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Feuerwehrmänner sind Lebensretter, selbstlos, stark, nimmermüde – echte Helden. Nicht ganz. Der erste Beitrag von Jolanda Spiess-Hegglin über filmreife Szenen und bittere Realitäten.

Jolanda Spiess Hegglin

Ich denke so oft an diese heroischen Bilder zurück. Vereinigte Staaten, kurz nach Nine Eleven, auf allen TV-Kanälen. Feuerwehrmänner, die sich mit Schweissperlen und Russ im Gesicht in den in sich zusammenfallenden Gebäuden den Flammen stellen und Kinder, Frauen und Männer vor dem sicheren Tod retten. Filmreife Szenen. So war das, im Herbst 2001. Ich lebte damals ein paar Monate in Kalifornien, Nine Eleven prägte den gesamten USA-Aufenthalt. Dieses nicht ganz gendergerechte Bild der Helden, der Feuerwehrmänner, Lebensretter, selbstlos, stark, nimmermüde, hat sich in meinem Kopf festgebrannt.

Der grosse Bruder

Mein Bruder ist seit Jahren bei einer Feuerwehr, in einem Dorf am Albis, wo er mit seiner Familie wohnt. Bei einer Übung explodierte mal irgendwas. Er erlitt Verbrennungen im Gesicht, noch heute erkennt man die Verletzung beim Ohr, die Hautpigmentierung ist weg, dies störte ihn offensichtlich nie, für ihn gehört sowas dazu. Ja, das finde ich gross. Ganz gross sogar.

Ein paar Monate ist's her, da schrieb einer auf Facebook über mich: «Wie doof ist sie eigentlich ???? Kann einfach nie ruhe geben und wundert sich noch das man nur noch von Ihr spricht und den zweiten vergessen hat weil er eben ruhig ist… (Vorteil Mann) sie ist die Piraten Lachnummer in unserem Kantonsrat !! !!»

Oder weiter: «...Es wird für die gute JSH sehr eng und sie verliert täglich mehr Sympathien durch ihre grosse Lügen aber es wird ans Licht kommen nur abwarten und Tee statt Alkohol trinken.» Weiter: «Hat mit Partei überhaupt nichts zu tun nur mit einer Frau welche dauernd lügt und den wirklichen Sachverhalt dreht und wendet weil die Wahrheit nicht zu Ihrem so heilen Familienleben passt...»

«Eifach kei rückgrad»

Einen Medienartikel, in welchem ich erstmals über meine Depression sprach, kommentierte er mit: «Ja ja immer noch das grosse Opfer wo nichts dafür kann und vollkommen unschuldig ist.»

Zu einer Meldung mit dem Inhalt, dass ich nicht daran denke, einfach so aus dem Kantonsrat zurückzutreten, schrieb er: «Eifach kei rückgrad»

Es heisst Rückgrat (Rück - grat, Substantiv, Neutrum). Allgemein stellt sich die Frage, ob er die vielen Komma- und Schreibfehler überhaupt bemerkt hat.

Rückgrat, sag ich doch

Ich kenne den Mann, welcher dies über mich schrieb, nicht persönlich, musste ihn erst googeln. Von daher weiss ich mindestens, wie er aussieht. Er ist kein Wutbürger. Er ist Feuerwehrkommandant einer Zuger Gemeinde.

Ich habe ihn angezeigt. Bei der Staatsanwaltschaft hat er alle Aussagen verweigert.

Vor ein paar Wochen stand er im Coop ebendieser Gemeinde hinter mir an der Kasse. Sein Blick war auf den Boden gerichtet. Minutenlang. Rückgrat, sag ich doch. Helden braucht das Land.

Déjà-vu. Im Winter 2015 und 2016 veröffentlichte das Styger Rettungscorps der Freiwilligen Feuerwehr Zug FFZ je eine Zeitung, die Autoren haben sich an mir festgebissen. Es wurden im «Feuerhorn», einem Fasnachtsblatt, wie sie es nennen, unzählige Ehrverletzungen begangen. Es war keine Satire mehr. Ich stellte deshalb, nach etlichen Telefonstunden mit dem Kommandanten und anderen Zuständigen der FFZ, von welchen niemand weder Verantwortung übernehmen noch sich entschuldigen wollte, Strafantrag gegen Unbekannt wegen Ehrverletzungsdelikten. Die Staatsanwaltschaft lud den gesamten Corps-Vorstand vor, wollte wissen, wer für die Ehrverletzungen verantwortlich ist. Alle Feuerwehrmänner verweigerten die Aussagen, das Verfahren wurde deshalb eingestellt.

«Warum nur ging ich davon aus, dass alle Feuerwehrmänner dieser Welt Helden sein sollten?»

Man begeht also mutmasslich Straftaten, Ehrverletzungen, erniedrigt eine Frau, mit welcher man noch nie ein Wort gesprochen hat, aber man aus irgendwelchen Gründen zum Teufel wünscht, um dann, wenn diese Frau sich wehrt, nicht dazu stehen zu können. Rückgrat. Nicht.

Warum nur ging ich davon aus, dass alle Feuerwehrmänner dieser Welt Helden sein sollten?

Mein Bild der heroischen Feuerwehrmänner, die sich mit Schweissperlen und Russ im Gesicht in den in sich zusammenfallenden Gebäude den Flammen stellen und Kinder, Frauen und Männer vor dem sicheren Tod retten, selbstlos, stark, nimmermüde…

Nicht in Zug halt. (Dieses Bild des starken Mannes ist ohnehin sexistisch.)

Die Welt hat Helden. Und Zug?

2001 in den USA verkleideten sich die Kinder für einmal an Helloween als Firefighter. Keine Gespenster und Hexen, nur kleine Feuerwehrleute. An der Dorfchilbi in Oberwil macht Familie Spiess einen grossen Bogen um den FFZ-Feuerlösch-Stand. Die Kinder akzeptieren das, weil sie den Grund kennen (ihn auch gern weitererzählen) und dürfen stattdessen bis zum Gehtnichtmehr auf die Schifflischaukel.

Die Welt hat Helden, Zug hat Anti-Helden. Natürlich nicht nur. Aber zugegeben, viel zuviele.

Aus dem zentralplus Blog Jolanda Spiess: Jetzt reicht's

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