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Alternative Fakten um einen Scherbenhaufen
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Überzeugend: Alina Vimbai Strähler und Christian Baus im «unzerbrochenen Krug». (Bild: zvg/Ingo Höhn)

«Der unzerbrochene Krug» am Luzerner Theater Alternative Fakten um einen Scherbenhaufen

3 min Lesezeit 17.11.2017, 11:20 Uhr

Die Vorlage zur Uraufführung von «Der unzerbrochene Krug» ist ein einziger Scherbenhaufen. Das wurde an der Premiere am Donnerstag nachdrücklich unter Beweis gestellt. Regisseur Bram Jansen präsentiert alternative Fakten zu Heinrich von Kleists berühmtem Klassiker und setzt dabei an der richtigen Stelle an.

Die Frage stellt sich wie in einem Krimi: Wer hat den Krug zerbrochen? Die Antwort verbirgt sich nur vorgeblich im Dunkeln, denn der Fall scheint von Anfang an klar: Es war Adam, der Dorfrichter, der in einem beschämenden Prozess seine eigene Schuld ans Licht bringen muss. Licht ist auch der Name des ehrgeizigen Schreiberlings, dem die Scherben mehr als jedem anderen Glück zu bringen scheinen.

Zum Fall Adams gehört natürlich auch eine junge Eve, die mit der angeblichen Wahrheit lange hinter dem Busch hält. Dahinter versteckt sich Ruprecht, ihr Verlobter, der den Krug partout nicht zerbrochen haben will, während Frau Marthe, die Mutter Eves, den Verlust des heilen Kruges lauter beklagt als alle anderen.

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Am Ende des Lustspiels scheint die Sachlage offenkundig – zu offenkundig, wie Regisseur Bram Jansen und sein Team treffend beobachten. Ausgangspunkt ist dabei folgende interessante Frage: Was für Krüge lassen sich aus den Scherben zusammensetzen? Schnell wird klar, dass die Möglichkeiten mannigfaltig sind und die Teile nicht alle zusammenpassen.

Verschiedene Deutungen

Aus dieser Erkenntnis heraus gestaltet sich auch die Form des gut einstündigen Theaterstücks in der Box des Luzerner Theaters. In sich wiederholenden Sequenzen werden verschiedene Optionen zur Deutung einer bestimmten Aussage in den Raum gestellt – und dort auch stehen gelassen.

Wie ensteht Wahrheit? Christian Baus in der Box des Luzerner Theaters.

Wie ensteht Wahrheit? Christian Baus in der Box des Luzerner Theaters.

(Bild: zvg/Ingo Höhn)

Eine ausführlichere Auseinandersetzung einzelner Aspekte fand keinen Platz. Auf szenischer Ebene bot diese Herangehensweise dafür grossartige Möglichkeiten, Ausschnitte aus Kleists Originaltext zu spielen und zudem eigene Interpretationen sprechen zu lassen. Letztere wurden besonders in non-verbalen Handlungen zum Ausdruck gebracht.

Unterschiedlichste Interpretationen

Ein Kaleidoskop unterschiedlichster Interpretationsansätze und Grenzbereiche tut sich so auf: Adam und Eve hatten eine Affäre. Eve wurde von Adam vergewaltigt. Eve wurde von Ruprecht vergewaltigt. Ruprecht lügt. Eve und Ruprecht wollten zusammen durchbrennen. Eve lügt. Frau Marthe will ihre Tochter schützen. Frau Marthe hat kein Verständnis.

Dramaturg Hannes Oppermann über die Inszenierung:

Leider wird auch im «Unzerbrochenen Krug» wie auch in der übrigen Rezeption um das Stück vornehmlich Frau Marthes Rolle als Mutter thematisiert. Dass es sich bei ihr um eine alleinstehende Witwe handelt, wird nirgends erwähnt. Finessen der durchaus gelungenen Interpretationen würden einem dabei aber entgehen, hätte man sich noch nie mit der Kleistschen Vorlage auseinandergesetzt.

Andererseits kommt man auch durch humoristische Pointen auf seine Kosten. Aussagen innerhalb gefilmter Interviews (Videos: David Röthlisberger), die anfangs eingeblendet wurden, brachten durch den alltagsnahen Zugang das Publikum zum Lachen. Oder wann haben Sie das letzte Mal zu einem dieser philosophisch-gelben Reclam-Büchlein gegriffen (sofern nicht in einem Germanistikstudium)?

Überflüssige Begleitklänge

Authentisch war auch Christian Baus’ Auftritt als Richter Adam. Darüber hinaus waren sämtliche Rollen sehr passend besetzt. Als gänzlich überflüssig, wenn nicht ablenkend, boten sich die freitonalen Begleitklänge dar. Schauspiel und Setting vermochten Atmosphäre genug aufzubauen.

Sowohl Interviews als auch Stück richteten schliesslich den Fokus immer wieder auf die letzte aller Fragen und deren Antwort. Und schlugen mit deren Nicht-Existenz immer wieder den wichtigen Bogen von Kleist als Zeitgenosse Goethes hin zur Aktualität. Stichwort: Alternative Fakten. Und wer hat denn jetzt den Krug zerbrochen? Falsche Frage, würde Jansen wohl erwidern.

Bis 22. Dezember, Box Luzerner Theater

Wer ist für den Scherbenhaufen verantwortlich? Szene aus dem «unzerbrochenen Krug».

Wer ist für den Scherbenhaufen verantwortlich? Szene aus dem «unzerbrochenen Krug».

(Bild: zvg/Ingo Höhn)

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