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Für Giftmüll kein Gewürm
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Atommüll wird nicht zu Futter für Würmer und Kleinstgetier. (Bild: Pixabay )

Max Huwyler Für Giftmüll kein Gewürm

2 min Lesezeit 01.07.2017, 10:08 Uhr

Literatur-Blogger Max Huwyler erzählt vom natürlichen Kreislauf der Dinge, von Abfall und Dünger. In seiner Blog greift er auch das Thema Atommüll auf und verrät, was das mit dem Luzerner Gletschergarten und einem Kontrabass zu tun hat.

Müll sagt man und Abfall und Güsel. Scheisse und der in die Sprache eingedrungene englische Einsilber Shit sind sogenannte Kraftwörter für grösseres oder kleineres Ungemach. Der Mensch weiss, seit es ihn gibt, dass sein Abfall verrottet. Er gräbt in den Boden ein, was er aus dem Auge haben will, und weiss, dass es sich zersetzt. Und er weiss, dass Mist und Gülle auch Dünger ist. Würmer und anderes Kleinstgetier sorgen für die Umwandlung im natürlichen Kreislauf.

Das hielt, bis mit dem fremden Zusatzwort Atom ein neuer Müll-Begriff in die Weltgeschichte kam und seit Atommüllentsorgung für einen Prozess steht, der selbst den Erfindern der Kernspaltung unheimlich ist. Der Mensch erfand die Teilung des Unteilbaren. Doch mit der Kernspaltung fällt Müll an, Atommüll. Nur will dieser Müll einfach nicht verrotten und sich zu fruchtbarerer Erde wandeln. Aber man vergräbt die Rückstände wie der Gärtner in den Boden, vorsichtshalber in Fässern, gräbt Felsenhöhlen. Kein Futter für Würmer und Kleinstgetier.

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In Luzern im Gletschergarten gibt es Zeitzeichen zum Vergleich der Zeitdimensionen. Als hier Eiszeit war, wäre Luzern 400 Meter unter Eis gelegen, wenn es Luzern denn gegeben hätte. Die Gletscherzunge reichte bis in die Region Baden. Der Reussgletscher hat erst viel später einen Namen bekommen. In die tiefste der Gletschermühlen liess sich vor Jahren ein Musiker mit seinem Kontrabass abseilen. Unten im Mühlenraum strich er während 50 Minuten einen einzigen Ton, spielte ein Eintonsolo für Kontrabass. Der Ton kam wie von nirgendwoher und verteilte sich unsichtbar unter den Zeltdächern. 50 Minuten lang ein Eintonstück mit allerfeinsten Klangnuancen. Die Zuhörer waren irritiert, dann fasziniert. Einige liefen zu früh zum sterbenden Löwen.

Die Gletschmühlen aus der Schmelzzeit sind um die 20’000 Jahre alt. Das entspricht, so habe ich gelesen, in etwa der Verfallszeit von Atommüll. Da kommt man als ein paar Jahrzehnte alter Homo erectus ganz schön ins Grübeln.

Welche eigenartigen Blüten die Folgen der Kernspaltung treibt, erzählt diese kleine Geschichte aus dem 21. Jahrhundert unserer Zeit:

«Es gibt die kleine Geschichte vom Zuchtbauern, der an die Amtsstelle für Bevölkerungsschutz die Anfrage richtete, ob allenfalls, nachdem nun ja für jeden Menschen im Land ein atomschlagsicherer Schutzraum zu Verfügung stünde – er wählte tatsächlich den Konjunktiv –, nicht auch in Betracht zu ziehen wäre, Schutzräume für Schweine einzurichten, hätten doch die unverstrahlt Überlebenden nach der Entwarnung berechtigten Anspruch auf nicht kontaminierte Verpflegung.» (Aus: Max Huwyler: Ganz kleine Geschichten)

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