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Eine kleine Geschichte der Zuger Zensur
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Wir haben gefragt, deshalb dürfen wir das zeigen: Vasella mit Gesicht. (Bild: zvg. )

Weg damit! Eine kleine Geschichte der Zuger Zensur

4 min Lesezeit 02.05.2017, 11:04 Uhr

Die Aktion zweier Zuger Regierungsräte gegen Jungpolitiker wirkt womöglich etwas übertrieben. Dabei geht vergessen: Zensur hat im Kanton Zug Tradition. Von Erotik bis Religion. Zeit für eine kleine Zuger Zensur-Geschichte.

Die beiden Plakate, die den beiden Regierungsräten Heinz Tännler und Matthias Michel jüngst sauer aufstiessen, sind nicht die ersten, die in Zug ein magistrales Njet kassieren. Genau dasselbe ist einer ganz anderen Gruppierung 2009 widerfahren, die zwar noch besser gelaunt daherkam als die Plakataktion der Zuger Jungparteien, aber ein ähnlich gefährliches Gedankengut in der Öffentlichkeit platzieren wollten.

Das streitbare Plakat der «Freidenker» formulierte freundlich: «Da ist wahrscheinlich kein Gott. Also sorg dich nicht, geniess das Leben.» Die Stadt Zug liess das nicht auf sich sitzen und verbot kurzerhand das Plakat. Respektive: Gab der APG die Empfehlung ab, doch auf den Aushang zu verzichten. Welche wiederum natürlich der Empfehlung der Stadt folgte, auf deren Grund sie ihre Plakatwände vermarkten darf.

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Böse Vermutungen im beschaulichen Zug.

Böse Vermutungen im beschaulichen Zug.

(Bild: screenshot)

So richtig verbieten dürfe die Stadt keine Plakataushänge, schrieb der Stadtrat in einer Antwort auf eine diesbezügliche Interpellation. Aber warum überhaupt? Die damalige Stadträtin Andrea Sidler sagte zur LZ: «Wenn man diesen Spruch umkehrt, heisst es, wer an Gott glaubt, geniesst das Leben nicht.» Und das geht natürlich nicht. Die Folge des Verbots: Die Zuger glauben immer noch an Gott. Zumindest einige. Wenigstens die, die es auch vorher schon gemacht haben. Oder auch nicht.

Empfindlich sind wir bei der Religion

Es ist aber auch schwierig für eine Regierung – wie man es macht, macht man es falsch. Besonders bei religiösen Themen. Der Aufschrei der Katholiken war gross, als die Zuger Regierung im alten Kantonsspital christliche Wandmalereien entfernen liess (zentralplus berichtete).

Allerdings war das Kopfschütteln der Zuger Kunstfreunde genauso gross, als die Stadtregierung 1957 dasselbe aus gegenteiligen Motiven tat: Die Fresken des Sakralmalers Ferdinand Gehr in der Oberwiler Kirche waren dem Stadtrat zu modern. Zensur in Form eines Vorhangs musste her. Erst sieben Jahre später konnten die Fresken gezeigt werden. Gehr gilt heute als einer der wichtigsten Sakralmaler der Schweiz im 20. Jahrhundert. Da haben wir gerade noch die Kurve gekriegt. In der Gemeinde Wettingen etwa hat man Gehrs Fresken vor Empörung zerstört, statt nur den Vorhang gezückt.

Die Malereien waren vielen zu modern: Fresken von Ferdinand Gehr.

Die Malereien waren vielen zu modern: Fresken von Ferdinand Gehr.

(Bild: zvg.)

«Obwohl wir den Film selbst nicht kennen, möchten wir Ihnen nahelegen, auf die Aufführung zu verzichten»
Der Zuger Regierungsrat, 1975

Zu schlüpfrig für das saubere Zug

Wenigstens mit dem zweiten Satz der «Freidenker» sind die Zuger wohl einverstanden. Das Leben geniessen sie auf jeden Fall. Zumindest heute. Früher war das wohl etwas verbissener. Anders ist das nächste Verbot nicht zu erklären. Denn als der Edel-Erotik-Streifen «Emanuelle» in den 70erjahren durch die Kinos Europas flimmerte, regte sich in Zug Widerstand.

Der Zuger Regierungsrat verbot kurzerhand die Ausstrahlung des Films per Brief. Natürlich ohne, dass er ihn sich angesehen hätte. Sagt er. Der Regierungsrat. «Obwohl wir den Film selbst nicht kennen, möchten wir Ihnen nahelegen, auf die Aufführung zu verzichten», schreibt der Justiz- und Polizeidirektor 1975 an die Kino Hürlimann AG. Ein Freund eines Freundes hat ihn wohl gesehen, den Film, und ihn ganz schlimm gefunden. Wirklich.

«Wenn der Streifen in Paris oder Zürich gezeigt werden darf, so muss dies auch in Zug möglich sein. Sonst verkommen wir zu Hinterwäldlern»
Bruno Ulrich

Der Streifen wurde dann aber doch noch gezeigt – denn das Verbot rief Bruno Ulrich auf den Plan, der 1976 die Zuger Kinos übernahm. Und den Film prompt ins Programm aufnahm. Ergebnis: Eine Demonstration von rund 50 Sittenwächtern aus der ganzen Zentralschweiz, Drohungen und übellaunige Telefonanrufe. Ulrich blieb kühl.

«Wenn der Streifen in Paris oder Zürich gezeigt werden darf, so muss dies auch in Zug möglich sein. Sonst verkommen wir zu Hinterwäldlern», erinnerte sich Ulrich 2014 gegenüber der Zuger Zeitung. Verklagt wurde er dann auch nicht von der Regierung, sondern von einem Steinhausener Lehrer, der sich den Film vorher wenigstens angesehen hatte, um sich von seiner Schändlichkeit zu überzeugen. Ohne Erfolg: Das Gericht gab Ulrich Recht.

Wir haben gefragt, deshalb dürfen wir das zeigen: Vasella mit Gesicht.

Wir haben gefragt, deshalb dürfen wir das zeigen: Vasella mit Gesicht.

(Bild: zvg.)

Bei Vasella hats funktioniert

Ein ganz konkretes Zuger Vorbild für seine Konteraktion hat der Regierungsrat allerdings in einer anderen prominenten Figur. Und wieder war eine Jungpartei im Spiel. Diesmal allerdings die Juso Schweiz. Die Rede ist von Daniel Vasella, der bis 2013 in Risch in einer Villa am Zugersee wohnte.  Für ihre Kampagne zur 1:12-Initiative bastelte die Juso Vasellas Kopf in einer Fotomontage auf einen nackten Körper, dazu die Botschaft: «Abzocker, zieht euch warm an».

Vasella drohte 2010 mit Klage, worauf die Jungpartei mit ironischer Selbstzensur reagierte: Über Vasellas Augen legte sie einen Zensurbalken in Form einer Tausendernote, wie der «Tagesanzeiger» berichtete. Guter Versuch, aber nicht gut genug: Vasella liess nicht locker und zog die Juso bis vors Bundesgericht. Wo er, Überraschung, verlor.

Dank dem Tausender über Vasellas Gesicht, ist er beinahe nicht mehr zu erkennen.

Dank dem Tausender über Vasellas Gesicht, ist er beinahe nicht mehr zu erkennen.

(Bild: JUSO Schweiz)

Die Argumentation des Bundesgerichts von 2014: «Die nicht auf ihn als Privatperson zielende karikierende Darstellung» erscheine «im Rahmen der politischen Auseinandersetzung» gerade noch tolerierbar. Juso-Präsident Fabian Molina sagte damals zu «20 Minuten»: «Das Urteil ist nicht nur ein Sieg für die Juso, es ist vor allem ein Sieg für alle, die die Mächtigen weiterhin ungestraft kritisieren wollen.»

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