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Schreiben über Kunst und Gummi
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Garten der Villa Stadlin, Artherstrasse 19, Zug, frei zugänglich 9 bis 18 Uhr 28. September, 17.30 Uhr. Performance mit Christian Hartmann, Kontrabass 20. Oktober, 16 bis18 Uhr. Finissage. (Bild: Max Huwyler)

Künstler mögen doch aus Autopneus Kunst machen Schreiben über Kunst und Gummi

4 min Lesezeit 14.09.2019, 10:42 Uhr

Wörter schreiben zu Kunstwerken ist immer eine Herausforderung, besonders dann, wenn man nicht das Berufsvokabular des Kulturjournalisten hat. Max Huwyler wurde von einem Künstler gefragt, ob er bei der Vernissage zu seiner Ausstellung im Park einer Zuger Villa reden würde.

Ich kannte weder den Künstler noch sein Werk. Er bat mich ins Atelier im alten Industriegelände von Landis & Gyr an der Hofstrasse in Zug. Er führte mich zu seinen Werken. Da standen und lagen Gummireifen. Traktorenpneus. Ich war verblüfft. Gummiräder als Ausgangsmaterial für Kunst. Schulterhohe Pneus. Mannshohe Traktorenpneus. Gummi, felgenlos. Irgendwie spürte ich Faszination.

Der Künstler, ein ruhiger schlanker Mann, sagte nichts. Ich war erstaunt, dass der sich an einen Werkstoff macht, dem man nicht zugesteht, dass er etwas mit Kunst zu tun haben könnte.

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Das war etwa zwei Monate vor der Vernissage. Ich war erstaunt über die handwerkliche Bearbeitung. Ich sagte zu.

Ich erlag der Faszination

Der Park ist gegen die Strasse hin imposant begrenzt von Bäumen, die so alt sind wie die Villa Stadlin. Die Parkfläche ist eine freie Wiese. Die Stadlinmänner sind alle tot, es gab je Generation nur einen Nachfolgersohn. Drei Generationen haben Kultur und Politik geprägt.

Der letzte, Manfred Stadlin (1906-1994), war freisinniger Nationalrat. Im Nachruf steht: «Ein vorbildlicher Staatsbürger, ein überragender Liberaler, ein guter Mensch hat uns für immer verlassen.» Er hat den Familiensitz der Bürgergemeinde Zug vermacht mit der Auflage, Villa und Park für die Allgemeinheit zu nutzen. Heute ist die Villa Stadlin Sitz der Ernst Göhner-Stiftung.

Ein Holzbildhauer wechselt auf Gummi

Kunst machen aus Gummi. Gummibildhauer ist kein geläufiger Begriff. Eugen Jans ist Bildhauer, auch Holzbildhauer. Er macht Werke aus verschiedenen Hölzern: Nussbaum, Esche, Pappel, Stammholz vom gefällten Mammutbaum im Nestlé-Areal in Cham.

Und es gibt kleine Objekte aus einer Eiche, die im Sumpf über 2000 Jahre überdauert hat. Er wird als Experte beigezogen, wenn in ehemaligem Sumpfgelände gegraben und gebaut werden soll.

Eugen Jans, geboren 1963 in Steinhausen. Ein Steinhausen gibt es im Kanton Zug, auch ein Holzhäusern. Gummihäusern fehlt auf der Ortsnamenliste.

Was macht mein Gehirn mit Gummi?

Ich war über Wochen gummizentriert. Schreiben über Gummi. Was macht mein Gehirn mit Gummi. Ich kam ins Denken und Grübeln. Ich hatte als Kind ein Lieblingsspielzeug: ein ausgedientes Velorad mit einem dicklichen Gummireifen. Ich trieb das Rad an, mit einem kurzen Holzstecken, liess das Rad laufen mit Schlägen auf den Pneu. Vierzigerjahre. Autos hatte es kaum auf den Strassen, hin und wieder eines mit Holzvergaser.

Ich sehe mich die Zeughausgasse hinunterrennen mit meinem Laufrad. Es war Kriegszeit. Am Mittwochnachmittag war Altstoffsammlung. Ich ging mit Mutter mit dem Leiterwägeli von Haus zu Haus. Wir brachten den Altstoff zur Sammelstelle in die grosse Scheune bei der Schützenmatt. Mein Reifenspiel war mit schlechtem Gewissen belastet: Durfte ich denn mit einem Gummirad spielen, wo doch der Pneu zum Altstoff gehört? Gummi war Sammelgut.

«Pneuma» meint Hauch und Geist

Gummi und Kunst. Fraget einen Kunstfreund, welchen Werkstoff der Künstler wähle für seine Werkstücke. Kaum einer wird Gummi sagen. Wer bringt schon Kunst mit Gummi zusammen, diesem elastischen Werkstoff aus einer Kautschukmischung. Schon die Ägypter hatten ein Wort für das wohlriechende Baumharz: «kummi». Doch ägyptische Gummikunst gibt es nicht. Und sie hatten ein Vorläuferwort für den Pneu. «Pneuma» meint Hauch, Geist, Atem, Luft. Unser heutiger Pneu ist die Hülle für die eingepumpte Luft. Wer denkt schon «Geist Gottes» beim Pneupumpen an der Tankstelle.

Bildhauerwerke sind mir vertraut. Tausende hölzerne Heilige in tausend katholischen Kirchen. Von vorne schön geschnitzte und bemalte Ganzkörperfiguren mit frommen Gesichtern, hinten hohl und eindeutig das hölzerne Material. Vorne heilige Frauen mit goldfarbenen Brüstchen. Hölzern und weniger heilig das eidgenössische Kämpferpaar mit gemalten Zwilchhosen aus Holz. Holzköpfe mit unfröhlicher Esaf-Hosenlupf-Mimik. Eidgenössische Schwinger und Älpler. Stellt euch die geschnitzten Esaf-Mannen aus Gummi vor.

Gummimetz ist ein fremdes Wort

Kunst machen aus Gummirädern. Der Steinmetz hat andere Töne im Ohr. Ich wage nicht, Gummimetz zu sagen. Wir stehen vor den geschichteten Gummidingern, die einst als Pneus über Strassen rollten.

Wir staunen über das erstaunliche Schnitzwerk. Wir staunen über Licht und Schatten der Gummischnitte. Wir fragen uns: Wie macht er das nur?

Und wir fragen uns: Warum macht er das nur? Und wir sagen Dank, dass er das macht, der Eugen Jans.

Frommer Wunsch an diesem Sonntagmorgen: Künstler der ganzen Welt mögen aus Autopneus Kunst machen. Wir hätten eine andere, eine ruhige Welt.

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