Kurze Impressionen II
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Hier ist alles unglaublich teuer. (Bild: AURA)

Christine Weber Kurze Impressionen II

3 min Lesezeit 01.02.2016, 10:47 Uhr

Teil II der kurzen Impressionen, verfasst von Christine Weber.

Monolog

Seit einer Woche bin ich da, es bleibt noch eine. Leider. Das ist viel zu lang, nächstes Mal komme ich nur sieben Tage. Hier ist nichts los, ich habe jetzt alles gesehen – Marrakesch, Agadir, Essaouira – und langweile mich. Der Ryan-Air-Flug Düsseldorf-Agadir kostete 30 Euro. Hier ist alles unglaublich teuer, darum mache ich auch keine Ausflüge. Eigentlich hätte ich gerne eine Spritztour mit den Squads, diesen kleinen Autos, in die Wüstendünen gemacht. Dafür verlangen sie hier 50 Euro! Gut, die Anreise ist im Preis inbegriffen, sie dauert hin und zurück 10 Stunden und das Essen wäre auch dabei. Aber trotzdem: 50 Euro für diese Squad-Fahrt ist schon unverschämt. Überhaupt zocken sie einen hier überall ab. Zum Beispiel die Zigaretten: Eine Stange Marlboro kostet 18 Euro, bei uns in Deutschland sind es zwar 45 – aber hier ist die Zigarette viel schneller aufgeraucht, sie stopfen mit weniger Tabak. Mein Kollege hat sich beim Kaffee den Magen verdorben, das soll oft vorkommen, hört man so. Wir bleiben trotzdem im gleichen Zimmer, so können wir uns die 25 Euro teilen. In Marrakesch ist es saukalt, hier kann ich wenigstens auf der Terrasse an der Sonne herumliegen. Ich habe mich verbrannt, habe keine richtige Sonnencreme dabei und die kostet hier ein Vermögen. Jetzt beten sie wieder, mühsam. Da sollte mal wer die Stecker ziehen beim Turm. Man kann da auch gar nicht richtig schlafen, weil sie immer beten. Immerhin weiss man so, in welchem Land man ist. Die machen das hier ja einfach auf der Strasse, wenn es Zeit zum Beten ist. Schon komisch.

 

Schnell gesagt

Neben mir am Tisch sitzt ein Mann, der Informatiker sein könnte. Ein dickes, blondes Kind sitzt auf seinem Schoss und spielt mit der Speisekarte. Ich bestelle den zweiten Kaffee. Ein kleiner Junge kommt an den Tisch und will für 50 Rappen meine Schuhe putzen. Eine winzige, uralte Frau geht tief gebückt auf einen Stock gestützt vorbei, eine Hand nach Münzen ausgestreckt. Gegenüber unter einem Sonnenschirm sitzt an einem improvisierten Stand ein kleinwüchsiger Mann und malt mit dem Mund Karten, die man kaufen könnte. An der Ecke steht jener noch recht junge Typ mit verkrüppelten Füssen. Seine Augen sind so verdreht, dass nur das Weisse zu sehen ist, durchzogen von feinen, roten Äderchen. Daneben kauern an der Hausmauer viele Frauen in schäbigen Djellabas, das Gesicht mit schmutzigen Tüchern verhüllt und in der Hand hat jede eines der dünnen Plastiksäckchen. Sie warten auf etwas, worauf weiss ich nicht. Vor dem Restaurant spielen Musiker auf rudimentären Instrumenten und reichen dann den Hut herum, ein selbstgebastelter Rollstuhl wird vom Fahrer durch die Tischreihen manövriert und vom Kellner weggescheucht. Durch die gleiche Szenerie spazieren gut gemästete Touristen; kofferschleppende, Pommes-fressende Weltenbürger mit schicken Sonnenbrillen und Iphones. Eine Reisegruppe mit absurden Safari-Turbanen schlurft mit blauen Stöpseln in den Ohren wie ein Rudel gechippte Hunde der Reiseleiterin hinterher.

Ich schlage den Roman «Gerron» von Lewinsky auf und empöre mich zum Tausendsten Mal, wie sich die Deutschen durch Wegschauen und Gewöhnung um das Schicksal der Juden foutierten. Aber wo ist eigentlich der Unterschied? Nehme nicht auch ich das üppige Frühstück an der Sonne und drehe den Kopf weg, wenn ein Bettler kommt? Man gewöhnt sich an alles – leicht gesagt und schnell getan.

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