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Die Schriftsteller
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«Kunst kommt nicht vom Können, sondern einfach nur vom Tun, vom Handeln, vom Ausführen.» (Bild: Daniel McCullough )

Thomas Brändle Die Schriftsteller

9 min Lesezeit 20.05.2017, 12:02 Uhr

Schriftsteller sind das Gewissen, die sensiblen Beobachter, vielleicht auch die menschlichen Frühwarnsysteme der Gesellschaft. Sie leben im Grenzbereich zwischen Selbstaufgabe, Wahnsinn, Alkohol und Zügellosigkeit, immer auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis. Okay, okay, aber es liest sich wenigstens gut.

Nachdem ich mein erstes Buch veröffentlicht hatte, fühlte ich mich endlich wie ein Schriftsteller. Geschrieben habe ich immer, aber etwas zu veröffentlichen, sich und seine Gedanken dem Urteil der Öffentlichkeit auszusetzen, das erst ist die Aufnahmeprüfung in den Olymp der Schreibenden. Inzwischen ist dieser Olymp allerdings ziemlich überlaufen. Es herrscht, ich kann es nicht anders sagen, sogar ein ziemliches Gedränge. Selbst in den Gängen des Olymp.

Gedankenverloren sitze ich auf meiner Bank am Zugersee, geniesse die Herbstsonne und lasse den lieben Gott einen braven Mann sein, als sich plötzlich mein Blickfeld verdunkelt.

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«Hallo, Herr Brändle, ich gratuliere zu Ihrem neuen Buch.»

«Recht schönen Dank … mit wem habe ich das Vergnügen?»

Der mir vollkommen unbekannte Riese im hellen Kamelhaarmantel setzt sich ohne zu fragen neben mich.

«Imhof, Karl Imhof. Ich bin ein Kollege, sozusagen.»

«Kollege», murmle ich wiederholend.

«Als ich Sie so habe sitzen sehen, habe ich gedacht, dass Sie sich vielleicht etwas langweilen … und so habe ich mir erlaubt, mein Manuskript … es ist meine Lebensgeschichte. Sie ist total spannend und witzig geschrieben. Ich dachte, vielleicht … wo Sie doch quasi nun schon seit Stunden unproduktiv auf dieser Bank sitzen … dass Sie vielleicht ein wenig Zerstreuung suchen. Ihr Urteil zu meinem Roman wäre mir wirklich ein Herzensanliegen.»

Na ja, das mit den Büchern ist so eine Sache. Ich lese sehr gerne. Leider reicht einfach das Leben nicht, um all das zu lesen, was mich interessiert. Und zwischendurch sollte man auch mal selber schreiben, vor allem dann, wenn man von Beruf Schriftsteller ist. Schriftsteller ist ja eigentlich auch kein Beruf, Berufung okay, aber Beruf? Von einem Beruf kann man in der Regel leben. Laut Ephraim Kishon gibt es eh keine lebenden Schriftsteller. Lebend sind Schriftsteller einfach nur lächerlich, Humoristen. Erst wenn man tot ist, dann ist man Schriftsteller. Bei den Malern ist es dasselbe, ausser wenn sie sehr schlecht sind, dann werden sie schon zu Lebzeiten berühmt.

Leser hingegen sollte ein Beruf sein. Davon gibt es nämlich viel zu wenige. Irgendwie haben sich die Schreibenden in den letzten Jahren extrem vermehrt, während die Leser auszusterben drohen. Es soll schon Leservermittlungsagenturen für solche Schriftsteller geben, die sich noch an öffentliche Lesungen getrauen. Die Probanden der Literatur sollen gut bezahlt sein, nur Fragen, Fragen an den Schriftsteller stellen sie in der Regel nach der Lesung keine. Davon steht auch nichts im Vertrag mit der Leservermittlungsagentur. Ja, den Lesern und Zuhörern, denen geht es gut. Angebot und Nachfrage, Marktwirtschaft halt. Ich mag Karl Imhofs Buch nicht lesen. Mich interessiert sein Leben nicht.

«Na gut, dann geben Sie mir Ihr Manuskript, Herr Imhof.»

Ob Imhof mein Buch gelesen hat, das weiss ich nicht. Immerhin weiss er aber, dass ich eines veröffentlicht habe. Wie sollte ich es da mit ihm verscherzen. Vielleicht wird er mein Buch nun auch kaufen, wenn er es noch nicht getan hat. Immerhin will ich sein Manuskript lesen. Was, wenn ich sein Manuskript lese, er aber mein Buch trotzdem nicht kauft, nie kaufen wird? So ein Schlawiner.

«Wann darf ich Sie anrufen, Herr Brändle?»

«Mich anrufen? Weswegen?»

«Na, wegen Ihrer Meinung zu meinem Manuskript.»

Der ist aber penetrant. Wenn ich so hartnäckig wäre und ihn zu Hause besuchen wollte, um zu sehen, ob er mein Buch im Wohnzimmer liegen hat. Also wirklich.

«Ach so, ja natürlich. Wie dumm von mir. Ich werde Sie anrufen, Herr Imhof», entgegne ich kategorisch.

Imhof im Kamelhaarmantel strahlt mich an, als hätte ich ihm eben einen Heiratsantrag richtig beantwortet.

«Hier ist meine Nummer.»

Der hat doch tatsächlich eine Visitenkarte, wo draufsteht, dass er Schriftsteller sei. Noch kein einziges Buch veröffentlicht, aber auf dicken Max machen.

«Wann werden Sie mich anrufen, Herr Brändle?»

«Nächste Woche, am Dienstagabend», kommt es überraschend aus mir heraus. Ich muss verrückt geworden sein.

Zu Hause angekommen, lege ich Imhofs Manuskript auf den Stapel mit den anderen. Eines der Manuskripte auf dem Stapel ist von Frau Leutenegger. Sie wohnte lange Zeit über mir. Wenn ich mich recht erinnere, hat sie mir ihr Kinderbuch im Winter 1998 zum Durchlesen gegeben. Nächste Woche würde ich mich bei ihr melden, hatte ich gesagt. Danach habe ich jahrelang aufpassen müssen, dass ich ihr nicht zufällig im Treppenhaus begegne. Ich habe auch nur noch nach Mitternacht die Waschküche benutzt. Ich hatte erst 2004 bemerkt, dass sie 2001 ausgezogen war. Ob sie mein Buch jemals gekauft hat, hat sie mit ins Grab … zumindest nach Lauterbrunnen genommen.

Anton Grueber hat ein Theaterstück geschrieben. Es liegt zuunterst im Stapel. Nicht weil es das erste war, das ich zum Lesen gekriegt habe, sondern das dickste. Heidi Spuhler hat ihre Jugend aufgearbeitet. Immerhin kann ich mich an den Titel erinnern: Meine Jugend. Ich bin ihr nach vielen Jahren zufällig in einem Einkaufszentrum über den Weg gelaufen. Ich hatte eine Amnesie vorgegeben. Einen Autounfall. Ich könne mich nicht an sie erinnern. Ausserdem hiesse ich Anton Grueber. Sie müsse mich mit jemandem verwechseln.

Insgesamt haben sich über die Jahre 44 Manuskripte angesammelt, die ich bis jeweils nächste Woche hätte lesen sollen. Bei keinem der Manuskriptbesitzer habe ich je herausgefunden, ob er mein Buch auch wirklich gekauft hatte. Nein, lesen, lesen muss meine Bücher niemand. Kaufen würde mir vollkommen genügen. Ich frage auch nie, wie meine Bücher gefallen haben. Ich lese die Manuskripte ja auch nicht. Wann sollte ich das auch tun? Ich habe schliesslich alle Hände voll zu tun mit Schreiben.

Einige Wochen später sitze ich, wie oft am Sonntagmorgen, beim Kaffee mit Croissants am Landsgemeindeplatz, in geselliger Runde. Na ja, gesellig ist ein wenig übertrieben. Markus hat schon zwei Ratgeber über Kommunikation geschrieben. Er ist eher der Leise, ein stiller, introvertierter Typ. Ein Schriftsteller halt. Also nicht wirklich gesellig, aber meistens zahlt er die erste Runde. Noldi schreibt Abenteuergeschichten, eigentlich Bildbände. Ständig geht es ums Bergsteigen. Leider ist er ein sehr schlechter Fotograf und schreiben kann er auch nicht. Er ist wirklich nur Bergsteiger, aber warum sollte ich ihm das sagen. Vielleicht hat er ja mein Buch gekauft. Ich habe zwei seiner Bildbände, signierte, zu Hause. Er hat mich zu seinen Diavorträgen eingeladen. Nein, eigentlich hat er mich dazu gezwungen. Lieber hätte ich nur seine Manuskripte gelesen.

Jacqueline ist Kinderpsychologin, eine schreibende Kinderpsychologin. Ihre Bücher haben Kultstatus. Allerdings nicht bei Eltern, sondern vielmehr bei denen, die sich nicht sicher sind, ob sie welche werden wollen. Nach dem Lesen von Jacquelines Büchern wollen sie in der Regel nicht mehr. Oft anwesend ist auch Horst. Obwohl der am liebsten am Sonntagmorgen schreibt. Die Woche über arbeitet er als Buchhalter bei einem Versandhandel. Sonntagmorgens schläft seine Familie aus. Dann schreibt er Krimis, ziemlich gewalttätige. Meistens wird als Erstes ein Chef, in der Regel einer aus der Versandhandelsbranche, umgebracht. Seine Leser haben sich daran gewöhnt. Die interessiert sowieso bloss, auf welche Art der Chef des Versandhandelsbetriebes diesmal über den Jordan befördert wird. Horsts Chef ist seit einiger Zeit krankgeschrieben. Die Nerven. Manche vermuten ein Burn-out, vielleicht sogar eine Depression. Kein Wunder, das Versandhandelsgeschäft ist kein Zuckerschlecken.

Sechs Manuskripte liegen auf meinem Schreibtisch, die sind von Walter. Seltsamerweise fragt er nie danach. Ich vermute, er schreibt überhaupt nur, um zu vergessen. Meistens schreibt er über die Liebe. Das sagt er wenigstens. Gelesen habe ich seine Manuskripte ja auch nicht. Er verliebt sich alle paar Monate in eine andere, die seine Liebe nicht erwidert. Entweder weil sie verheiratet ist, kein Interesse an ihm hat oder weil sie prominent ist, auf einem anderen Kontinent lebt und gar nicht weiss, dass es Walter gibt. Nach jeder Liebe ist üblicherweise ein Buch, also ein Manuskript fällig. Am Muttertag kriege ich immer eine Glückwunschkarte, mit der er sich bedankt, dass ich mich seiner Manuskripte annehme. Ich erleichtere ihm so das Loslassen. Gesprochen haben wir darüber noch nie. Wahrscheinlich würde es ihn zu fest aufwühlen. Er will nur darüber schreiben. Ein echter, berufener Schriftsteller. Schade, dass er nie was veröffentlicht hat.

Greti ist mein Liebling. Sie textet Gedichte, die sich nicht reimen. Das sei ihr ganz eigener Stil. Niemand textet Gedichte, die sich nicht reimen. Greti aber schon. Das sei halt eben genau ihr Stil, sich nicht reimende Gedichte. Als wir das endlich begriffen hatten, waren wir froh, dass sie es uns erklärt hat. Wir haben uns anfangs nie getraut, etwas zu sagen, wenn sie am Sonntagmorgen in unserem Café ihre Gedichte vorgetragen hat. Wir dachten immer, dass sich Gedichte reimen müssten. Vielleicht ist das ja allgemein ein Missverständnis, was Künstler betrifft. Kunst kommt nicht vom Können, sondern einfach nur vom Tun, vom Handeln, vom Ausführen. Am vorletzten Sonntag hat Greti ein Gedicht vorgelesen, das sich gereimt hat. Da haben wir sie sofort darauf aufmerksam gemacht. Nicht dass das Gedicht noch versehentlich veröffentlicht wird.

«Guten Morgen, Herr Brändle. Was für eine Freude, Sie hier zu treffen», steht plötzlich ein grosser Mann in hellem Kamelhaarmantel nach Luft japsend neben mir.

«Guten Morgen. Kennen wir uns?», frage ich irritiert.

«Imhof, Karl Imhof. Ich hatte Ihnen mein Manuskript zum Lesen gegeben. Sie wollten mich zurückrufen.»

Es durchfährt mich ein eiskalter Schauer. Der Mann, der sein Leben aufgeschrieben hat, sehr spannend und witzig habe er es geschrieben, erklärte er mir damals.

«Ja, genau. Was für eine Freude. Morgen wollte ich Sie anrufen, Herr Imhof.»

«Sie haben mein Buch also gelesen?»

«Ihr Buch? Gelesen?»

«Wie gefällt es Ihnen? Möglicherweise finden Sie den Teil über die Schulzeit etwas langatmig?», fragt Imhof.

«Langatmig? Die Schulzeit dauert in der Regel ohnehin viel zu lange», versuche ich mich mit einem Scherz aus der Situation zu retten.

In diesem Moment klingelt mein Handy. Gott sei Dank. Walter ist am Apparat. Walter? Der hat doch eben noch hier gesessen. Ich blicke mich um und entdecke ihn auf der gegenüberliegenden Seite des Landsgemeindeplatzes, mit einem Handy am Kopf. Er sagt nur, er habe jetzt einen Kaffee gut bei mir. Ich solle nun schauen, dass ich mich aus dem Staub machen könne.

«Ja, ich komme sofort», beende ich das Gespräch kurz und bündig.

«Sie müssen weg, Herr Brändle?», fragt mich der gross gewachsene Kamelhaarmantel.

«Ja, unbedingt. Es tut mir sehr leid. Meine Frau liegt im Kreisssaal und kriegt ein Kind», erkläre ich aufgeregt.

«Sie sind verheiratet? Wann ist denn das passiert?», entgegnet der als Kamel verkleidete Imhof.

«Ich werde Sie anrufen, Herr Imhof. Bestimmt. Spätestens nächste Woche.»

«Nein, ich werde Sie anrufen, Herr Brändle. Sonst vergessen Sie es wieder», schlägt er vor. Was für ein aufgeblasener Lackaffe. Glaubt der, ich hätte nichts anderes zu tun, als seinen Roman zu lesen, während meine Frau eine schwere Schwangerschaft durchmacht?

Greti, die wie die anderen amüsiert zugehört hat, erkundigt sich bei Imhof, wie er denn mein neues Buch gefunden habe. Wir hätten es, bevor er dazugestossen war, ausgiebig diskutiert und seien komplett unterschiedlicher Meinung. Vielleicht könne er Klärung schaffen. Imhof schaut völlig verdattert aus seinem um den Leib gewundenen Kamelhaarbettvorleger und meint, dass ich mich beeilen solle, wenn ich ins Spital wolle. So eine Geburt könne recht schnell vorbei sein. Obwohl ich Imhof noch eine meiner neuen Visitenkarten mit «Schriftsteller» als Berufsbezeichnung in die Hand gedrückt habe, habe ich nie mehr was von ihm gehört. Er hatte mein Buch also nicht gekauft.

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