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Expats: Trotz Angebot wenig Interesse an Integration
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In Zug leben mehrere Gesellschaften nebeneinander. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Wie weiter nach Nein zum Integrationsgesetz Expats: Trotz Angebot wenig Interesse an Integration

5 min Lesezeit 1 Kommentar 01.10.2013, 06:02 Uhr

Mit der Ablehnung des Integrationsgesetzes hat man in Zug auch eine Chance verpasst, die Expats in die Pflicht zu nehmen. Diese bewegen sich zunehmend in einer Parallelgesellschaft. Selbst der Zuger Stadtrat ist nicht in der Lage, konkrete Zahlen zur Anzahl Expats oder zu deren Integrationsgrad zu machen. Stattdessen bleiben mit dem Nein zum Integrationsgesetz ungeklärte gesetzliche Kompetenzen.

Dank den internationalen Firmen, die Zug als attraktiven Standort wählen, finden auch viele ihrer ausländischen Mitarbeiter den Weg dorthin. Diese «Expats» arbeiten meist nur wenige Jahre in Zug, pflegen jedoch meist wenig Kontakt zur einheimischen Bevölkerung, obwohl sie mitsamt der Familie im Kanton wohnen.

Zur genauen Anzahl Expads in Zug sind keine Zahlen zu erhalten. Dies musste auch der Stadtrat in seiner Antwort zu einer Interpellation zum Thema Expats in der Stadt einräumen. In der Regel könne man davon ausgehen, dass ein Fünftel bis ein Viertel der Zugewanderten zu den Expats zählen würden – in Zug werden es tendentiell etwas mehr sein. Bei knapp 9’000 Ausländern käme man so auf gegen 2’500 Expats.

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Die relativ grosse Expat-Community und die internationalen Schulen ermöglichen es den Expat-Familien, sich unter ihresgleichen zu bewegen. Kritische Beobachter argumentieren, dies ginge auf Kosten des Zuger Gemeinschaftssinnes. Die Folge ist eine Parallelgesellschaft. Man lebt nebeneinander und kennt sich kaum. Dies wird von der Zuger Bevölkerung zunehmend mit ungutem Gefühl beobachtet.

So sehen die Expats die Zuger

Schaut man sich Einträge in Foren und Webseiten wie beispielsweise www.expatvoices.ch an, reichen die Beiträge über Zug von Begeisterung über die wunderbare Landschaft bis hin zu ironisch-belächelnden Kommentaren über die Schweizer Gepflogenheiten. Gelobt wird die Sauberkeit und Pünktlichkeit, hingegen verursacht offenbar Mühe, dass man in Zug im Gegensatz zu Zürich «a little bit german» sprechen müsse. Als Single sei man in Zürich eindeutig besser bedient, da es mehr Möglichkeiten gebe, abends wegzugehen. Zug sei eher etwas für Familien. Bestaunt werden Kuriositäten wie das Recycling im Ökihof, die Neuzuzüger-Aperos oder auch die Tatsache, dass man Kinder alleine zur Schule gehen lässt. Allgemein scheint man das Zuger Volk als eher schwer zugänglich einzuschätzen.

Eine Möglichkeit, die Gruppen näher zusammen zu führen, wäre das Zuger Integrationsgesetz gewesen. Damit hätte der Kanton eine Grundlage gehabt, Neuzuzüger aktiver anzugehen, sie sogar verpflichten können, Deutschkurse zu besuchen. Damit wären nicht nur die klassischen Immigrantengruppen aus Südeuropa oder dem Balken in die Pflicht genommen worden, sondern auch Zuzüger aus den USA, Indien oder Südkorea. Denn nicht wenige Expats, die seit einem Jahrzehnt oder länger in der Schweiz leben, sprechen nur leidlich Deutsch.

Verpflichtung zur Integration bleibt

Trotz Volksnein: Aufgrund des nationalen Ausländergesetzes sind Kanton und Gemeinden verpflichtet, die Integration der Migrationsbevölkerung zu fördern. Diese Verpflichtung bleibt auch nach der Ablehnung des Integrationsgesetzes bestehen.

Doch das Integrationsgesetz sah eine klare Aufgabenteilung zwischen Kanton und Gemeinden vor und legte die Schwerpunkte der Integrationsförderung fest. Donat Knecht, Leiter des kantonalen Sozialamts, erklärt: «Mit der Ablehnung des Integrationsgesetzes bleiben Kompetenzen im Integrationsbereich auf gesetzlicher Ebene ungeklärt und auch die Schwerpunkte der Integrationsförderung sind nun nicht gesetzlich verankert.»

Mit der Ablehnung des Gesetzes wurde also auch eine Chance vergeben, Expats besser einzugliedern. Die Vorlage wurde insbesondere von der SVP entschieden bekämpft. Wieso soll ein Staat bezahlen, wenn die Bemühungen beim Einzelnen liegen müssten, fragte sie. Manuela Weichelt, Direktorin des Innern, schliesst aus der klaren Abfuhr: «Das Nein kann auch als Ausdruck dafür verstanden werden, dass die bisher geleistete Integrationsförderung als ausreichend betrachtet wird.»

Schon heute breites Angebot an Integrationsmöglichkeiten 

Es gibt tatsächlich bereits zahlreiche Integrationsmöglichkeiten für die modernen Nomaden, wie die Expats häufig genannt werden. Teilweise sind diese Massnahmen vom Kanton Zug mitfinanziert. So bestehen Internetplattformen, Veranstaltungsreihen wie «lets-talk-zug.ch», die News-Webseite «thezugpost.ch», die Lokalnachrichten auf Englisch übersetzt und es gibt sogar eine eigene Expat-Expo. Zudem werden sie regelmässig mit Newslettern bedient, die auf die englischsprachigen kulturellen und sozialen Angebote aufmerksam machen. Zug Tourismus habe den expliziten Auftrag, den Expats ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, wie Geschäftsführer Urs Raschle in einem Beitrag des Fernsehsender SRF sagte.

Ausserdem werden Schulungen unter den Themen «Grüezi Switzerland» und «In Zug zu Hause» auf Englisch angeboten. Doch obwohl sie bekannt seien, würden sie nur wenig in Anspruch genommen, heisst es seitens der Stadt Zug.

Integration kann nur funktionieren, wenn die Beteiligten dies auch wollen. In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» liess die Leiterin der Zürcher International School denn auch Zweifel am Befürfnis aufkommen. Vielmehr hätten Expat-Familien häufig kein Bedürfnis nach Integration, da sie nur kurze Zeit in der Schweiz zuhause seien.

Dass seitens der Expats eine geringe Motivation bestünde, eine Fremdsprache wie Deutsch zu erlernen, bestätigt der Zuger Stadtrat in seiner Antwort auf die FDP-Interpellation. «Oft erschwert die intensive Reisetätigkeit den regelmässigen Besuch von Kursen. Und bei Kindern und Jugendlichen verzögern Privatschulen die Integration.»

Andere Sicht der internationalen Schulen

Die beiden in Zug angesiedelten International Schools sehen die Situation in Zug anders. Jacqueline Webb, Leiterin der International School of Central Switzerland (ISOCS), stellt bei ihren Expat-Familien sogar ein grosses Bedürfnis nach Integration fest. «Zug ist intimer als Zürich. Unsere Familien suchen Kontakte mit den Zugern und wollen mit ihnen zusammen leben.» Auch Laura Schoepfer von der ISZL beteuert, die Mitglieder ihrer Schulgemeinschaft seien immer offen dafür, Freundschaften in den verschiedenen Gemeinden zu schliessen und die Kultur ihres Gastlandes anzunehmen.
 
Doch nur die ISOCS bietet den Schülern die entsprechenden Rahmenbedingungen, sich in der Schweiz zu integrieren. Sie nimmt auch Schweizer Schüler auf, hat ähnliche Schulzeiten wie die öffentlichen Schulen und nutzt lokale Infrastruktur für ihr Schulangebot. Die grössere ISZL besteht ausschliesslich für die internationale Gemeinschaft in der Zentralschweiz und hat andere Schulzeiten.

Dem Kanton ist es laut Donat Knecht wichtig, dass «Migrantinnen und Migranten, damit sind auch die Expats gemeint, auch in ihrem persönlichen Selbstverständnis nicht nur als Arbeitskräfte hier sind. Vielmehr sollen sie zu einem Teil der Gesellschaft werden und sich entsprechend einbringen, indem sie beispielsweise die Sprache erlernen.»

Dies scheint derzeit jedoch nur ein frommer Wunsch zu sein. Wie anders wäre es zu erklären, dass Etienne Schumpf und Eliane Birchmeier in ihrem Vorstoss unter anderem anregten, den Neuzuzügerapero auf Englisch durchzuführen. Ein Wunsch, der bereits weitgehend erfüllt ist. Obwohl die wichtigsten Informationen jeweils auf Englisch übersetzt werden, werde der Neuzuzügeranlass nur von wenigen besucht – was aber nicht nur die Expats meint.

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1 Kommentare
  1. Stefan Gisler, 01.10.2013, 16:14 Uhr

    Doppelspurigkeiten, hohere Kosten, ineffektive Angebote, “den Expats keine Steine in den Weg legen”, Integration ist Privatsache? Alles im Sinne der SVP, welche keine Koordination von Integrationsmassnahmen will, damit sie dann gegen Ausländer machen kann. Leider hat sich die Zuger FDP einbinden lassen. Vordergründig macht die SVP Stimmung gegen die Zugewanderten, hintergründig tut sie alles, um sinnvolle Massnahmen gegen negative Folgen der Zuwanderung zu verhindern. Sei es bei der Integration, sei es beim Arbeitsmarkt (Nein gegen mehr Kontrollen von Baustellen, Lohndumping, Schwarzarbeit, Nein zu fairen Löhnen), sei es beim Wohnungsmarkt (Nein zu Zonen für preisgünstigen Wohnungsraum). Die SVP setzt alles daran, damit Immobilienspekulanten und Landbesitzer sowie Anwälte und Wirtschaftslobbyisten mit der Zuwanderung auf Kosten der Bevölkerung Profite machen kann.