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«Die Bibliothekswelt nimmt wahr, was in Luzern abgeht»
  • Politik
Rudolf Mumenthaler an seinem neuen Arbeitsplatz in der ZHB. (Bild: les)

Erster Arbeitstag des neuen ZHB-Direktors «Die Bibliothekswelt nimmt wahr, was in Luzern abgeht»

4 min Lesezeit 2 Kommentare 03.08.2017, 04:20 Uhr

Mitten in unruhigen Zeiten nimmt der neue Direktor der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern seine Arbeit auf. zentralplus hat Rudolf Mumenthaler an seinem ersten Arbeitstag besucht. Die Herausforderungen für den Betrieb sind gross, die Sanierung ist auf Eis gelegt. Doch für seinen Start habe die aktuelle Situation auch Vorteile.

Es ist ein leidiges Thema. Noch immer konnte nicht mit der längst überfälligen Sanierung der Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) begonnen werden (zentralplus berichtete). Schuld daran ist der budgetlose Zustand im Kanton, der noch bis mindestens zur September-Session dauert.

Die ZHB steuert aktuell durch unruhige Gewässer. Und mittendrin erhält sie einen neuen Steuermann: Rudolf Mumenthaler hat seinen Job als ZHB-Direktor angetreten. Der 55-Jährige steht nach der Pensionierung von Ulrich Niederer neu den rund hundert Angestellten vor. An seinem ersten Tag lud er zentralplus zu sich ins Büro ein.

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Mumenthaler kehrt nach Luzern zurück

«Ich lerne Betrieb und Leute kennen und verschaffe mir einen ersten Eindruck», sagt ein entspannter Mumenthaler. Tönt unspektakulär – auch wenn die Organisation durchaus eine Herausforderung darstellt. «Auf der einen Seite haben wir den Bibliotheksbetrieb, wo ich im Alltag arbeiten werde», erklärt er und erzählt von den ersten Besuchen bei den einzelnen Standorten. «Andererseits bin ich auch Mitarbeiter des Kantons.» Der Rahmen sei also vorgegeben.

Mumenthaler kommuniziert aktiv auf Twitter. Hier sein Statement zu seinem ersten Arbeitstag:


 

Und genau dieser Rahmen ist das Problem. Mumenthaler sagt: «Man kann von einem Traumjob sprechen, muss aber rasch ein Aber hinzufügen.» Sorgenfalten machen sich im Gesicht des neuen ZHB-Direktors breit. «Dieses Hin und Her bezüglich Sanierung ist für alle hier mühsam und ermüdend.» Es seien keine guten Voraussetzungen, wenn man die besten Angestellten behalten wolle. Doch Rudolf Mumenthaler sieht den neuen Aufgaben positiv entgegen. Denn für den gebürtigen Luzerner ist es eine Rückkehr in seine Heimat. «Gereizt haben mich die Verantwortung für dieses Haus und die Leute hier», sagt er.

Die Metapher mit den Jahresringen

Zuletzt arbeitete Mumenthaler als Professor für Bibliothekswissenschaft an der HTW Chur, zuvor leitete er den Bereich «Innovation und Marketing» der ETH-Bibliothek. Des Öfteren sei er wegen seines neuen Jobs mitleidig belächelt worden. «In der Bibliothekswelt nimmt man sehr wohl war, was hier in Luzern abgeht.» So kann die ZHB wegen des budgetlosen Zustands keine Neuerscheinungen anschaffen. «Katastrophe», kommentiert Mumenthaler, «so können wir unsere gesetzlichen Verpflichtungen nicht wahrnehmen.» Man werde die Lücken in der Zukunft sehen. «Wie man anhand der Jahresringe eines Baumes aus der Zeit lesen kann, wird man dereinst auf unseren Bücherstand schauen und sehen, was beim Jahrgang 2017 fehlt.» 

«Die ZHB jammert nicht, aber deckt die Probleme auf.»

Von Mitleid will er jedoch nichts wissen. «Es ist eine schwierige Phase, aber wir bekommen das in den Griff», so Mumenthaler, der bei diesen Aussagen durchaus optimistisch wirkt. «Den pragmatischen Optimismus kennt man von meinem Vorgänger, das will ich so weiter leben.» Und eigentlich sei die Ausgangslage für ihn ja gar nicht so schlecht. «Die Startposition ermöglicht eine Steigerung», schmunzelt er.

Der September-Session des Kantonsrats blickt er zuversichtlich entgegen. «Ich möchte einen dringenden Aufruf an die Kantonspolitiker machen. Wird das Budget jetzt nicht genehmigt, hinterlässt man einen riesigen Scherbenhaufen, nicht nur bei der ZHB.» Der Kredit für die ZHB-Sanierung wäre bei einem Scheitern wohl verloren. Statt Verzögerung müsste man zurück auf Feld 1. Dabei sei die Sanierung so zentral für die ZHB. «Sie ist das Rückgrat für den künftigen Weg der ZHB. Erst mit der Sanierung können wir uns auch inhaltlich weiterentwickeln.»

Rudolf Mumenthaler vor dem Lesesaal. Oben der defekte Bildschirm.

Rudolf Mumenthaler vor dem Lesesaal. Oben der defekte Bildschirm.

(Bild: les)

Bisherige Krisen-Kommunikation gefällt dem Neuen

Politisch ist Mumenthaler durchaus aktiv. Er kandidierte im letzten Jahr auf der SP-Liste für den Grossen Stadtrat. Auch wenn er finanzpolitisch mit der aktuellen Strategie nicht einverstanden ist, sagt er: «Ich komme aus dem Kanton Luzern und fühle mich politisch mitverantwortlich.» Das mache es einfacher, die aktuelle Situation zu akzeptieren, ist er überzeugt. Den Weg des Umgangs mit der schwierigen Lage, den die ZHB gewählt hat, gefällt ihm. «Unsere Kommunikation hat immer einen leicht ironischen Unterton. Man jammert nicht, aber deckt die Probleme auf», sagt er. Beste Beispiele seien die Informationen auf den defekten Geräten, welche nicht repariert werden können.

Und wie hat es Mumenthaler selbst mit Büchern? «Als Historiker hatte ich einen engeren Bezug zu Archiven, wobei natürlich auch Bücher zum Alltag gehören.» Über die historischen Bestände habe er 1997 den Einstieg in die ETH-Bibliothek geschafft. «Ich bin in das Metier hineingerutscht.» Als Dozent in Chur schlug er sich vor allem mit Fachliteratur herum. «Da hat schon eine gewisse Sättigung stattgefunden, privat lese ich dann eher etwas Entspannendes.» Und weil er mit dem neuen Job nicht mehr pendeln müsse, wisse er gar nicht, wann er noch zum Lesen komme. In dieser Beziehung muss Mumenthaler sprichwörtlich noch über die Bücher.

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2 Kommentare
  1. Christoph Schmitt, 04.08.2017, 15:34 Uhr

    So ein paar Worte zur “Digitalisierungs-Strategie” im Bibliotheks-Business als Zukunftszückerli wären nicht schlecht gewesen. Papier und Lesesäle sind das eine. Und Denkmalschutz ist sehr wichtig. Dass das Kerngeschäft der Bibliothek in Zukunft nicht mehr bei den Büchern liegt, müsste halt schon irgendwo vorkommen 😉

  2. Roman Häberli, 03.08.2017, 15:32 Uhr

    Ich wünsche dem neuen Direktor einen guten Start. Den kaputten Flatscreen vor dem Lesesaal kann man ja verkraften. Aber was wäre, wenn der alte Direktor zum Ende seines Schaffens Maus und Drucker verprügelt hätte? Müsste dann der Neue das eigene Material mitbringen?