Milch, Meer und Mangel
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Hungerdemonstration gegen die Teuerung vor dem Regierungsgebäude in Luzern, 1917. (Bild: zvg. Museum Burg Zug)

Milchknappheit und Nestlé-Produkte Milch, Meer und Mangel

2 min Lesezeit 20.05.2016, 09:15 Uhr

Milch findet man zwar noch immer in den meisten Schweizer Haushalten, doch sie gehört nicht mehr zu unseren Grundnahrungsmitteln. Es ist noch nicht so lange her, als bei uns Milchprodukte im Überfluss produziert wurden – jedenfalls bis zur Milchknappheit in den Jahren 1914–1918.

Furzende Kühe, Veganismus und die Sorge um Gesundheitsrisiken drücken auf das Image des wichtigsten Produkts des Milchlands Schweiz.

Zwar gehören Milchprodukte nach wie vor zu den wichtigsten Nahrungsmitteln der Schweizer Bevölkerung; trotzdem trinkt heute mehr als ein Drittel gar keine Milch mehr. Im Schnitt sind es noch zwei Deziliter pro Tag und Person.

Vor 100 Jahren war man weit entfernt von solchen Diskussionen über klimatische Folgen oder gesundheitliche Risiken des Milchkonsums. Milch war eines der Grundnahrungsmittel.
Sie wurde im Überfluss produziert und als Käse und Kondensmilch in die ganze Welt exportiert. Vor dem Ersten Weltkrieg stand der Bevölkerung pro Kopf ein knapper Liter Trinkmilch zur Verfügung.

Kondensmilch auf hoher See

In der Zentralschweiz war die Kondensmilchfabrik in Cham die wichtigste Milchabnehmerin. Rund 1’000 Bauernhöfe aus der näheren und weiteren Umgebung lieferten ihre Milch in die «Milchsüdi» von Nestlé.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs lieferte die Schweizer Kondensmilchindustrie ein Drittel der Weltproduktion. Die Nachfrage nach der haltbaren Milch stieg in den Kriegsjahren enorm.
Ab 1915 verköstigte Nestlé die britische Marine mit Kondensmilch – der Absatz verfünffachte sich innert Jahresfrist.

Vom Überfluss zum Mangel

Bis 1916 funktionierte die Milchversorgung auch in den Städten relativ gut. Schon 1914 hatte der Bundesrat die Wichtigkeit einer ausreichenden Versorgung erkannt und die Milchverwertung und den Käseexport eingeschränkt sowie die Frischmilch subventioniert.

«Wer es sich noch leisten konnte, durfte einen halben Liter Milch pro Tag einkaufen.»

Schliesslich wurde der ganze Milchmarkt staatlich monopolisiert. Doch diese behördlichen Massnahmen zur Nahrungssicherung blieben Stückwerk; die vom Ausland abhängige Schweiz war nicht vorbereitet auf einen langen Krieg: Ab 1917 wurden die Nahrungsmittel knapp, die Kondensmilchproduktion in Cham eingeschränkt und schliesslich eingestellt.

Frischmilch wurde selbst im viehreichen Uri knapp. Sommers weilten die Kühe auf der Alp, die Milch für die Versorgung im Tal lieferten bisher die Luzerner und Zuger Bauern. Diese setzten sie nun in ihren eigenen hungernden Zentren ab.

Der Bauch bleibt halb leer

Trotz staatlicher Verbilligung wurden Milch und andere Nahrungsmittel immer teurer. Im August 1917 protestierten über 3’000 Arbeiterinnen und Arbeiter an einem Hungermarsch nach Luzern gegen die Teuerung. 700’000 Menschen oder ein Fünftel der Bevölkerung der Schweiz war auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Erst 1918 führte der Bund die Rationierung der wichtigsten Grundnahrungsmittel ein. Wer es sich noch leisten konnte, durfte einen halben Liter Milch pro Tag einkaufen – die Hälfte der Vorkriegsmenge.

Die Ausstellung «14/18 – Die Schweiz und der Grosse Krieg» ist derzeit im Museum Burg Zug zu sehen.

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