Christine Weber
Sie lässt den Lippenstift im Gesicht stehen – Teil 2

  • Lesezeit: 6 min
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(Bild: Christine Weber)

Teil 2: Erika findet sich in einem kühlen Fabrik-Lokal wieder. Ihre Gedanken schweifen ab zu einem schummrigen Abend zwischen Seide und Champagner.

Lesen Sie auch «Sie lässt den Lippenstift im Gesicht stehen – Teil 1»

Zwei Wochen lang war Erika mit Musikern in Japan unterwegs gewesen, jede Nacht spielten sie in Tokio in einer Bar tief unter dem Boden. Schwüle Luft und schummriges Licht, Fetzen von kreischenden Sounds und hämmernden Beats, schrille Trompeten-Schreie und wummernde Bässe. Halbnackte Bhuto-Tänzer schlängelten sich am Bühnenrand, um plötzlich in irrwitzigem Tempo ihre Glieder in die Luft zu schleudern und sich so ineinander zu verkeilen, dass sie zu einem zitternden Bündel schmolzen, das von den Beats aufgefressen wurde. Dazwischen Nudeln mit Fisch und heisser Wein in Krügen. Heruntergespült an der Theke, Auge in Auge mit stummen Frauen und Männern, die erst lachten, wenn es ernst wurde und dann bis frühmorgens nicht aufhören konnten. 
Hardcore Sound meets Japanese Pop.

«Sie stiegen aus und klopften an eine Holztür, die schief in den Angeln hing.»

Manchmal zog die ganze Truppe noch weiter, mit gut gepuderten Nasen und aufgepeitschten Vibes. Einmal hatte der Klubchef sie mitgenommen in die Nacht.  Mit einem Mercedes fuhren sie los, getönte Scheiben, die Sitze aus Leder. Im Schritttempo glitten sie über die verstopften Nachtstrassen Tokios und bogen irgendwann ab in ein heruntergekommenes Quartier, ganz anders als die gläsernen Türme und spiegelnden Geschäfte im Zentrum. Vergammelte Häuschen aus Holz, eher eine Art Schuppen, reihten sich in einer schäbigen Gasse aneinander und vor einem davon hielt der Mercedes.  Sie stiegen aus und klopften an eine Holztür, die schief in den Angeln hing. Eine Männerstimme flüsterte etwas, der Klubchef gab eine Antwort, die Tür öffnete sich einen Spalt und sie schlüpften hinein. Es war dunkel und nichts anderes auszumachen als der Deckel eines aufgeklappten Flügels. Der Mann hinter der Tür zeigte auf eine Stiege mit schmalen Holzstufen, die in einem Loch zum oberen Stockwerk verschwand. Erika kletterte hinter den Männern hinauf und tauchte oben in einer roten Welt aus Plüsch, Seide und schummrigem Licht wieder auf, wo sie von einer wunderschönen Frau empfangen wurden. Ihr Haar glänzte wie das Gefieder eines Raben und sie trug ein langes Gewand aus glitzerndem Stoff. Lächelnd und wortlos offerierte sie Champagner und bat die Herren und Erika Platz zu nehmen auf einer Bank mit gestickten Kissen. Dort sassen sie und tranken und schauten die wunderschöne Frau an, die mit dem Klubchef auf japanisch plauderte und ihnen hin und wieder ein Lächeln zuwarf, so wie man Bären eine Rübe in den Graben wirft und sich freut, wenn sie ein Kunststück machen.

«Seither trägt sie die Batterie herum. Vier Kilo, glatt mit Kanten, zu nichts zu gebrauchen.»

Ein paar Tage später flogen die Musiker zurück nach Europa. Erika begleitete sie zum Flughafen. In ihrer Tasche die schwere Batterie, die mit ins Flugzeug sollte und keinen Platz in den vollen Koffern und Kistern der Musiker mehr gefunden hatte. Für ein halbes Vermögen sollte sie am Schalter separat eingecheckt werden, damit sie beim nächsten Auftritt wieder ihren Platz auf der Bühne haben würde. Doch beim Abschied war Erika mit ihrer plötzlichen Verlorenheit so beschäftigt, dass die Batterie vergessen ging. Erst als sie ihr Gesicht an die Fensterscheibe zum Abfluggate drückte und zuschaute, wie die Musiker die Treppe zur Maschine hochstiegen, fühlte sie das Gewicht in der Tasche. Seither trägt sie die Batterie mit sich herum. Vier Kilo, glatt mit Kanten, keine passende Steckdose verfügbar, zu nichts zu gebrauchen, höchstens als Trost in den einsamen Nächten und als Erinnerung an pulsende Töne und vertraute Menschen in einem Land, das Erika so fremd und abweisend vorkam wie eine Kühlbox in der Wüste.  

Pläne hatte Erika keine. Sie war einfach geblieben, in den nächsten Zug gestiegen, ziellos durch das Land gefahren, irgendwo wieder ausgestiegen. Keinen Augenblick hat sie daran gedacht, dass sie nichts und niemanden kennt und kein Mensch hier mit ihr sprechen wird. Und jetzt ist sie in der Peripherie der Millionenstadt gelandet, im Hotel Joyful Noise, Zimmer 687 und schaut in den Spiegel und macht ein Foto von sich selbst. Grünlich sieht sie aus, in Neonlicht und TV-Flimmern getaucht. Sie malt sich die Lippen rot an, um nicht auf die Idee zu kommen, traurig zu sein. In einem der Nachbarzimmer Zimmer lärmt ein betrunkener Japaner. Im Bad liest Erika die Bedienungsanleitung der Toilette, no english und sie drückt wahllos auf den zahlreichen Knöpfen herum. Ihr Hintern wird heiss und kalt abgespült, ein Rocksong dröhnt aus der Schüssel, heisse Luft zischt in ihre Vagina, der Ring dreht sich schnell und schneller und am Ende schafft sie es nicht, sich die Hände zu waschen.

«An Tischen mit roten Plastikbezügen sitzen Männer und schaufeln Nahrung in sich hinein.»

Später treibt sie der Hunger aus dem Beton. Sie geht um den Block, streift durch das Quartier, in der Hand die japanische Strassenkarte, die nicht weiterhilft. Sie zirkuliert um Lastwagen und Schiffscontainer herum, schaut flüchtig zu den Männern, die Waren auf- und abladen und ihre Arbeit unterbrechen, wenn sie Erika sehen. Sie vermeidet Augenkontakt, Japaner schauten sie bisher nie an und beides macht sie nervös. Vor einem flachen Fabrikgebäude entdeckt sie eine rote Lampe, sie geht hin und stösst die Tür zu einem kleinen Lokal auf. Viele Augen schauen auf und ein paar Sekunden ist es still, bevor das Stimmengewirr wieder einsetzt. Der Raum ist kühl, an Tischen mit roten Plastikbezügen sitzen Männer und schaufeln Nahrung in sich hinein. Es sind kleine Männer mit Muskeln und in uniformierter Arbeitskleidung. Irritiert stellt Erika fest, dass sie nie daran gedacht hatte, dass es japanische Lastwagenfahrer gibt. 

Sie setzt sich an einen Tisch in der Ecke, der noch frei ist und schaut den anderen auf die Teller. Eine Kellnerin in blauer Schürze kommt und lächelt sie fragend an. Erika zeigt auf die essenden Männer und macht Zeichen, dass sie das Gleiche will. Die Kellnerin nickt, verschwindet in einem winzigen Küchenkabäuschen und kommt kurz darauf mit einem Teller zurück. Darauf ist etwas wie Käse auf Käse und es schmeckt nach Karton. Nach dem Essen bleibt sie sitzen und schaut zu, wie Männer kommen und gehen, bis sie alle weg sind. Die Kellnerin kommt an ihren Tisch und macht Zeichen, dass das Lokal schliesst.

Erika geht zur Tür und auf die Strasse, zurück zum Hotel. Es ist still im Foyer, sie geht vorbei an den Automaten zum Lift und fährt hoch in den sechsten Stock. «Welcome 687», schnarrt es, im Zimmer nebenan kalauert noch immer der Betrunkene und die Sumo-Ringer schwitzen über den Bildschirmrand hinaus. Erika geht ins Bad und spült sich mit kaltem Wasser den Tag aus der Haut. Den Lippenstift lässt sie im Gesicht stehen. Dann geht sie ins Bett, legt den Arm um die Batterie und schläft ein.

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