Gesellschaft
Zuger Geschäftsleiter ist besorgt

Seit Kriegsbeginn läuft Leitung des Sorgentelefons 143 noch heisser

Klaus Rütschi ist seit 2009 Geschäftsführer der Dargebotenen Hand Zentralschweiz. (Bild: zvg)

Wer hätte das gedacht: Schon in Pandemiezeiten verzeichneten Sorgentelefone wie die Dargebotene Hand Rekordzahlen. Doch seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs haben die Telefonberaterinnen noch mehr zu tun. Wir haben den Geschäftsleiter des 143 Klaus Rütschi getroffen.

Es hört einfach nicht auf. Schon während Corona verzeichneten Beratungsstellen wie die Dargebotene Hand Rekordzahlen.

Im Jahr 2020 stiegen die Anrufe Corona-bedingt um 12 Prozent. Im Jahr darauf nahm die Zahl nochmals um über 13 Prozent zu. Damit wurde die Zentralschweizer Regionalstelle der Dargebotenen Hand über die Nummer 143 knapp 17'175 Mal kontaktiert. Das sind rund 2'000 Anrufe mehr als im Vorjahr – und damit ein neuer Rekord.

Und es wird nicht weniger. Am 24. Februar wird in Luzern mit voller Euphorie die Fasnacht eingeläutet – zeitgleich sind in Kiew Explosionen zu hören. Der Krieg bricht in der Ukraine aus. Und das beschäftigt auch die Menschen hier. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs suchen nochmals mehr beim Sorgentelefon Rat. Von Januar bis Mai waren es 995 Ratsuchende mehr als im Vorjahr in derselben Zeitspanne. Das sind nochmals 185 Anrufe mehr pro Tag.

Dargebotene Hand wird 2022 wohl wieder Rekorde schreiben

Wir treffen Klaus Rütschi an einem heissen Junitag auf eine eiskalte Limonade im Mardi Gras. Der 52-Jährige ist seit mehr als 12 Jahren Geschäftsführer bei der Dargebotenen Hand Zentralschweiz. Eine Zeit wie die letzten zwei Jahre habe er noch nie erlebt.

Nach dem Rekordjahr 2021 werden die Ratsuchenden auch in diesem Jahr voraussichtlich nicht weniger. Rütschi sagt: «Wahrscheinlich werden wir dieses Jahr nochmals ein Rekordergebnis verzeichnen. Das überrascht uns. Denn wir gingen davon aus, dass die Anzahl der Beratungen nach der Pandemie in 1000er-Schritten zurückgeht.»

Ukraine-Krieg verunsichert viele

Die Corona-Pandemie hat vielen auf die Psyche geschlagen. Viele Menschen fühlten sich einsam (zentralplus berichtete). Menschen sehnten sich wieder nach Normalität und Harmonie. Doch dann folgte der nächste Hammer: der Ukraine-Krieg. Die unsichere wirtschaftliche Lage, die hohen Inflationsraten mit dem dazugehörenden starken Anstieg der Preise für Benzin und Lebensmittel sowie der Mieten, Hypozinsen usw.

«Wir sehen schon länger eine Epidemie des psychischen Leidens, die unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung vor sich hin schwelt.»

Klaus Rütschi, Geschäftsführer Dargebotene Hand Zentralschweiz

«Die meisten haben Angst und sind verunsichert. Weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Was die Zukunft bringen wird.» Ob der Atomkrieg droht, ob sie sich die Ferien noch leisten können. Oder ob sie genug zu essen haben. Rütschi erzählt von einem Studenten, den er am Telefon beraten hatte, dessen grösste Sorge es war, welches Auto er sich nun kaufen solle. «Doch wenn wir dann genauer zuhören, merken wir: Es geht gar nicht um dieses Auto. Es geht um die Verunsicherung, was kommen wird, und Zukunftsängste.»

Ältere Hilfesuchende machen sich Sorgen, dass sie nicht genug zu essen haben – weil sie bei einem allfälligen Krieg nicht in der Lage wären, Essensvorräte anzulegen, so wie sie das von den früheren Kriegen gelernt hätten.

Die typisch Hilfesuchende: jung und weiblich

«Wir sehen schon länger eine Epidemie des psychischen Leidens, die unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung vor sich hin schwelt», sagt Rütschi. Und viele Krisen kommen auch erst Monate nach der Pandemie an die Oberfläche (zentralplus berichtete).

Müsste Rütschi «die typische Hilfesuchende» bei der Dargebotenen Hand beschreiben, wäre sie jung, weiblich und würde Sorgen um die Alltagsbewältigung, psychische Schwierigkeiten und Einsamkeit zur Sprache bringen. Das sind auch die Themen, die in den letzten beiden Jahren prozentual am stärksten zugenommen haben. «Das Thema Einsamkeit hat sich in der Telefonberatung auf hohem Niveau stabilisiert», so Rütschi.

«Sind wir mit dem Schichtbetrieb von zirka 40 Beratenden ausgegangen, sind nun mindestens 60 Beratende am Telefon und 9 Chat-Beratende tätig. Und das reicht immer noch nicht.»

Klaus Rütschi

Frauen greifen lieber zum Telefon. «Und Männer warten viel länger, bis sie Hilfe suchen», so Rütschi. Eher schreiben sie der Dargebotenen Hand dann auch eine E-Mail oder melden sich per Chat.

Was ihm besonders Sorge bereitet, ist, dass immer mehr Junge zum Hörer greifen. Und dass die Dargebotene Hand auch immer häufiger wegen Suizidgedanken kontaktiert wird. Oder wegen häuslicher Gewalt. Themen wie Suizidalität haben um 26 Prozent zugenommen, häusliche Gewalt um knapp 36 Prozent.

Hier findest du Hilfe

Reden hilft. Wähle die Nummer 143 der «Dargebotenen Hand», wenn es dir nicht gut geht oder du dir Sorgen um jemand anderen machst. Kostenlos rund um die Uhr wird dir auch über die Nummer 147 (Pro Juventute) geholfen.

Eltern finden beim Elternnotruf über die Nummer 0848 35 45 55 kostenlos und anonym Unterstützung.

Die Dargebotene Hand braucht mehr Beraterinnen

Im Verlauf der Pandemie hat die Dargebotene Hand die Beratungskapazität stark nach oben angepasst. Elf neue Beraterinnen wurden engagiert, die Zahl der Schichten um 14 Prozent erweitert. Das entspricht einer Erhöhung der potenziellen Gesprächszeit von rund 300 Stunden pro Woche.

«Sind wir mit dem Schichtbetrieb von zirka 40 Beratenden ausgegangen, sind nun mindestens 60 Beratende am Telefon und 9 Chat-Beratende tätig. Und das reicht immer noch nicht, wenn wir nicht wollen, dass unsere Leute ausbrennen», so Rütschi. Deswegen sucht die Dargebotene Hand derzeit Interessierte für die nächste Ausbildung zur Telefonberaterin.

Der Zuger rechnet damit, dass im nächsten Jahr 12 bis 14 neue Mitarbeiterinnen einsatzbereit sind. Und so viele braucht es auch, um den Ansturm der Hilfesuchenden stemmen zu können.

Ausbildung zur Beraterin beim 143 dauert 200 Stunden

Neue Telefonberater werden sorgfältig rekrutiert. Die Ausbildung ist intensiv. In knapp einem Jahr werden sie auf die Arbeit vorbereitet. Dahinter stehen rund 200 Stunden Theorie und Praxis in Kommunikation, Psychologie und Psychopathologie. «Insbesondere setzt man sich intensiv mit der eigenen Person auseinander, damit einen die Arbeit am Telefon nicht überfordert.» Denn wie Rütschi sagt: «Ein Ertrinkender kann einen anderen Ertrinkenden nicht retten.» Deswegen achtet man genau darauf, dass die künftigen Beraterinnen psychisch stabil sind.

«Die Ansprüche an die Arbeit sind so hoch, dass es für viele nicht reicht, diesen Job zu machen.»

Klaus Rütschi

Mitarbeitende dürfen auch erst Hilfesuchende per Chat oder E-Mail beraten, nachdem sie zwei Jahre lang Telefonberatungen gemacht haben. «Dies, weil die Themen, mit denen uns Ratsuchende schriftlich kontaktieren, nochmals viel brutaler sind. Suizidalität wird im Chat sieben Mal mehr genannt als am Telefon.» Aber auch sexueller Missbrauch oder Selbstverletzung werde da viel mehr genannt. «Zudem ist es bei schriftlichen Anfragen wichtig, aus drei Zeilen herauszulesen, was die Person wirklich sagen will und wo sie Hilfe braucht.»

Viele wollen helfen – doch nur wenige können es auch

Doch: Wie einfach ist es überhaupt, Freiwillige zu finden? Gerade in Zeiten, in denen jeder und jede ein wenig zu hadern hat? Wie gross ist dann die Bereitschaft oder schlicht auch die Kraft, anderen zu helfen?

«Wir finden genug Leute», sagt Rütschi. «Jedenfalls genug Leute, die sich melden, um freiwillig zu helfen. Allerdings sind die Ansprüche an die Arbeit so hoch, dass es für viele nicht reicht, diesen Job zu machen. Wir brauchen wirklich Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen.»

Zumeist kommt es schon bei der Rekrutierung, spätestens aber in der Ausbildung, ans Licht, dass viele einen Rucksack mit sich tragen, mit eigenen Erlebnissen aus der Vergangenheit hadern. Wenn jemand beispielsweise eine zermürbende Scheidung durchgemacht und dies nicht verarbeitet hat, so wird diese Person, am Telefon auf das Thema angesprochen, immer retraumatisiert. Und das gilt es zu verhindern. «In der Ausbildung lernen die Interessierten viel über sich selber. Wenn etwas verschüttet ist, kommt es da auch ans Tageslicht», so Rütschi.

Pandemie hat gezeigt, wie wichtig die Arbeit ist

Auch wenn die Mitarbeiterinnen der Dargebotenen Hand derzeit stark gefordert sind – ihnen geht es gut, wie Rütschi betont. Das habe auch eine kürzlich durchgeführte Mitarbeiter-Befragung gezeigt.

«Gerade die letzten Monate haben gezeigt, wie wichtig unsere Arbeit ist. Und darauf sind unsere Leute schon auch stolz.» Auch Rütschi, der vor seiner Zeit als Geschäftsführer bei der Dargebotenen Hand bei einer grossen Bank gearbeitet hat, bereut seinen Job-Wechsel überhaupt nicht. «Heute weiss ich: Ich helfe anderen Menschen – mehr, als wenn ich irgendwelche Hypotheken verkaufe.» Und auch wenn die Gespräche teilweise belastend sind und auch ihm nahegehen, «es ist schön, etwas zu bewirken.»

Was wir alle tun können

Die Limonade ist leer getrunken. Rütschi nutzt die Chance, uns noch etwas mit auf den Weg zu geben: «Jeder kann etwas dazu beitragen, dass es anderen besser geht.» Sei es, mit einer älteren Dame im Einkaufsladen oder der Kassiererin ein paar Worte auszutauschen. Anderen Zeit zu schenken. Jemandem ein Kompliment zu machen, zu fragen, ob er Hilfe braucht. «Denn uns rufen viele Menschen an, für die wir der einzige persönliche Kontakt sind. Das ist doch traurig», so der Zuger.

Rütschi erzählt, wie er letzthin mit seinem Velo am Garten einer Nachbarin vorbeigefahren ist. Ihr Mann sei vor Kurzem verstorben. Rütschi hielt an, sagte ihr, wie schön ihr Garten sei. So kamen die beiden ins Gespräch. «Da habe ich wahrscheinlich jemanden schon für ein paar Stunden glücklich gemacht», so Rütschi. «Und vielleicht, vielleicht muss dann jemand weniger die Dargebotene Hand kontaktieren.»

Hinweis: Wer sich über die Arbeit als Telefonberater informieren will, kann dies am 14. September im Lukaszentrum an der Morgartenstrasse tun. Um 19 Uhr findet eine Informationsveranstaltung statt.

Verwendete Quellen
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