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Glockenläuten mit Hebelschwenk
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Wie mich ein Fingertipp an meine Zeit als Ministrant erinnerte Glockenläuten mit Hebelschwenk

3 min Lesezeit 12.01.2019, 11:00 Uhr

Ich finde in alten Tagebuchblättern Notizen zum Glockenläuten. Das setzt ein mit einer Beobachtung an der World-Didakta, einer pädagogischen Fachausstellung in der Messe Zürich im Hallenstadion. Ich notierte, wie ein Kind mit einem Fingerdruck auf die Tastatur eines PC ein elektronisches Glockenspiel in Gang setzte. Dieser unscheinbare Fingertipp weckte in mir die Erinnerung an mein Glockenläuten als Ministrant in Zug.

In der Liebfrauenkirche in der Altstadt zogen wir die Glockenseile. Das Anziehen und das Enden brauchten besondere Techniken. In Sankt Michael, der Pfarrkirche oberhalb der Stadt, gab es an hohen Feiertagen eine Nachmittagsvesper. Nichts ist mir geblieben von den wortreichen Verkündigungen. An die irrationale Wirkung der Psalmen und Gebete wollen wir gerne glauben. Doch das Ritual des Vesperläutens hat sich mir eingeprägt. Es war nicht einfach ein Vorläuten mit nur einer Glocke eine Viertelstunde vor Gottesdienstbeginn und ein Zusammenläuten aller Glocken kurz vor Beginn.

Eine Viertelstunde lang klangen Glocken in verschiedenen Kombinationen. Das Vesperläuten hatte sein besonderes Ritual. Einmal zwei Glocken, dann zwei andere, dann drei, vielleicht mal nur eine, ich weiss das nicht mehr. Den Schluss machte das Zusammenläuten aller auf einander abgestimmten fünf Glocken. Ein Ablaufplan regelte die rituell vorgeschriebenen Kombinationen und die Dauer der einzelnen Kompositionsteile. Der geistige Hintergrund dieses eigenartigen Spiels blieb mir verborgen. Es war einfach so.

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Die demontierten Glocken der alten Pfarrkirche St. Michael Zug von 1902. Die grösste rechts war die «Chriesigloggä». (Foto: Archiv Katholische Kirchgemeinde Zug)

Die demontierten Glocken der alten Pfarrkirche St. Michael Zug von 1902. Die grösste rechts war die «Chriesigloggä». (Foto: Archiv Katholische Kirchgemeinde Zug)

Die Faszination lag für mich im Ingangsetzen und im Hören der einsetzenden Glockenschläge. Im Vorraum der Sakristei von Sankt Michael ragten aus fünf Schaltkästen schwarze Umlegehebel, für grosse Sigristenhände gemacht. Sigrist Elsener hat uns Buben das Läuten anvertraut, auch das seltene komplizierte Vesperläuten. Ich erlebte die Spannung zwischen dem Umlegen der Hebel und dann dem fernen Anschlagen vom Turm herunter. Das Intervall änderte je nach der Grösse der Glocke. Das war einzubereichnen beim dramatischen Aufbau des fünftönigen Zusammenläutens, das immer mit der kleinsten Glocke begann.

Ich achtete darauf, dass die nächst grössere Glocke nicht zu früh einsetzte. Ich wollte der Kleinen ihren Auftritt gönnen. Die Dramatik der immer komplizierter werdenden Ton- und Rhythmuskombinationen wollte ich hören. Ich machte diese Komposition auch für die über die ganze Stadt verstreuten Zuhörer. Entsprechend sorgfältig gestaltete ich das finale Ausklingen, beginnend wieder bei der kleinsten Glocke. Der grossen Glocke gestand ich ein paar zusätzliche Anschläge zu. Und ich hörte ihr dann zu bis zum letzten, verzögerten, weichen Anschlag. Ich mag bis heute nicht das System der gefesselten Klöppel, bei dem der Klöppel erst frei gegeben wird, wenn die Glocke im vollen Schwung ist und ihn am Ende wieder fixiert und so die aus der rhythmischen Ordnung ausbrechenden letzten, immer weicher werdenden Anschläge killt.

Die alte Kirche St. Michael Zug mit Glockenturm von 1895. (Foto: Archiv Denkmalpflege des Kantons Zug)

Die alte Kirche St. Michael Zug mit Glockenturm von 1895. (Foto: Archiv Denkmalpflege des Kantons Zug)

Wenn ich als Kind krank war und nachts nicht schlafen konnte und die Zeit so langsam ging, da wartete ich jeweils, bis die volle Stunde schlug. Das Stundenschlagen dauerte lange von St. Oswald und Guthirt, vom Zytturm und vom Kapuzinerturm und von Maria Opferung und, bei Föhn, von Sankt Konrad im Zurlaubenhof und von der Spitalkapelle. Es dauerte lange, dieses Stundenschlagen. Ich prägte mir die Reihenfolge ein. ich schätzte die Intervalle, um sie für die nächste Stunde zu behalten. Die Zeit dazwischen war keine leere Zeit. Inzwischen hat Eifer und Drang nach Perfektion das lange, schöne Spiel zerstört. Ein stadtweiter, elektronisch gesteuerter Einuhrschlag ist ein Schlag. Perfekt und Päng.– Dass Sankt Michael, die Überragende, keine Turmuhr hat, das konnte ich nicht begreifen.

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