Uni-Studienleiter gegen Papst-Botschafter
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Markus Arnold, Theologe an der Universität Luzern, erklärt im Interview mit zentral+, was den neuen päpstlichen Botschafter in der Schweiz so gefährlich macht. (Bild: azi)

Widerstand gegen Vatikan aus Luzern Uni-Studienleiter gegen Papst-Botschafter

5 min Lesezeit 1 Kommentar 02.02.2016, 14:50 Uhr

«Er soll entweder ruhig sein oder die Schweiz verlassen», das fordert Markus Arnold über den päpstlichen Nuntius. Ein Studienleiter der Universität Luzern ist entsetzt darüber, dass man seitens des Vatikans einen «Hassprediger» als Botschafter in die Schweiz entsandt habe. Nun weibelt er für dessen Abberufung.

Die Schweiz beherbergt einen neuen Botschafter aus dem Vatikan: Thomas Gullickson heisst der 65-jährige Erzbischof aus den USA, der seit dem Herbst die offizielle Vertretung des Heiligen Stuhls in Bern ist. Was von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt vonstatten ging, hat innerhalb der katholischen Schweiz einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Als eine seiner ersten Amtshandlungen postete er ein Bild mit dem abgeschobenen Bischof Haas und blockierte Martin Werlen, den früheren liberalen Abt des Klosters Einsiedeln SZ. Doch damit nicht genug.

«Gullickson ist das, was man als Hassprediger bezeichnen würde.»
Markus Arnold, Luzerner Theologe

Thomas Gullickson ist kein unbeschriebenes Blatt. «Gullickson ist in erzkatholischen Kreisen das, was man in Zusammenhang mit dem fundamentalistischen Islam als Hassprediger bezeichnen würde», meint Markus Arnold, Theologe und Studienleiter des Religionspädagogischen Instituts der Universität Luzern, und betont: «Dieser Mann bedroht den religiösen Frieden in der Schweiz.» 

Thomas Edward Gullickson ist der Vertreter des Heiligen Stuhls in Bern.

Thomas Edward Gullickson ist der Vertreter des Heiligen Stuhls in Bern.

In liberalen Kreisen ist man über den neuen päpstlichen Botschafter so entsetzt, dass man gar dessen Absetzung fordert. Arnold setzt sich an vorderster Front dafür ein, dass der Nuntius, wie der päpstliche Botschafter genannt wird, «entweder ruhig ist oder die Schweiz verlässt», und hat am Freitag eigens dafür einen Brief an Bundespräsident Johann Schneider-Ammann geschickt.

Gemeinsam mit der Allianz «Es reicht!» fordert er den Bundesrat dazu auf, im Vatikan zu intervenieren. Ausserdem sollen die politisch Verantwortlichen die Äusserungen des Erzbischofs wachsam verfolgen. 

Unterstützer eines kriegerischen Katholizismus

Doch was genau macht den 65-Jährigen in den Augen liberaler Theologen so gefährlich? Gullickson sympathisiere unter anderem mit der umstrittenen Piusbruderschaft – und von Religionsfreiheit, Menschenrechten und Demokratie hält man in dieser Gemeinschaft nicht sonderlich viel. Er unterstütze einen kriegerisch anmutenden Katholizismus und scheue sich nicht davor, seine rechtskatholische Meinung in sozialen Medien zu verbreiten, sei dies via Twitter oder in seinem Blog, erklärt Arnold.

zentral+: Herr Arnold, Sie bezeichnen Thomas Gullickson als «erzkatholischen Hassprediger». Inwiefern trifft das auf den Nuntius zu?

Markus Arnold: Gullickson bezeichnet sich in einem Blog-Eintrag selbst als «stolzen Ultramontanisten», was bedeutet, dass er mit dem politischen Katholizismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sympathisiert. Dabei handelt es sich um eine erzkonservative Strömung, die sich gegen die damals aufkommenden Reformen in Bezug auf Demokratie, Menschenrechte und Religionsfreiheit wandte und einen regelrechten Kulturkampf führte. 

«Gullickson ist ein Diplomat, der dabei ist, Unfrieden zu säen und die katholische Schweiz zu spalten.»

Die Ultramontanisten waren die Hassprediger des 19. Jahrhunderts. Noch heute lehnt die Piusbruderschaft, für die sich Gullickson einsetzt, liberale Werte ab. In dem er sich öffentlich zu diesem fundamentalistischen Gedankengut bekennt, propagiert er längst vergangene Zeiten, die wir – Gott sei dank – längst hinter uns gebracht haben. Ausdruck unseres liberalen Rechtsstaates ist die Bundesverfassung, welche von Ultramontanisten ebenfalls bekämpft wurde. Ein Diplomat hat diese jedoch zu respektieren.

zentral+: Inwiefern ist das eine Gefahr für die Schweiz?

Arnold: Gullickson ist ein Diplomat, der dabei ist, Unfrieden zu säen und die katholische Schweiz zu spalten – alte und scheinbar längst überwundene Kluften wieder aufzureissen. Insbesondere kritisch sehe ich, dass er dazu mahnt, erzkonservative Kreise in die Kirche zu integrieren, und diese sogar als «Elite» bezeichnet. Ausserdem will er Pfarreien, die derzeit ohne Priester betrieben werden, schliessen. Der Mann hat keine Ahnung von der Situation der katholischen Kirche in der Schweiz und es ist ein Skandal, dass so einer überhaupt zum Nuntius ernannt wurde. Wer eine solche Haltung nach aussen trägt, ist meiner Meinung nach «ver-rückt» im eigentlichen Sinn des Wortes: Er steht neben der Realität.

zentral+: Wie kommt man seitens des Vatikans überhaupt dazu, einen solchen Fanatiker in die Schweiz zu entsenden?

Arnold: Dazu gibt es zwei verschiedene Theorien. Einerseits wird gemunkelt, dass Gullickson die Ukraine, wo er von 2011 bis 2015 Nuntius war, verlassen musste, weil er auch dort seine Meinung öffentlich kundtat. Dass man ihn daraufhin in die Schweiz entsandte, könnte damit in Zusammenhang stehen, dass man sich dachte, dass er hier kaum einen Schaden anrichten könnte. Andererseits könnte es auch reines Kalkül von konservativen Kreisen im Vatikan gewesen sein.

zentral+: Das bedeutet?

Arnold: Bischof Huonder wird 2017 seine Demission einreichen und es geht darum, seine Nachfolge zu regeln, wobei der Nuntius eine entscheidende Rolle einnimmt. Der Nuntius trägt für den Vatikan Einschätzungen zusammen und übermittelt drei konkrete Namen nach Rom. Nachdem diese vom Papst gutgeheissen sind, wird das Churer Domkapitel einen daraus wählen. Gerade der kürzlich verstorbene Schweizer Vatikan-Diplomat Stefan Stocker hatte ein Interesse daran, dass auf Huonder wiederum eine konservative Kraft die Leitung des Bistums Chur übernimmt.

«Ich kann mir kaum vorstellen, dass Franziskus einen solchen Fanatiker unterstützen würde.»

zentral+: Ist das denn auch im Sinne des Papstes?

Arnold: Der Papst ist nicht für die Auswahl der Botschafter verantwortlich, das übernimmt der Staatssekretär. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Franziskus einen solchen Fanatiker unterstützen würde, zumal Gullickson dauernd öffentlich gegen den Papst wettert. Man stelle sich vor, ein Schweizer Botschafter würde den Bundesrat öffentlich kritisieren – der würde sofort zurückgerufen.

zentral+: Und trotzdem ist Gullickson noch in der Schweiz …

Arnold: Es liegt am Schweizer Aussendepartement, zu entscheiden, ob Gullickson als Botschafter in der Schweiz tragbar ist oder nicht. Gemäss Völkerrecht muss der Bundesrat nicht jeden akzeptieren, der aus Rom entsandt wird. In meinem Brief an den Bundesrat – welcher übrigens nur einer von vielen ist – fordere ich den Bundespräsidenten auf, zu intervenieren. Entweder Gullickson ist fortan ruhig oder er soll die Schweiz verlassen. 

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1 Kommentare
  1. Anton Häfliger, 02.02.2016, 15:11 Uhr

    Solche religiöse Fanatiker gehören ausgeschafft. Egal welche Religion sie vertreten.
    Sie sind eine Gefahr für den Frieden in der Schweiz.
    Der Bundesrat muss hier handeln.
    Hat die katholische Kirche noch keine Lehren gezogen aus den vielen Kirchenaustritten der letzten Jahre?

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