Wie viel heisse Luft steckt in Medienmitteilungen die zentral+ erreichen? Der Schwurbel-O-Meter ist ein knallhartes, vor allem aber vergnügliches Analyse-Instrument. (Bild: Emanuel Ammon)
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Wie viel heisse Luft steckt in Medienmitteilungen die zentral+ erreichen? Der Schwurbel-O-Meter ist ein knallhartes, vor allem aber vergnügliches Analyse-Instrument. (Bild: Emanuel Ammon)

Parteien produzieren am meisten heisse Luft

7min Lesezeit

Der «BlaBla-Meter» ist ein höchst amüsantes Internet-Tool. Lässt man Texte durch diese Maschine rattern, berechnet sie, wie viel heisse Luft in ihnen steckt – oder anders gesagt, wie viel die Schreiber schwurbelten. zentral+ erstellte für Medienmitteilungen der letzten drei Monate eine Schwurbel-Rangliste. Diese zeigt, dass nicht nur PR-Texte von Firmen anfällig sind für einen hohen «Bullshit-Index». Das ist der Wert, den die Maschine ausspuckt. Auch die Behörden reden gerne um den heissen Brei herum. Ausserdem stellt sich auch die zentral+-Redaktion dem «Schwurbel-O-Meter». 

Schwurbeln, geschwurbelt, Geschwurbel, schwurbelig. Der Begriff hat auf der zentral+-Redaktion derzeit Hochkonjunktur. Für jene, die das Wort «Schwurbel» noch nicht kennen, sei zunächst auf einen Eintrag im Duden verwiesen. Seit 2004 ist dort «schwurbelig» eingetragen. Es sei umgangssprachlich und bedeute «schwindlig» oder «verwirrt». Etwas mehr weiss wie immer die allwissende Plattform Wikipedia zum «Geschwurbel»: «Geschwurbel ist ähnlich wie Geschwafel ein abwertend gebrauchter Ausdruck der Umgangssprache für vermeintlich oder tatsächlich unverständliche, realitätsferne oder inhaltsleere Aussagen.»

«Es stinkt gewaltig nach heisser Luft»

Was also liegt näher, als eine Top-Ten der Schwurbler zu erstellen? Dazu werteten wir unzählige Medienmitteilungen aus, die uns seit Dezember erreicht haben (siehe Box). Es sei noch vorne weggenommen, dass wir uns für einmal selbstkritisch zeigen und auch unsere eigenen Texte durch den BlaBla-Meter rattern lassen. Zunächst sind jetzt aber einmal die anderen dran.

Platz eins geht an die Zuger FDP mit der Medienmitteilung: «Bevorstehende Chancen richtig nutzen». Der Text erhält den «Bullshit-Index» 0,92. Dazu sagt der BlaBla-Meter: «Es stinkt gewaltig nach heisser Luft! Auch wenn Sie PR-Profi, Politiker, Unternehmensberater oder Universitätsprofessor sind – beim Eindruck Schinden sollten Sie Ihre Aussage nicht vergessen.»

Eine solche Medienmitteilung enthält gewisse Abschnitte, die sogar die Marke «1» knacken. Hier ein Beispiel daraus:

Privates Engagement braucht politischen Willen. Gerade die kürzlich präsentierte Entwicklungsstrategie der Metall-Zug auf dem Areal der V-Zug zeigt, wie innovativ Private sind: Mit klarem Bekenntnis zum Standort Zug möchte das Unternehmen seinen Industriestandort ausbauen und weiterentwickeln: Auch innovative Partner, Start-ups, Werkstätten, Labors und Schulen sollen auf dem Areal Platz finden und so einen Innovationscluster bilden. Ebenso begrüssenswert ist der Entscheid der Siemens Building Technologies, ihren Standort in Zug weiterzuentwickeln, die enorme Entwicklung der Roche Diagnostics in Risch und vieler anderer Unternehmen. Sie beweisen damit, dass der Industriestandort Zug Bestand hat und sich weiterentwickeln kann und muss.

BlaBla-Meter misst den «Bullshit-Index»

Zur Bewertung der Medieninformationen nutzten wir das Internet-Tool «BlaBla-Meter». Nach Eingabe eines beliebigen Textes berechnet das Tool den «Bullshit-Index». Je näher der Index bei «1» liegt, desto mehr heisse Luft produziert der Verfasser. Ausserdem gibt es zum Index jeweils noch eine kurze Beschreibung. So heisst es bei einem «Bullshit-Index» von 0, 92 – der höchste von uns evaluierte Wert: «Es stinkt gewaltig nach heisser Luft!»

Unsere Schwurbel-Rangliste ist in etwa so repräsentativ und wissenschaftlich fundiert wie der BlaBla-Meter selbst. Auf der Webseite heisst es dazu: «Das BlaBla-Meter kann die Inhalte nicht wirklich verstehen, es orientiert sich an sprachlichen Merkmalen. Man kann zum Beispiel einigen Boulevardmedien jede Menge inhaltlicher Schwächen vorwerfen, sprachlich formulieren sie in der Regel kurz und prägnant.»

Wie funktioniert denn der BlaBla-Meter? So genau weiss das niemand. «Alle Details wollen wir nicht verraten», schreibt dazu der Anbieter. Wir wissen nur, dass die Texte auf verschiedene sprachliche Merkmale geprüft werden. Sätze mit vielen Substantiven und wenigen Verben erhalten einen hohen «Bullshit-Index».

Zu diesem Abschnitt sagt der BlaBla-Meter (Index 1,03): «Glückwunsch, Ihnen ist es tatsächlich gelungen, unsere Bullshit-Skala von 0 - 1 zu sprengen! Diesen Text tut sich ein Leser wohl nicht freiwillig an, aber uns haben Sie beeindruckt.»

Fairerweise muss auch erwähnt werden, dass ein nachfolgender Abschnitt im selben Text nur einen Index von 0,27 erhält. Das heisst soviel wie: «Ihr Text zeigt erste Hinweise auf ‹Bullshit›-Deutsch, liegt aber noch auf akzeptablem Niveau.»

Auf Rang vier bereits die Verwaltungen

Auf einem ähnlichen Niveau bewegen sich die Texte der Metall Zug AG und der Kommunikationsagentur media-work. Danach folgen auf den Rängen vier und fünf bereits die kantonalen Verwaltungen. Die Medienverantwortlichen des Kantons Luzern und Zug schwurbeln in ihren Mitteilungen. Der BlaBla-Meter sagt zu zwei getesteten Mitteilungen: «Sie müssen PR-Profi, Politiker, Unternehmensberater oder Universitätsprofessor sein! Sollten Sie eine echte Botschaft transportieren wollen, so erscheint es fraglich, ob diese Ihre Leser auch erreicht.»

«Wollen die uns einen Bären aufbinden?» fragen wir uns nach der Analyse der Mitteilung des Kantons Zug zur Prämienverbilligung und jener der Kantonspolizei Luzern im Zusammenhang mit der Polizei-Affäre um Beat Hensler. Deren Bullshit-Index liegt bei 0,57 und 0,56. Das beschreibt der BlaBla-Meter so: «Sie wollen etwas verkaufen oder jemanden tief beeindrucken. Es wirkt unwahrscheinlich, dass damit auch eine klare Aussage verbunden ist - und wenn ja: wer soll das verstehen?»

Die Einleitung der Medienmitteilung zur Polizei-Affäre:
Der Regierungsrat hat beschlossen, die Funktionen in der Geschäftsleitung der Luzerner Polizei zu entflechten und neu zu ordnen. Er zieht damit Konsequenzen aus einem externen Untersuchungsbericht. Die neue Führungsstruktur ergänzt bereits eingeleitete Massnahmen, welche die Organisationsentwicklung auf Führungsebene, die Grundlagen der Polizeiarbeit sowie einzelne Arbeitsverhältnisse betreffen.

Wenig heisse Luft produzierten hingegen die Luzerner Kantonalbank beim Rücktritt von CEO Bernard Kobler (0,39) und ALDI Schweiz (0,35): «Ihr Text zeigt schon erste Anzeichen heisser Luft. Für Werbe- oder PR-Sprache ist das noch ein guter Wert, bei höheren Ansprüchen sollten Sie vielleicht noch ein wenig daran feilen.»

Aus der ALDI-Mitteilung:
Um alle Lernenden auf ihren Einsatz in der Filiale Sursee ideal vorzubereiten, hat ALDI SUISSE ein spezielles Schulungs-Programm umgesetzt. Emmanuele Di Carlo, Regionalverkaufsleiter und Verantwortlicher für das Lehrlingsfilialen-Projekt, erklärt: «Unsere Lernenden sind die Zukunft der Branche. Daher liegt es in unserer Verantwortung, sie optimal an ihren zukünftigen Aufgabenbereich heranzuführen. Mit der selbständigen Leitung einer Filiale bietet ALDI SUISSE ein wegweisendes Ausbildungsprojekt, das nach erfolgreicher Umsetzung schweizweit adaptiert werden kann.»

Schliesslich zum Selbsttest: Wir haben die 12 aktuellsten Texte aus den Ressorts Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur vom BlaBla-Meter unter die Lupe nehmen lassen. Wenn auch ab und zu etwas geschwurbelt wird, sind wir doch erleichtert: Im Durchschnitt liegt der Bullshit-Index bei 0,23. Zwei Texte knackten die Marke 0,3. Erleichtert sind wir, weil der BlaBla-Meter sagt: «Hochwertige journalistische Texte liegen in der Regel zwischen 0,1 und 0,3.»

Der vorliegende Text weist einen Index von 0,35 auf. Das heisst er ist vergleichbar mit der ALDI-Mitteilung. Hoppla. Doch für einmal können wir damit ganz gut leben.

Die Top-Ten der Schwurbler

1. FDP. Die Liberalen (Zug)
«Bevorstehende Chancen richtig nutzen», Bullshit-Index 0,92

2. Metall Zug AG/V-ZUG AG
«V-ZUG setzt auf Technologie und Innovation», Bullshit-Index: 0,83

3. media-work gmbh
«Der Journalist Roman Schenkel verstärkt die Agentur media-work», Bullshit-Index: 0,7

4. Kanton Luzern
«Unigesetz wird den veränderten Rahmenbedingungen angepasst», Bullshit-Index: 0,67

5. Kanton Zug
«Kanton Zug optimiert die Beleuchtung von Fussgängerstreifen», Bullshit-Index: 0,65

6. Gemeinde Cham
«Erfolgreiche Schadstroffsanierung im Schulhaus Städtli 1 in Cham», Bullshit-Index: 0,61

7. Kanton Zug
«Auf die Zuger Prämienverbilligung ist auch 2014 Verlass», Bullshit-Index: 0,57

8. Kantonspolizei Luzern
«Luzerner Polizei: Regierungsrat ordnet Polizeiführung neu», Bullshit-Index: 0,56

9. Luzerner Kantonalbank
«Bernard Kobler tritt als CEO zurück», Bullshit-Index: 0,39

10. Aldi Schweiz (Standort Sursee)
«Übung macht den Leiter: ALDI SUISSE startet Pilotprojekt ‹Lehrlingsfiliale in Sursee LU›», Bullshit-Index: 0,35

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