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«Experimental-Avant-Psych-Minimal» am Jazz-Festival
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Schnellertollermeier spielen am Samstag am 40. Willisauer Jazz-Festival. Mitglieder: Andi Schnellmann (rotes Hemd), Manuel Troller und David Meier (Brille). (Bild: Camillo Paravicini)

Schnellertollermeier spielen in Willisau «Experimental-Avant-Psych-Minimal» am Jazz-Festival

8 min Lesezeit 26.08.2015, 15:17 Uhr

Russland, Grossbritannien und Skandinavien: Schnellertollermeier sind nicht zu bremsen. Dieses Wochenende legt die Luzerner Band am Willisauer Jazz-Festival einen Zwischenstopp ein. Im Interview mit zentral+ sprechen sie über ihren bisher skurrilsten Auftritt und sagen, weshalb das Jazz-Festival Willisau eines ihrer Highlights ist.

Von Krasnojarsk über Dublin nach Willisau: Die Luzerner Band «Schnellertollermeier» hat bereits auf unzähligen nationalen und internationalen Bühnen gespielt. Nicht zu Unrecht, denn die drei Vollblutmusiker werden für ihre aussergewöhnliche Musik am Laufband mit Lob überhäuft.

Am kommenden Samstag steht der Auftritt am Willisauer Jazz-Festival an. zentral+ hat zwei Drittel der Band – Manuel Troller und David Meier – vorab zum Gespräch getroffen und ihnen mehr über ihre nicht-genrefizierbare Musik und den skurrilsten Auftritt ihrer neunjährigen Bandgeschichte entlockt. Schnellertollermeier, das sind Manuel Troller (Gitarre), David Meier (Schlagzeug) und Andi Schnellmann (Bass).

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zentral+: Ihr spielt diesen Samstag am Willisauer Jazz-Festival – zum ersten Mal auf der Hauptbühne. Ist das in Anbetracht eurer internationalen Auftritte ein aussergewöhnliches Konzert oder einfach ein kurzer Zwischenstopp?

Manuel Troller: Der Auftritt hat eine grosse Bedeutung für uns. Es ist für uns als junge Band eine Ehre, dort auftreten zu dürfen.

David Meier: Für Schnellertollermeier ist es ganz klar eines der Highlights bisher. Für mich persönlich ist das grossartig: Ich war früher privat öfters am Festival und wollte schon immer mal auf der Hauptbühne auftreten. Daher habe ich zum Jazz-Festival Willisau auch einen persönlichen Bezug.

Troller: Stimmt. Wir alle drei sind jedes Jahr selber als Gäste am Festival. Es ist auch eines der Festivals, das im Vergleich zu anderen Jazz-Festivals progressiv ausgerichtet ist. Es hat den Anspruch, auch mal neue Sachen zu bringen.

Meier: Das Willisauer Jazz-Festival hat einen weltweit guten Ruf.

zentral+: Ihr habt Schnellertollermeier 2006 gegründet. Wie kam es dazu?

Meier: Es ist meines Wissens die älteste Band von uns allen. Andi Schnellmann und Manuel kennen sich schon länger und hatten bereits zuvor eine Band. Zum ersten Mal haben wir uns am Sprungfeder-Finale – ich glaube das war im Jahr 2002 – getroffen. Wir spielten alle am gleichen Abend, jedoch in verschiedenen Bands. Da wir alle die gleiche Ausbildung (Jazzschule) absolviert haben, begannen wir, gemeinsam zu musizieren. Anfangs noch mit einem Pianisten, wobei wir dann zu dritt 2006 die Band gegründet haben.

zentral+: Nebst Schnellertollermeier spielt ihr in diversen Formationen mit und habt auch schon Solo-Projekte gestartet. Ist die Band trotzdem euer Herzstück?

Meier: Auf jeden Fall!

Troller: Ja, Schnellertollermeier ist für uns alle die Hauptband.

«Spannend ist, dass unsere Musik genreübergreifend funktioniert.»

Manuel Troller, Gitarrist bei Schnellertollermeier

zentral+: Eure Musik im Jazz einzuordnen, funktioniert nicht wirklich. Die Einflüsse aus vielen anderen Genres ist nicht zu überhören. Wie würdet ihr eure Musik beschreiben?

Troller: Ich habe mal auf meiner Homepage geschrieben: Experimental-Avant-Psych-Minimal. Lacht. Aber es ist wirklich total schwierig. Für uns spielt es aber gar keine Rolle, wo man unsere Musik einordnet. Das ist immer noch Sache des Hörers. Manchmal kommen dann auch so komische Vergleiche mit anderen Bands, von denen wir selber noch nie etwas gehört haben. Das Spannende ist ja, dass unsere Musik genreübergreifend funktioniert. So können wir beispielsweise sowohl an der Bad Bonn Kilbi, am B-Sides oder auch an Rock-Festivals auftreten.

Meier: Der Begriff «Jazz» ist sowieso ein Sammelbecken für alles, das einerseits meist instrumental und andererseits schwer einzuordnen ist. Obwohl wir durch die Ausbildung denselben Jazz-Hintergrund haben, heisst das nicht, dass wir dort nur traditionelle Jazz-Musik gespielt haben. Es ist eine natürliche Entwicklung, dass man auch andere Einflüsse verarbeitet. In unserer Gruppendynamik haben wir den Sound aus den verschiedenen Einflüssen mittlerweile gefestigt. Derzeit sind andere Einflüsse stärker als der Jazz. Aber schlussendlich bedeutet Jazz für jeden etwas anderes.

zentral+: Die verschiedenen Einflüsse sind sicherlich auch eine enorme Herausforderung? Kriegt ihr alle unter einen Hut?

Troller: Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung – aber im positiven Sinne. Es geht darum, aus diesen verschiedenen Einflüssen etwas Eigenes zu machen. Das als etwas Negatives zu sehen, wäre nur dumm.

Meier: Mittlerweile haben wir schon einen «modus operandi» gefunden, wo wir mehr vom Gleichen reden als zu Beginn. Aber in der Anfangszeit gab es diesbezüglich schon mehr Reibereien.

zentral+: Zu euren unzähligen Formationen: Könntet ihr euch als «Nomaden-Musiker» einmal vorstellen, euch bei Schnellertollermeier nieder zu lassen?

Meier: Wenn man, wie wir, von der Musik leben will, dann wird es extrem schwierig, alles auf eine Band zu setzen. Und wenn es dann noch in einem Musikbereich ist, der nicht sonderlich populär ist, wird es noch herausfordernder. Auf der anderen Seite ist es extrem bereichernd, in anderen Formationen zu spielen und mit anderen Musikern zusammen zu arbeiten. Dadurch kann ich persönlich meine verschiedenen Seiten ausleben.

Troller: Es bereichert unsere Musik sehr, wenn wir Einflüsse aus anderen Stilen aufnehmen. Das Bewusstsein, das entsteht, wenn man Pop-Musik spielt, ist ein anderes als jenes, das man entwickelt, wenn man ständig Jazz spielen würde. Das ist eine Haltung in der Musik, die für mich sehr wichtig ist. Schlussendlich macht dies auch die Qualität des eigenen Sounds aus.

«Salsa! Ich hasse diese Musik.»

Manuel Troller, Gitarrist bei Schnellertollermeier

zentral+: Gibt es einen Musikstil, der bei euch zu Hause nie aus den Boxen dröhnen würde?

Meier: Nein, der Stil ist mir egal. Manchmal ist es auch einfach nicht der richtige Moment. Ein Jahr später kann die Meinung darüber ganz anders sein.

Troller: Salsa! Ich hasse diese Musik. Sonst kommt es mir vielmehr auf die Qualität anstatt auf den Stil drauf an.

zentral+: Die Rezensionen für eure drei bisher veröffentlichten CD’s sind voll des Lobes. Setzt euch das unter Druck für eure nächste Platte?

Troller: Nein, nicht unbedingt. Schlussendlich müssen wir unseren eigenen Ansprüchen genügen. Es ist vielmehr ein Ansporn für uns.

«In England ist das Klima sehr förderlich für diese Art von Musik.»

David Meier, Schlagzeuger bei Schnellertollermeier

zentral+: Nach Konzerten in Russland, UK oder auch Schweden: Wo wollt ihr unbedingt noch auftreten?

Troller: Es wäre schön, mal in Afrika und Indien diese Musik zu spielen. Es ist unglaublich schön, dank der Musik so viele Orte auf der Welt zu sehen. Auf jeden Fall planen wir gerade an einer USA-Tour im nächsten Jahr. Und auch in Grossbritannien werden wir 2016 wieder spielen.

Meier: Grundsätzlich überlegen wir uns jeweils auch, wo es eine Musikkultur gibt, die auf unseren Sound steht. In England ist das Klima sehr förderlich für diese Art von Musik. In den USA ist es ähnlich und Japan hat sowieso eine Kultur, die auf alles steht, das aus dem Westen kommt.

zentral+: Was ist das Anstrengendste auf einer internationalen Tour?

Meier: Die Reisestrapazen und komische Übernachtungsmöglichkeiten. Lacht. Verbunden mit wenig Schlaf ist das sehr anstrengend.

Troller: Ganz klar, wenig Schlaf. In Russland sind wir während unserer Tour innert einer Woche sieben bis acht Mal geflogen. Wenn man ständig reist und keinen Tag frei hat, sitzt man auch ständig aufeinander rum. Zum Glück funktioniert das mit dieser Band ganz gut.

zentral+: Hotels sind für euch also nicht selbstverständlich?

Meier: Nun, meistens übernachten wir schon in Hotels. Oder aber auch bei Privaten. Teils heisst es dann, im Schlafsack auf einer Matratze zu schlafen – wenn es gut kommt.

Troller: Wir haben auch schon bei irgendwelchen Leuten auf dem Boden geschlafen. Aber beispielsweise in Russland gibt es bezüglich Hotels schon ganz hässliche Absteigen. Das darf man, glaube ich, schon sagen. Beide lachen.

40. Willisauer Jazz-Festival

Vom 26. bis am 30. August findet die 40. Ausgabe des Jazz-Festivals in Willisau statt. Seit 1975 lockt das Festival mehr oder minder bekannte Musiker nach Willisau. Am Samstagabend wird die Luzerner Band Schnellertollermeier auf der Hauptbühne auftreten.


zentral+: Gesang ist bei euch fehl am Platz. Weshalb habt ihr bewusst darauf verzichtet?

Troller: Obwohl Andi gut singt, stand es für uns gar nie zur Diskussion. Die drei Instrumente – Bass, Gitarre und Schlagzeug – haben in dieser Formation eine reiche Tradition. Es ist unser Anspruch, dies weiter zu entwickeln.

zentral+: Wie kommen eure teils skurrilen und kryptischen Musiktitel, wie beispielsweise «///\///» oder «Spaltjahr / Frauen, die sich wie Männer, die sich wie Frauen verkleiden», zu Stande?

Meier: Meist gibt man dem Song einen Arbeitstitel, damit man als Band auch vom gleichen Stück spricht. Lacht. Andere muss man einfach noch betiteln, sobald sie aufs Album kommen. Wir sind einfach extrem kreativ. Schiebt Meier flüsternd noch nach und lacht.

Troller: Teilweise sind die Titel auch Anekdoten von Momenten, die wir erlebt haben.

«Wir durften zuerst nicht auftreten – dies, nachdem wir 30 Stunden Non-Stop mit dem Car angereist waren.»

Manuel Troller, Gitarrist bei Schnellertrollermeier

zentral+: Was ist euer verrücktestes Konzerterlebnis?

Nach einer kurzen bilateralen Absprach einigen sich Troller und Meier auf Sibirien.

Troller: Das war an einem Biker-Rock-Festival in Sibirien am Baikalsee. Mit insgesamt 25 anderen Musikern waren wir mit einem Car angereist. Es war ein Festival «On Tour», sozusagen. Bei der Ankunft hiess es dann trotz des im Vornherein bestätigten Auftritts, dass wir nicht spielen dürfen. Dies, nachdem wir 30 Stunden Non-Stop mit dem Car angereist waren. Der Booker der «Bus-Tournee» hat dann mit den Verantwortlichen gesprochen. Dann hiess es plötzlich, dass wir doch auftreten dürfen und wir drei gleich als erstes dran seien. Somit haben wir dann unser Konzert angefangen, als das Festival offiziell noch gar nicht eröffnet war. Die einzigen Anwesenden waren Securitas mit Maschinenpistolen und ein total Betrunkener mit seiner Tochter. Der lag dann vor der Bühne auf dem Boden und hat ständig rumgejohlt. Nach einer halben Stunde hatte uns der Booker dann von der Bühne geholt und gesagt, dass wir wieder gehen. Beide lachen.

zentral+: Anfang 2015 habt ihr euer drittes Werk veröffentlicht. Kommt ihr bei den vielen Auftritten und Nebenprojekten überhaupt dazu, neues Material aufzunehmen?

Troller: Wir sind daran, neues Material zu erarbeiten, das wir womöglich nächsten Frühling oder Sommer aufnehmen werden.

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