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Aus Scham: Zuger fliegen weniger, aber…
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Die Zuger fliegen immer noch leidentschaftlich gerne. (Bild: CC Wikipedia/Montage wia)

Klimastreiks beeinflussen Reiseverhalten Aus Scham: Zuger fliegen weniger, aber…

5 min Lesezeit 1 Kommentar 06.07.2019, 11:44 Uhr

Im Zuger der Klimadebatte werden Flugreisen je länger je mehr verteufelt. Tatsächlich? Zuger Reisebüros kennen die Thematik. Und: Ein Experte nimmt die Jungen in die Pflicht.

«Flygskam» – oder auf deutsch Flugscham. Es ist momentan eines der Schlagworte, wenn es um die Klimadebatte geht.

In Schweden hat der Trend, sich für klimaschädliches Verhalten, insbesondere Flugreisen, zu genieren, schon vor einigen Jahren eingesetzt. Einer der Vorreiter ist ein ehemaliger Weltcup- und Olympiasieger: Björn Ferry. Der frühere Biathlet liess sich vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen einzig unter der Bedingung als Kommentator anstellen, dass er für den Job keine Flugreisen unternehmen muss. Obwohl es alleine von seinem Wohnort zum Studio nach Stockholm rund 800 Kilometer sind.

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«Wir haben einige Kunden gehabt, die uns auf dieses Thema angesprochen haben.»

Joe Bucher, Geschäftsführer Reisebüro Tramax

Als Reaktion auf die Flugscham können die schwedischen Staatsbahnen ein deutliches Plus verzeichnen, was die Belegung der Nachtzüge innert der Landesgrenzen anbelangt. Selbiges gilt für Interrail-Tickets. Auf der anderen Seite ist die Zahl der Flugpassagiere letztes Jahr leicht zurückgegangen.

Lieber alleine, dafür mit dem Zug

Stellt sich die Frage, ob der schwedische Klimaflieger auch schon in Zug gelandet ist – einem Kanton, der nicht zwingend als grün bekannt ist.

Joe Bucher, Geschäftsführer des Zuger Reisebüros Tramax, sagt: «Wir haben einige Kunden gehabt, die uns auf dieses Thema angesprochen  haben. Eine Gruppe wollte beispielsweise mit dem Flugzeug nach Wien reisen. Einer davon meldete sich und sagte, er wolle lieber alleine mit dem Zug fahren.»

Bei den Geschäftsreisen nichts Neues

Es seien eher junge Leute, die für das Thema sensibilisiert seien. Tramax bietet ausserdem Geschäftsreisen an. «Dort spüren wir keinen Unterschied», so Bucher.

«Manchmal muss ich den Leuten schon ins Gewissen reden.»

Therese Spillmann, Geschäftsführerin Reisebüro Acapa Tours

Er ist sich nicht sicher, ob der Flugscham-Trend anhalten wird. «In der Regel setzen die Leute auf die bequemere Variante – und das ist oftmals das Flugzeug.» Er halte es allerdings für absolut sinnvoll, auf das Flugzeug zu verzichten, wenn es nicht sein muss und tue dies auch selbst, wenn es etwa nach Mailand oder München geht.

Eine Woche nach Tahiti

Therese Spillmann betreibt in Baar mit Acapa Tours ein Ein-Frau-Reisebüro. Sie habe viele langjährige und ältere Kunden, welche sich ihre Destinationen – auch in Übersee – sehr bewusst aussuchten und sich mit dem Land auseinander setzen wollten. Entsprechend spüre sie momentan die Auswirkungen einer möglichen Flugscham kaum.

«Doch manchmal muss ich den Leuten schon ins Gewissen reden», sagt Spillmann. Sie erinnert sich, als eine Gruppe für eine Woche in die Südsee nach Tahiti reisen wollte – und dies zum Preis einer Kanaren-Reise.

Mehr «Bähnler» über Ostern und Pfingsten

Seit Mai bietet Reiseanbieter Kuoni an, die Hälfte der Kosten für ein Klimakompensationsticket selbst zu berappen, sprich der Kunde zahlt nur die Hälfte. Mediensprecher Markus Flick sagt: «Dadurch ist die Zahl der Leute, welche ein solches Ticket bezahlen, im Mai um zehn Prozent gestiegen.»

Man spüre bei Kuoni, dass die Nachhaltigkeit an Bedeutung gewinne. So habe in Zug über Ostern und Pfingsten die Nachfrage nach Städtereisen mit dem Zug zugenommen. «Es kann gut sein, dass dies im Zusammenhang mit der Klimadebatte steht», so Flick.

«Die Flugscham kann unterschiedlichste Anpassungen und Verhaltensmuster rund um das Flugverhalten mit sich bringen.»

Jürg Stettler, Leiter Institut für Tourismuswirtschaft

Allerdings gehe dieses Plus nicht zwingend auf Kosten der Flugbuchungen. «Das Flugzeug ist halt schnell und günstig», sagt Flick.

Ausserdem gelte es abzuwarten, ob die Tendenz in Richtung Zugreisen über längere Zeit anhalten wird, denn die Reisefreudigkeit werde nicht abnehmen. «Für teurere und längere Reisen wird das Flugzeug vorerst das Transportmittel der Wahl bleiben. Doch dass es innerhalb von Europa eine Verlagerung auf die Schienen geben wird, ist durchaus möglich.»

Flugscham als Teil der Debatte

Dies glaubt auch Jürg Stettler, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern. Laut ihm ist die Flugscham ein Thema, welches in vereinfachter Weise in drei Phasen eingeteilt werden könne. «Für die erste Phase braucht man das Wissen, dass Flugreisen negative Auswirkungen auf das Klima haben.»

In Phase zwei erfolge die persönliche Sensibilisierung: «Man selbst spielt eine Rolle und das eigene Verhalten hat Auswirkungen auf das Klima.» In der dritten Phase gehe es darum, das Wissen und Bewusstsein in sein konkretes Handeln umzusetzen, wie Stettler erklärt. Wer sich für sein Flugverhalten schämt, befinde sich aktuell in den Phasen zwei und drei.

Skurrile Auswüchse

Stettler weiter: «Die Flugscham kann unterschiedlichste Anpassungen und Verhaltensmuster rund um das Flugverhalten mit sich bringen. Beispielsweise, dass manche kein Fleisch mehr essen, um dafür beim Fliegen kein schlechtes Gewissen haben zu müssen.»

Ein solcher Fall zeige, dass man entweder zu wenig über die Zusammenhänge und Grössenordnungen der Klimarwirkungen des Fliegens und Fleischkonsums wisse oder es zwar wisse, aber auf diese Art zu verdrängen versuche, um sein Flugverhalten nicht ändern zu müssen.

Flugreisen werden weiter zunehmen

Stettler betont, dass für die Flugreisen der Schweizer sowie generell ein grosses Wachstum prognostiziert sei. «Es ist möglich, dass dieses Wachstum aufgrund der Klimadebatte abgeschwächt wird – eine Abnahme ist hingegen aktuell aufgrund von diesem Phänomen nicht zu erwarten.»

Positiv sieht er die Sensibilisierung der Kinder und Jugendlichen. Diese könne man vereinfacht auch in drei Gruppen einteilen. Jene, die ihr (Flug-)verhalten effektiv ändern, jene, die zwar die Absicht dazu hätten, aber ihr Verhalten noch nicht angepasst haben und jene, denen die ganze Debatte egal ist. «Wie gross die einzelnen Gruppen sind, weiss ich nicht», sagt Stettler. «Wenn die erste Gruppe zu klein ist, wird sich wohl nicht viel verändern.» Denn man dürfe nicht vergessen, dass das Reisebedürfnis von Herr und Frau Schweizer ungebrochen sei.

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1 Kommentare
  1. Dörflinger André, 07.07.2019, 21:07 Uhr

    Die verdichtete Wohnungslage in den grösseren Ortschaften veranlasst die hiesige Massen-bevölkerung immer mehr, dieser leidigen Lebensqualität auszuweichen durch die Flugreisereisucht, die seit den 1980ern immer günstiger wurde. Dieser Massentourismus dann ab den 1990ern ist wirklich beängstigend: Heute, 2019, stöhnen auch bekannteste Schweizer Tourismus-Orte wie Interlaken, Luzern darunter, wie sie von MASSEN-Strömen von Fernostasiaten überrannt werden. (7.7.19)