Eine Reise zu den Dinosauriern – und in die 90er-Jahre
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Erstmal Irritation: Die Dinos sind eingeklemmt zwischen einer Kapelle und einem Haufen Mehrfamilienblöcke. (Bild: jav)

«Jurassic Park» in Geuensee Eine Reise zu den Dinosauriern – und in die 90er-Jahre

4 min Lesezeit 21.07.2020, 20:30 Uhr

Grossartig soll sie sein, die international reisende Dinosaurier-Ausstellung, die zurzeit im Kanton Luzern Halt macht. Wir gingen mit hohen Erwartungen, wurden enttäuscht – und können den Besuch trotzdem irgendwie empfehlen.

Manchmal antwortet man auf die Frage «Und, wie war’s?» mit «Sie haben sich Mühe gegeben». Was so viel bedeutet wie: Sie waren motiviert und es war trotzdem schrecklich. Das trifft auf die Ausstellung Dino-World in Geuensee ganz und gar nicht zu. Hier gibt man sich offenbar wenig Mühe. Man hat die Dino-Modelle, grosse Worte und die Leute kommen in Scharen. Doch unterhaltsam ist es dann eben trotzdem.

Um fair zu sein: Die Modelle werden alle drei Jahre restauriert – diesen August steht das offensichtlich notwendige Prozedere wieder bevor. Auch einige der Attraktionen durften wegen coronabedingten Einschränkungen nördlich von Sursee nicht aufgefahren werden. Die Hüpfburg und fahrende Dinos zählen gemäss Eigentümer Roger Adolfsen, der seit zehn Jahren mit der Ausstellung unterwegs ist, dazu.

So authentisch wie ein Stück Flugplatz

Der Ausflug wurde uns trotzdem wärmstens empfohlen. Es soll legendär sein und auch die Webseite verspricht viel. «Spektakuläre lebensechte Dinosauriermodelle bevölkern die eindrückliche Ausstellung. Eine der grössten Erlebnisausstellungen der Gegenwart.» Tiefstapeln ist etwas Anderes.

Auf der Webseite machen auch die Fotos richtig etwas her. Dinos zwischen Bäumen, im Dickicht. Lebensecht! Bereits 18’000 Besucher in fünf Wochen, sagt der Eigentümer.

Lebensecht sind die Modelle zweifellos.

Irritation macht sich also erstmal breit, als wir in Geuensee am Kassenhäuschen stehen. Gleich an der Hauptstrasse, zwischen einer Kapelle und einem Haufen Mehrfamilienblöcken stehen die Dino-Modelle – eingezäunt durch einen grünen Baustellenzaun. Dieser Platz im Heugärten mitten im Zentrum von Geuensee ist ungefähr so geeignet für ein authentisches Dino-Erlebnis wie ein Stück Flughafengelände.

Ein Waldstück, Büsche und ein etwas grösseres Gebiet wären definitiv hübscher gewesen. Doch die Bewilligungen sind schwer zu bekommen, sagt der Eigentümer.

Hü Dino, hü!

Die Modelle sind gross und offenbar wissenschaftlich korrekt erstellt. Etwas abgeranzt zum Teil. Aber trotzdem beeindruckend gross. Würden sie nicht so unmotiviert verteilt auf der raspelkurzen Wiese herumstehen, wären sie fast der Hammer. Ein grosser Pluspunkt: Die Kinder dürfen sie erklettern und reiten. Da muss man mit Abnutzungserscheinungen rechnen, selbstverständlich.

«NEU! Bewegliche Dinos begeistern!», versprach die Webseite. Na: Sie wackeln und zuckeln und werfen mechanisch den leicht beschädigten Plastikschwanz umher. Und plötzlich wird klar, weshalb sich trotz der mässig beeindruckten Stimmung irgendwie eine Form von Begeisterung einstellt. Der ganze Park, die Dino-Modelle mit ihren Macken, der Imbissstand mit Pommes, Wasser-Glacés und pinkflauschigen Dino-Souvenirs: Es ist die perfekte Nachbildung eines 90er-Jahre-Freizeitparks.

Eine authentische Reise zurück in die eigene Kindheit. Man bekommt also gleich zwei Zeitreisen in einem: Ins Mesozoikum und in die derzeit so trendigen 1990er-Jahre. Und offenbar funktioniert die Aufmachung in 90er-Qualität für Kinder noch immer einwandfrei. Ganz ohne Nostalgie.

Chunsch druus, Bluemestruus?

Die Informationen zu den Dinos sind auf Erwachsenenhöhe angebracht und recht umständlich verteilt. Für Kinder existieren keine. Obwohl Wissenswertes zu Ernährung und Vermehrung oder dazu, mit wem einige dieser Giganten noch heute verwandt sind, bestimmt einfach und spannend zu vermitteln wären.

Doch Vermittlung – heute durch seine Dauerpräsenz schon fast ein Unwort – scheint hier leider ein Fremdwort geblieben zu sein. Laut Adolfsen jedoch braucht es nicht mehr: «Die Kinder kennen die Dinos so oder so besser als die Erwachsenen und können in der Regel genau die Namen nennen und kennen die.»

Wer braucht schon Informationstafeln? (Bild: jav)

Und die Erwachsenen? Die sollten vor der Konsultierung der Dino-World-Infotafeln noch etwas Wikipedia büffeln. Sonst kämpft man mit hochwissenschaftlichen und ungrammatikalischen Bleiwüsten.

Zum Bronthotherium beispielsweise: «Diese waren ursprünglich als Titanotherium klassifiziert worden, einem ebenfalls ungültigen Taxon der Brontotherien. (..) 2004 vereinigte Matthew C. Mihlbachler weitere Synonymgattungen wie Brontops und Menops unter der gleichen Bezeichnung. Die variable Gestaltung der Hörner (..) ist nach Ansicht Mihlbachlers einem Sexualdimorphismus innerhalb von Megacerops zuzuschreiben.» Logisch, oder?

Allgemein scheint man sich zu amüsieren – besonders die Kinder. Unter den Erwachsenen beobachtet man auch die, die ins Handy versunken ihre Cola light an den Mini-Festbänken schlürfen oder etwas gar verloren herumschlendern. Ihre Kinder brauchen sie ja nicht zurechtzuweisen – die dürfen endlich mal alles anfassen. Wir jedenfalls haben bei unserem kurzen Besuch ein paar Dinge gelernt und einiges zu lachen gehabt. Und wir haben im erkletterbaren Tyrannosaurus-Rachen wirklich schicke Fotos gemacht. Wie damals in den 90ern.

Hinweis: Die Ausstellung «World of Dinosaurs» weilt noch bis am 23. August 2020 in Geuensee. Der Preis für das nostalgische Vergnügen: 12 Franken für Erwachsene, 8 Franken für Kinder.

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