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Die Konzernverantwortungsinitiative gibt viel zu reden – die Betroffenen in Zug sind aber erstaunlich still. (Bild: bic)

Glencores Absage und die Stille in Zug Auffallend: Wieso sich die Grosskonzerne so zurückhalten

6 min Lesezeit 5 Kommentare 22.11.2020, 05:00 Uhr

Im Raum Zug hat es mehrere grosse Konzerne. Von ihnen ist in der laufenden Debatte zur Konzernverantwortungsinitiative zumeist wenig zu vernehmen. Warum eigentlich?

Schlussspurt bei der Konzernverantwortungsinitiative (KVI). Klar scheint: Dem Ständemehr dürfte eine entscheidende Rolle zukommen. Es geht um viel – entsprechend wird mit harten Bandagen gekämpft. Verbände, Politik und KMU melden sich zu Wort. Stellt sich die Frage: Wo bleiben eigentlich die Konzerne selber in der ganzen Debatte?

Immerhin ist die Initiative unmittelbar an sie gerichtet. Gerade im Raum Zug gibt es gleich mehrere Unternehmen, die Adressaten der KVI sind. Andrea Hochstrasser, Verantwortliche Lokalkomitees der KVI, erwähnt dabei insbesondere die Zuger Rohstoffhändler, namentlich die MET Group, die Kolmar Group oder den Tiefseebohrkonzern Transocean.

Glencores Absagen gegenüber SRF

Von den meisten Zuger Konzernen hat man in Zusammenhang mit der KVI-Vorlage wenig bis gar nichts vernommen. Mitte November gab es zwar ein grosses Interview mit Glencore-CEO Ivan Glasenberg in der NZZ. Sonst aber?

Die betroffenen Konzerne würden selber praktisch nicht Stellung nehmen – dies vor allem nicht in kontradiktorischen Kontexten, sagt Rahel Ruch vom KVI-Komitee.

Warum nahm zum Beispiel niemand von Glencore an den einschlägigen Diskussionssendungen von SRF teil? Dazu Carmen Hefti-Salvadori, Mediensprecherin von SRF: Für den «Club» am 13. Oktober zum Thema «Verantwortung der Konzerne – Wie weit soll sie gehen?» sei Glencore angefragt worden. Leider habe die Redaktion eine Absage erhalten und den Verweis auf die Website von Glencore, wo weiterführende Informationen über ihre Aktivitäten zu finden seien.

«War uns nicht möglich teilzunehmen»

Bei der ersten Abstimmungsarena zur KVI sei Glencore nicht eingeladen worden. In anderen Fällen, als es um die Initiative ging, hingegen schon. Den Umstand, dass Glencore nicht teilnehmen wollte, habe die «Arena» jeweils in den betreffenden Sendungen transparent gemacht. Auch für die Abstimmungsarena vom 20. November sei Glencore explizit eingeladen worden, habe aber abgesagt.

«Leider besteht ein Grossteil der Kampagne des Initiativkomitees darin, irreführende Informationen über Glencore zu verbreiten.» 

Sarah Antenore, Glencore

Auf Anfrage schreibt Sarah Antenore, Mediensprecherin von Glencore International AG: «Es war uns nicht möglich, an den SRF-Sendungen ‹Arena› und ‹Der Club› teilzunehmen. Wir haben die Verantwortlichen jeweils darüber informiert, dass wir die Position vom Bundesrat, Parlament und den Schweizer Wirtschaftsverbänden befürworten und den indirekten Gegenvorschlag unterstützen.»

Komitee widerspricht Glencore

«Leider besteht ein Grossteil der Kampagne des Initiativkomitees darin, irreführende Informationen über Glencore zu verbreiten», so die Glencore-Sprecherin weiter. «Entsprechend korrigieren wir falsche und irreführende Informationen über Glencore und seine Betriebe, wann immer dies notwendig ist.»

Tom Cassee vom Initiativkomitee entgegnet: «Offensichtlich will Glencore nicht für Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung geradestehen. Der Rohstoffkonzern nutzt die Situation in denjenigen Ländern aus, welche über keine funktionierende Justiz verfügen.» Deshalb brauche es die Initiative.

«Unser Unternehmen ist unpolitisch»

Eine andere Zuger Rohstoff-Firma ist die Kolmar Group AG mit Sitz an der Baarerstrasse 18 in Zug. Auf Anfrage erklärt ein Sprecher der Firma: «Unser Unternehmen ist unpolitisch und möchte die öffentliche Debatte in keiner Weise beeinflussen. Aufgrund dessen hat die Kolmar Group AG keine Mittel in die Initiative investiert – weder um diese zu unterstützen noch um sie zu bekämpfen.»

Keine Antworten waren vom Tiefseebohrkonzern Transocean und von der MET Group erhältlich.

Kaum Angaben zum finanziellen Engagement

Weiss man aber, wie viel Zuger Konzerne in die aktuelle Kampagne investieren? Tom Cassee, Mediensprecher der Konzernverantwortungsinitiative, hat dazu Angaben bezüglich Glencore. Der Zuger Glencore-Konzern habe eine «Weltwoche»-Sondernummer zu Wirtschaft und Verantwortung mitfinanziert. Zudem sei Glencore Mitglied bei Swissholdings und finanziere so die Nein-Kampagne mit. Ausserdem sponsere Glencore auf Twitter Beiträge gegen die Initiative.

Glencore-Sprecherin Sarah Antenore erklärt dazu, Glencore sei Mitglied bei diversen Wirtschaftsverbänden. Dazu würden Swissholdings und die Zuger Wirtschaftskammer gehören. Nähere Angaben zu den oben erwähnten Ausführungen des Pro-Komitees und zur Frage, wie viel Glencore finanziell in die aktuelle Kampagne investiere, sind von Glencore nicht erhältlich.

«Über Details geben wir keine Auskunft»

Bekannt ist, dass die Kommunikationsagentur Furrerhugi für Glencore arbeitet. Man lege alle politischen Mandate offen, dazu gehöre auch Glencore, sagt Andreas Hugi von der Agentur auf Anfrage. Furrerhugi sei als eine von verschiedenen Agenturen von Economiesuisse für die Gegenkampagne gegen die Initiative engagiert worden.

«Firmen können so vermeiden, dass es unangenehme Fragen gibt und sie etwa über bestimmte Fälle ihrer Firmen Auskunft geben müssen.»

Georg Lutz, Politologe

Furrerhugi betreue dabei das «Wirtschaftskomitee Nein zur UVI» sowie das «Ethik-Komitee», welche beide von der Vereinigung Succèsuisse getragen würden. «Über Details unserer Mandatsverhältnisse geben wir keine Auskunft», sagt Hugi. Dafür müsse man sich an Economiesuisse wenden. Doch auch dort teilt Roberto Colonnello mit: «Wir geben keine Budgetzahlen bekannt.»

Die Vermeidung unangenehmer Fragen

Der Politologe Georg Lutz von der Universität Lausanne bestätigt, dass in der KVI-Debatte von den Konzernen selber wenig zu vernehmen war: «Ja, das sehe ich auch so. Die Direktbetroffenen sind nicht sehr präsent.» Er sieht verschiedene Gründe dafür. Viele CEOs grosser Firmen seien gar nicht Schweizer Staatsbürger und es beherrschten wohl auch nicht alle eine Landessprache.

«Das macht sich in einer Abstimmungsdebatte in der Schweiz nicht so gut. Zudem können Firmen so vermeiden, dass es unangenehme Fragen gibt und sie etwa über bestimmte Fälle ihrer Firmen Auskunft geben müssen.» Es gebe immer wieder Fälle, wo Direktbetroffene nicht gross in Erscheinung treten würden. «Wer sich daran stört, soll versuchen, das auszuschlachten.»

Eine gezielte PR-Strategie

Peter Ulrich, emeritierter Professor für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen und Befürworter der Initiative, sieht in der Zurückhaltung der Konzerne eine gezielte PR-Strategie: «Man will ablenken vom problematischen Verhalten der eher unbeliebten Konzerne in schwach regierten Ländern, wo sie ihre Investitionsmacht teilweise zur Durchsetzung ihrer kostensparenden Interessen missbrauchen.»

Um die wie immer verwendeten Standardargumente gegen Volksinitiativen einsetzen zu können, würden die «bürgernahen» KMU vorgeschoben. «Dass nur ganz wenige von diesen tatsächlich unter die vorgesehene Sorgfaltspflicht fallen, wird von der Gegenkampagne ausgeblendet – fast als ob wir uns in die US-Politik verirrt hätten.»

Der Wille zu einer wahrhaftigen Debatte auf Augenhöhe fehle da ganz offensichtlich – es gehe anscheinend um zu viel Geld. Die Grosskonzerne würden sich auffallend zurückhalten und lieber die angeblich betroffenen KMU vorschieben.

Wer mehr in Werbung investiert

Die Stimmbevölkerung wird von Befürwortern und Gegnern der Konzernverantwortungsinitiative mit vielen Inseraten und Argumenten eingedeckt. Gemäss dem «Tagesanzeiger» handelt es sich um den wohl kostspieligsten Abstimmungskampf der Geschichte. Die beiden Seiten geben demnach zusammen über 18 Millionen Franken aus.

Einer Mitteilung der Année Politique vom Institut für Politikwissenschaften der Universität Bern ist Folgendes zu entnehmen: «Entgegen der weit verbreiteten Vermutung kämpfen die beiden Lager bei der KVI zumindest hinsichtlich Zeitungsinseraten nicht mit gleich langen Spiessen. Wie bei Initiativen üblich, inseriert die Gegnerschaft wesentlich häufiger (71,5% zu 29,5%) als die Unterstützerseite.»

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5 Kommentare
  1. igarulo, 22.11.2020, 18:15 Uhr
  2. Andreas Peter, 22.11.2020, 10:13 Uhr

    Da würde ich auch schweigen
    In unserer infantilisierten Gesellschaft gewinnen die Moralisten immer, da hält man lieber die Klappe.
    Es ist traurig zu sehen, wie unser Stimmvolk durch jahrzehntelange linke Propaganda verblödet wurde und einfachste Zusammenhänge nicht mehr erkennt.

    1. Hans Peter Roth, 22.11.2020, 12:26 Uhr

      Vielleicht könnten Sie einmal von Ihren Verschwörungstheorien ablassen und etwas zur Sache schreiben. Zum Beispiel, ob gemäss Ihren Moralvorstellungen – sofern überhaupt vorhanden – Kinderarbeit ok ist? Schweigen Sie lieber zu den Tatsachen, damit Sie nicht öffentlich bekennen müssen, dass für Sie Profit wichtiger ist als Menschenrechte?

    2. Andreas Peter, 23.11.2020, 17:30 Uhr

      @Roth: Sie bedienen genau das Klischee.
      Die Antwort auf Ihre Frage steht im obigen Beitrag.
      Es geht um die Umsetzung und nicht darum, ob man Kinderarbeit geil findet.
      Weiter denken und nicht nur Moralinpunkte sammeln!

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