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Aus dem Alltag einer Bananenkiste
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(Bild: Plutho)

Was bitte ist ein Ghostbuster Firehouse? Aus dem Alltag einer Bananenkiste

5 min Lesezeit 04.11.2018, 11:00 Uhr

Vor mir auf dem Tisch diese riesige Schachtel. Anhand verschiedener Stempelaufdrucke erkenne ich, dass sie aus Ecuador nach Europa gekommen ist. Handle with care, werde ich aufgefordert. Imported and distributed by Agrofair, Benelux, Barendrecht, The Netherlands, steht ausserdem zu lesen.

Auf eine der Seitenwände wurde gross und deutlich mit Handschrift und schwarzem Fettstift das Wort SCHUHE 24 geschrieben. Die übrigen Aussenseiten des Kartons tragen hingegen die Original-Aufdrucke «Bananas». «oké». «FAIR TRADE». Das Wörtchen oké, vermute ich, ist ecuadorianisch und bedeutet das amerikanische Okay. Selbst die Unterseite der Schachtel ist beschriftet. Ein grüner Kreis enthält den Hinweis: recyclable. Der Kreis umfängt drei dicke Pfeile, die zu rotieren scheinen und sich krümmen, als wollten sie den Kreis mit aller Kraft sprengen. Doch die dicke Linie verunmöglicht es ihnen. Der Kreis gibt mir Rätsel auf. Bedeutet er die Umwelt, die das wertvolle Gut, aus dem der Karton besteht, zurückdrängt, damit es sich ein nächstes Wirkungsfeld sucht? Ein Dasein als Eierkarton oder als WC-Papier zum Beispiel?

Die weitgereiste Kiste wurde mir vom Pöstler gebracht. Und er unterliess es nicht, sie vor der Aushändigung zu fotografieren. Das gehört sich neuerdings als Beweis, dass die Lieferung rechtmässig abgegeben wurde. Absender ist eine Frau, mit der ich nie gesprochen habe, deren Namen ich jedoch kenne, hier aber selbstverständlich nicht preisgeben darf. Sie hatte auf tutti.ch ein Inserat gestartet und wollte just verkaufen, was ich suchte. Und erst noch ungebraucht, originalverpackt und zu einem vergünstigten Preis. Ein unerwünschtes Geschenk, rätseln meine Familie und ich, das eine neue Bleibe sucht?

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Sie, liebe Leserinnen, sind sicher im Bild, was ein Ghostbuster Firehouse ist. Ich wusste es nicht, als mein kleiner Enkel mir erklärte, dass er sich genau dieses zum Geburtstag wünscht. Also hiess er mich, auf dem Mobiltelefon diesen Firehousebuster einzugeben und zu suchen. Es kam ein hübsches schmales Haus aufs Diplay. Ein paar Männchen mit Helmen, eine Feuerwehrleiter und zwei, drei Geistchen. Das Haus liess sich öffnen, und es stellte sich heraus, dass es komplett eingerichtet war mit Möbeln und Treppen. Mega, fand mein kleiner Herzensjunge, ich seufzte in mich hinein: schon wieder Feuerwehr und nochmals ein Haus und nochmals Playmobil.

Als ich Kindergärtnerin war, hatte gutes Spielzeug aus Holz absoluten Vorrang. Holzautos, Holztierchen, Holzstall, Holzhäuser, Holzbahn, hölzerne Arche Noah. Und natürlich Feuerwehrautos aus Holz. Wir bastelten mit Ton, Papier, Karton und wiederum Holz, mit alten Knöpfen, alter Wolle, mit Stoffresten aus den Vorräten der Mütter und viel Material, das wir im Freien fanden, nicht zuletzt zweckentfremdeten wir wertlosen Abfall für allerlei Vorhaben. Darunter Weihnachtsengel, Eselchen, Autos, Segelschiffe sogar. Kindgerechter Werkstoff, hatte ich einst gelernt, fördere Tastsinn und Fantasie und sorge, nebst der Spiellust, für kreatives Denken. Für Kinderhände sei daher nur natürliches, echtes Material gut genug.

Logischerweise galt das auch für Lesestoffe und Lieder. Der Schellenursli stand ganz zuoberst auf der Skala, am untersten Ende alberten Globi und Mickey Mouse herum. Doch die Kinder liebten gerade auch sie heiss. Dies alles geht mir durch den Kopf, während vor mir auf dem Tisch diese riesige Schachtel steht. Den Inhalt kennen Sie: das Ghostbuster Firehouse. Es hat auch was mit Geistern zu tun, dieses Haus. Aber was genau, da bin ich noch am Rätseln. Es schwirren ein paar weisse Hemdchen herum, und was aus dem einen Fenster guckt, scheint eines von ihnen zu sein. Und es zuckt auch ein exzessiv verzweigter Blitz auf das Dach herunter.

Die Schachtel wurde an zwei Seiten mit braunem Klebeband kreuzweise verklebt. Aber vermutlich ist dies nicht in Ecuador passiert. Ziemlich sicher wurde ihr diese solide Verstärkung und Erweiterung der Sicherheitsvorkehrungen in der Schweiz verpasst. Denn wer würde einen so schön gestalteten, in gelben und blauen Farbtönen bemalten und beschrifteten Behälter, den er mit den prächtigsten gelben Bananenbüscheln für den Versand hatte dekorieren lassen, dermassen verunstalten? Nachdem er ihn mit der Aufschrift (Gelb auf Blau) «Bananas» und dem Ruf «oké» noch zusätzlich verschönert hatte.

Nein, die Urheberin der Verklebung muss die Frau gewesen sein, die den Firehousebuster bei tutti.ch eingestellt hatte, so dass ich ihn dort entdecken und erstehen konnte. Sie war vermutlich vor einer gewissen Zeit umgezogen und hatte in der Schachtel offensichtlich ihre Schuhe gezügelt. Das Rätsel mit der Zahl 24 zu lösen, das schaffe ich hingegen nicht. Das Spiel mit den Feuerwehrleuten ist jedenfalls unbeschadet angekommen und, wie die Verkäuferin auf tutti.ch beteuert hatte, originalverpackt. Genau wie einst die kostbaren Früchte aus Lateinamerika. Es reiste eingebettet in mehrere Lagen Zeitungspapier, aus denen sich mir eine Vielzahl von Geschichten aufdrängte, die ich vielleicht ein andermal erzähle.

Der Kleine brach in Freudenrufe aus, als er an seinem Geburtstag das grosse Paket, die festlich verpackte Kiste sah und sofort den Schluss zog, dass ich tatsächlich das Ghostbuster Firehouse für ihn besorgt hatte. Desgleichen seine Mutter, die sich, kaum war das Ding von allen Papieren und Bändern befreit, flugs der Kleinteile annahm, um sie zusammenzustecken.

«Möchte er das vielleicht nicht selber machen?», warf ich ein. Ich dachte, es könnte für seinen Tastsinn und sein technisches Empfinden eine Lust sein, es allein zustandezubringen. Aber seine Mutter sagte, er könne das noch nicht, und fuhr enthusiastisch fort, diesen Firehousebuster zum Leben zu erwecken. Als sie damit fertig war, begannen die kleinen Gäste irgendein geheimnisvolles Spiel, von dem nur sie den genauen Inhalt kannten.

Mir, der einstigen Kindergärtnerin, wollten sich vor lauter Plastik und stereotypen Spielfiguren mit den steifen Gliedern beinah die Haare sträuben. Wenn aber Kinder Wünsche haben, müssen sich die Grossmütter, so viel habe ich nach sieben Enkelkindern begriffen, mit ihren persönlichen Vorstellungen von geeignetem Spielzeug zurückhalten. Zumal die Läden, die hölzerne Spielsachen noch führen, rar geworden sind. Ja, und der Preis, den ich für ein Ghostbuster Firehouse aus Buche oder Birke samt Zubehör hätte zahlen müssen, falls es denn erhältlich gewesen wäre, wäre gewiss zehnmal höher gewesen.

Zum Abschluss des kleinen Festes gab es für alle Gäste und das Geburtstagskind zwar kein Bananasplit, sondern einen Kuchen mit sieben Kerzen, aber dann nahm ich die ungefüge Schachtel wieder zu mir nach Hause, denn bald ziehe auch ich um und brauche jede Kiste, sei sie noch so bemalt und verklebt.

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