Welterbe der Pfahlbau-Fundstellen in der Zentralschweiz Eine versunkene Welt sichtbar machen

14.05.2021, 11:01 Uhr 4 min Lesezeit
Ein Taucharchäologe dokumentiert die Situation der Fundstelle Oterswil Inseli. (Bild: Jochen Reinhard, Amt für Denkmalpflege und Archäologie Zug)
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Ein Taucharchäologe dokumentiert die Situation der Fundstelle Oterswil Inseli. (Bild: Jochen Reinhard, Amt für Denkmalpflege und Archäologie Zug)

Vor zehn Jahren hat die Unesco die prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen zum Weltkulturerbe erklärt. 111 archäologische Stätten aus sechs Staaten bilden gemeinsam ein Welterbe, davon sind acht aus der Zentralschweiz. Besucht werden können sie jedoch nur von den Mitarbeitern der kantonalen Tauchequipen, die für die Kontrolle und Untersuchung der Unterwasser-Fundstellen zuständig sind. Fürs Publikum wird die Pfahlbauzeit dennoch erlebbar.

Die Fundstellen stammen aus der Zeit von 4’500–800 v. Chr. und liegen heute grösstenteils mehrere Meter tief unter der Erde oder auf dem Seegrund. Exakt ihre Lage unter Wasser war für die Unesco ausschlaggebend, die Pfahlbau-Fundstellen zum Welterbe zu erklären. Diesem Umstand verdanken die Fundstellen ihre exzellente Erhaltung. Unter Wasser sind die Fundstätten abgeschlossen von Sauerstoff. Dadurch hat sich in den Fundschichten eine Fülle organischer Bestandteile erhalten, die wertvolle Informationen über das Leben in der Pfahlbauzeit liefern.

Detailliertes Bild der Pfahlbauer

Hölzer etwa geben Hinweise auf die Bautechnik der Häuser und können dank der Jahrringe exakt datiert werden. Pflanzenreste erzählen von der Ernährung und Bekleidung der Menschen, Knochen geben Auskunft über Haustiere. In der Summe zeichnen diese Informationen ein detailliertes Bild des Alltags in der Pfahlbauzeit, aber auch der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung dieses menschheitsgeschichtlich bedeutenden Zeitraums.

Die Pfahlbau-Epoche begann Ende des 5. Jahrtausends v. Chr., als sich nördlich der Alpen Menschen an den Ufern der Seen niederliessen. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich vor allem die Landwirtschaft, was die Ernährungsgrundlage der Menschen in der Jungsteinzeit nachhaltig verbesserte. Gleichzeitig erfolgten erste Schritte des Metallhandwerks (Kupfer), bis sich schliesslich um 2000 v. Chr. die Bronze als Werkstoff durchsetzte. Die Metallurgie wurde zur «Schlüsseltechnologie».

Sichtbar machen statt besichtigen

Die Fundstellen unter Wasser bergen ein immenses Reservoir an Informationen zur Stein- und Bronzezeit und müssen erhalten und geschützt werden. Dazu verpflichtet insbesondere auch das Unesco-Label «Welterbe». Die meisten der Fundstellen liegen in unmittelbarer Nähe des heutigen Seeufers, einer von Menschen stark genutzten Zone. Neben den natürlichen Zersetzungsprozessen sind sie auch intensiver Bautätigkeit ausgesetzt.

Es ist nicht ganz einfach, die Öffentlichkeit für den Schutz von archäologischen Stätten zu sensibilisieren, die nicht sichtbar sind. Vor Ort informieren lediglich Tafeln. Das versunkene Welterbe muss deshalb auf anderen Wegen «sichtbar» gemacht werden.

Geschichte als Erlebnis

Verschiedene Museen und Institutionen in der Zentralschweiz haben sich die Vermittlung der Pfahlbauten zur Aufgabe gemacht. Im Kanton Zug ist es das Museum für Urgeschichte(n), das für die ur- und frühgeschichtlichen Funde zuständig ist. Funde aus Pfahlbauten machen einen Grossteil der Exponate aus und erweisen sich dank lebensnaher Präsentation und thematischen Sonderausstellungen als starker Publikumsmagnet.

Einige der eindrücklichsten Funde stammen aus eben jenen Fundstellen mit Label, beispielsweise aus den spätbronzezeitlichen Dörfern bei Zug-Sumpf. Diese sind mehrmals abgebrannt, die Menschen mussten ihre Häuser fluchtartig verlassen und hinterliessen eine grosse Zahl von Alltagsgegenständen. Oder die Fundstelle Zug-Riedmatt: Sie zeichnet sich durch exzellent erhaltene Holzgegenstände aus. Viele dieser Funde sind heute im Museum für Urgeschichte(n) ausgestellt. Sie können nicht nur passiv bestaunt werden, vielmehr macht es das Museum mit erlebnisorientierten Veranstaltungen möglich, die versunkene Pfahlbauwelt aktiv zu erleben.

10 Jahre Welterbe

Bis vor zehn Jahren gab es in der Zentralschweiz kein Unesco-Kulturerbe, inzwischen sind es sogar mehrere Stätten, die mit diesem Label ausgezeichnet wurden. Schweizweit zählen insgesamt 56 Seeufersiedlungen zum Welterbe. Zuständig für deren Erhalt und Schutz sind die kantonalen Ämter für Archäologie. Sie und die Museen kümmern sich auch um die Vermittlung. Im Wauwilermoos LU wurden drei Pfahlbauhäuser rekonstruiert und als «Infopavillons» eingerichtet. Am Hallwilersee bei Seengen AG wurde eben ein neues Pfahlbauhaus errichtet, und das Museum Burghalde in Lenzburg hat 2019 die Ausstellung der prähistorischen Funde erneuert. Im Museum für Urgeschichte(n) Zug steht in den nächsten Jahren ein grösserer Umbau an.

Primäres Ziel all dieser Massnahmen ist es, das Unesco-Welterbe sichtbar zu machen sowie Leben und Alltag in diesen vergangenen Epochen erlebnisorientiert zu vermitteln.

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