm und guter Akustik das Publikum für sich ein.

 

«Juhui, jetzt geht es los!», jubelt der Intendant der Theater- und Musikgesellschaft Zug im Programmheft zum Konzert. Gemeint ist die Klassiksaison in neuen Konzertorten der Stadt. In diesem Jahr wird wegen der Sanierung des Theater Casinos in der ganzen Stadt verteilt Musik gemacht. Glücklicherweise haben Stadt und Kanton mehr als nur einen den akustischen Anforderungen entsprechenden Raum zu bieten. Um es vorwegzunehmen: Die Kirche St. Johannes gehört dazu.

Im Auftrag des Prinzen

In dem gut besuchten, aber nicht vollen Kirchensaal gab die Zuger Sinfonietta ein Konzert, in dessen Zentrum die Musik Felix Mendelssohn Bartholdys stand. Der Beginn gehörte jedoch Gabriel Fauré. Dessen «Masques et Bergamasques»-Suite op. 112 ist ein gern gespieltes Orchesterstück aus dem Jahr 1919, dem ein Auftrag des Prinzen von Monte Carlo zu Grunde lag. Fauré sollte die Musik zu einer comédie musicale mit Gesang und Tanz liefern. Die Suite reduziert die acht Nummern auf vier orchestrale Sätze. Sie richten sich heiter nach den Tanzsuiten des 18. Jahrhunderts, aber besonders der tonal gewagtere letzte Satz ist unmissverständlich im 20. Jahrhundert zu verorten und traut sich mehr, als nur Majestätsunterhaltung zu sein. Vom Start weg spielt die Sinfonietta frisch und lebendig auf, nutzt die Vorteile, über die ein kleines Orchester verfügt, das übrigens viele junge Gesichter in seinen Reihen hat.

«Zwei fast Sollbruchstellen der Komposition, nämlich die Koordination mit der Pauke und die kritische Intonation der Holzbläser, gelingen fabelhalt.»

Das Publikum wurde leider nicht richtig warm mit dem Auftakt. Der Inbegriff der Hochromantik, Mendelssohns E-moll-Violinkonzert, warf vielleicht seinen Schatten voraus. In dessen ersten Takten bereitet das Orchester die Bühne, auf der sich die Violine mit der weltbekannten Melodie grazil emporschwingt. Weder die Sinfonietta noch die junge koreanische Solistin Hyeyoon Park gaben sich der Versuchung hin, im molto appassionato kitschig zu versinken. Im Gegenteil: Impulsiv und dynamisch und ausserdem zügig gingen sie den ersten Satz an. Zwei fast Sollbruchstellen der Komposition, nämlich die Koordination mit der Pauke und die kritische Intonation der Holzbläser, gelingen fabelhalt. Über die starke Bewegung und Spanne der Dynamik gerät zwar die Stringenz zwischen ruhigen und aufgewühlten Passagen ins Hintertreffen, das ist aber allemal spannender, als es die versöhnlich-romantischen Interpretationen sein könnten.

Mitten im Klangteppich des Orchesters

Im zweiten Satz gewinnen Orchester und Solistin noch mehr Vertrauen zueinander. So lässt sich Park mit Genuss in den Klangteppich des Orchesters fallen, um von dort aus ihre Solopartie zu gestalten. Nach dem prachtvollen Finale des virtuosen dritten Satzes ist das Publikum gänzlich eingenommen. Zu einer Zugabe lässt sich Park, die übrigens ganz auf die Wirkung der mendelssohnschen Kadenzen vertraut, aber nicht verleiten.

Einige von Mendelssohns Kompositionen sind unmittelbare Reaktionen auf zuvor Erlebtes. Der Besuch von Konradin Kreuzers Oper «Melusina» in Berlin 1833 regte ihn zur Konzertouvertüre «Das Märchen von der schönen Melusine» an. Melusine und ihr Geliebter Raimund werden mit eigenen Themen eingeführt, ihre Geschichte dann mit einer Verbindung der Themen erzählt. Die Sinfonietta führt souverän durch diese kleine Geschichte.

Zum Schluss widmete sich die Sinfonietta dem tatsächlich gleichnamigen Werk «Sinfonietta» des französischen Komponisten Francis Poulenc. Dieser lieferte 1948 sein von der BBC bestelltes Orchesterwerk ab, nannte es aber nicht Sinfonie, sondern diminuierend Sinfonietta. Wahrscheinlich wollte er sein Werk nicht mit einem schweren Titel belegen, wo es doch keinem einheitlichen Stil und keiner strikten Form folgt. Darin liegt aber auch ein Reiz und die grosse Freude dieser Musik. Neoklassizistische Elemente folgen auf Volksweisen, einige Melodien verschwinden so schnell, wie sie kamen, während die Mittelsätze von ausgeprägter motivischer Arbeit zeugen. Eine wirkliche Entdeckung und der Zuger Sinfonietta, nomen est omen, wie auf den Leib geschrieben.

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