Pascal Jund posiert mit dem Rennauto von 2017 «pilatus» am Genfer Autosalon. (Bild: Pascal Jund)
Gesellschaft Technik

Pascal Jund posiert mit dem Rennauto von 2017 «pilatus» am Genfer Autosalon. (Bild: Pascal Jund)

Ihre Autos beschleunigen in eineinhalb Sekunden auf 100 km/h

8min Lesezeit

Sie schrauben, montieren, testen an ihren Rennautos. Seit zwei Jahren arbeiten fünf Studenten der Hochschule Luzern an elektrischen Rennmaschinen und revolutionieren zu einem Teil die Automobiltechnik. Der Bachelorstudent Pascal Jund war einer davon und stellte den neusten Prototypen kürzlich am Genfer Autosalon vor.

Was die Blue Fire im Europapark Rust in 2,5 Sekunden erreicht, schafft das Elektrofahrzeug «grimsel» in 1,513 Sekunden. In dieser Zeit beschleunigt das Rennauto von 0 auf 100 km/h. Während beim Start der Blue Fire eine Beschleunigung von 1 G auf den menschlichen Körper wirkt und diesen in den Sitz drückt, sind es im «grimsel» doppelt so viele. Diese Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 1,513 Sekunden hat «grimsel» den Weltrekord für Elektroautos im Jahr 2016 eingebracht – und dieser Rekord ist bis heute ungebrochen.

Die Geschichte des AMZ

Gegründet wurde der Akademische Motorsportverein Zürich (kurz: AMZ) 2006 von Studenten der ETH Zürich. Von Anfang an mit dabei war auch die Hochschule Luzern. Seither hat der Verein jedes Jahr einen Prototypen für die Teilnahme an verschiedenen «Formula Student»-Wettbewerben in Europa produziert. «Formula Student» ist der weltweit grösste Wettbewerb für Ingenieure. Der Verein ist finanziell unabhängig und wird von Finanz-, Fertigungs- und Teilsponsoren sowie Instituten verschiedener Schweizer Universitäten unterstützt.

Der AMZ ist das erste Schweizer Team in der «Formula Student». Seit 2015 gibt es ein zweites Schweizer Team, das am Wettbewerb teilnimmt: die Bern Formula Student. Pascal Jund weiss, mit welchen Herausforderungen das junge Team kämpft: «Vor allem der Anfang eines solchen Projektes ist schwierig. Wir helfen ihnen mit unserem Know-how, falls Fragen auftreten würden. So haben sie jederzeit die Möglichkeit, von unserer Erfahrung zu profitieren.»

Die Studenten sind jeweils ein Jahr aktiv dabei. Dieses Jahr arbeiten fünf Elektrotechniker und zwei Maschinentechniker der Hochschule Luzern und rund 20 Studenten der ETH Zürich beim Bau eines elektrischen Rennautos mit. Pascal Jund war ihm Jahr 2016 einer von ihnen und entwickelte das Rennauto «gotthard». Ein Jahr später, im März 2017, stellte Jund es am Autosalon den Sponsoren und dem interessierten Publikum in Genf als Eye-Catcher für den Auto Gewerbe Verband Schweiz vor. Heute arbeitet Jund als Assistent für Elektrotechnik an der Hochschule Luzern. 

Und was war das Besondere am Weltrekord-Rennauto von 2016? «Ursprünglich stammt es aus dem Jahr 2014», sagt der 25-jährige Ruswiler Pascal Jund. «Ein Team arbeitete am ‹grimsel›, dem Auto von 2014, und entwickelte es weiter. Mein Team arbeitete an ‹gotthard›, einem neuen Auto», erinnert sich Jund. Die beiden Autos starteten aber in unterschiedlichen Rennen mit unterschiedlichen Disziplinen. So nahm das Weltrekord-Auto «grimsel» nur am «Guiness World Record»-Rennen teil.

Allerdings hat das Rennauto «grimsel» in dieser Disziplin nicht nur aufgrund der hohen Geschwindigkeit gewonnen, sondern auch hinsichtlich Konstruktion, Leistung, Finanzplanung und Verkaufsargumenten.

Hier beschleunigt der «grimsel» in 1,513 Sekunden von 0 auf 100 km/h – Weltrekord.

«Unser Innovationsgeist ist unsere Motivation»

Rekorde wie jener aus dem Jahr 2016 sind massgeblich für das Projekt AMZ. «Das massenmediale Echo war nach dem Rekord riesig. Dadurch stieg auch der Bekanntheitsgrad des Projekts AMZ», sagt Pascal Jund. So war es einfacher, talentierte Studenten auf das Projekt aufmerksam zu machen. «Viele Studenten schreckt es ab, wenn ich ihnen sage, wie viele Stunden am Tag ich für das Rennauto arbeite. Das relativiert sich jedoch mit den Möglichkeiten, die sich später eröffnen.»

«Innovationsgeist! Wir müssen immer und überall an das Limit des technisch Machbaren gehen.»

Pascal Jund, ehemaliger Projektteilnehmer des AMZ

Bis heute führt der AMZ die Rangliste der «Formula Student» an. Diesen Rang möchte man auch in den kommenden Jahren verteidigen. Deshalb werden auch nicht alle interessierten Studenten aufgenommen. Die Auswahlkriterien berücksichtigen deshalb auch die Leistungen im Grundstudium und die Bereitschaft, eine Menge Zeit in das Projekt zu investieren.

Der AMZ führt die Weltranglisten-Tabelle auch vor dem «MIT» aus den USA an.
Der AMZ führt die Weltranglisten-Tabelle auch vor dem «MIT» aus den USA an.

Die Arbeit ist zeitaufwändig und jeden Tag stressig, insbesondere vor den Rennen im August. Trotzdem hat sich Pascal Jund 2016 entschieden, seine ganze Energie in das Projekt zu investieren. Wieder drängt sich die Frage auf: Welche Motivation steckt hinter diesem Entscheid? Jund: «Innovationsgeist! Wir müssen immer und überall an das Limit des technisch Machbaren gehen, um das Auto schneller und besser zu machen, ständig neue Dinge ausprobieren und bauen das Rennauto schliesslich anhand der besten Kompromisse zusammen.» Und in Junds Fall schaute am Ende noch eine interessante Bachelorarbeit heraus.

Autoriese «Tesla» sucht Talente

Der enorme Zeitaufwand ist für Jund aber kein Grund, sich nicht für das Projekt anzumelden und mitzumachen: «Ich habe in diesem Jahr mein theoretisches Wissen der Hochschule optimal mit der Praxis verbinden können. Und: Ich habe neue Bekanntschaften geknüpft.» Ausserdem helfe man sich in der «Formula Student» gegenseitig aus. Anders in der Formel 1: Dort herrsche Konkurrenzkampf pur.

Durch die Bekanntschaften eröffneten sich Pascal Jund nicht nur neue berufliche Perspektiven. Er und seine Kollegen haben dadurch auch Jobangebote des Elektroautomobil-Riesen «Tesla» erhalten. Jund: «Die Autohersteller strecken insbesondere an diesen Wettbewerben ihre Fühler nach Talenten aus.»

«Der einzige Lohn, den wir am Ende erhalten, sind gute Renndaten der Autos.»

Pascal Jund, ehemaliger Projektteilnehmer des AMZ

Abschreckend wirkt auch die Bezahlung – die Studenten arbeiten ehrenamtlich. «Der einzige Lohn, den wir am Ende erhalten, sind gute Renndaten der Autos. Sie spiegeln sich in den Zahlen.» Und diese haben es in sich. Danach gefragt, was Junds eindrücklichste Erfahrung war, antwortet er: «Als ich einmal in den ‹gotthard› sitzen durfte und davonraste.» Normalerweise dürfen das nur routinierte Studenten, die bereits Rennerfahrungen mit Go-Karts oder ähnlichen Fahrzeugen besitzen.

Das Fahren in einem Elektroauto könne man nämlich nicht mit dem Fahren in einem normalen Auto oder in einem Go-Kart vergleichen. Jund: «Die Kraft, die während des Starts auf den Körper wirkt, ist enorm – mit nichts auf der Welt vergleichbar, das ich bisher erlebte.»

Das AMZ-Team stellt sich vor und bietet Einblicke in seine Arbeit.

Studenten revolutionieren die Automobiltechnik

Auch in diesem Jahr war Pascal Jund einen Tag am 88. Internationalen Autosalon in Genf dabei und stellte den Nachfolger «pilatus» vor. Jund gehört aber nicht zum Team 2017, er ist Veteran im Team. Damit bezeichnet das AMZ-Projekt ein Mitglied, das mindestens ein Jahr an einem Rennauto des AMZ bei der Entwicklung mitgearbeitet hat. Allerdings steckt auch im Rennauto «pilatus» ein Stück Pascal Jund.

Als Freelancer entwickelte er den Motorenkontroller mit. Ein Teilstück, das Motor und Akku miteinander verbindet. Das war eine revolutionäre Handlung für das gesamte Projekt, weil das Stück das erste Mal vom Team selber entwickelt wurde. Ähnlich wie vor acht Jahren der Elektromotor, der in diesem Jahr bereits das achte Mal erfolgreich im Rennauto eingebaut ist.

«Das neue Rennauto hat gute Chancen, eine ähnliche Leistung wie seine Vorgänger zu erreichen.»

Pascal Jund, ehemaliger Projektteilnehmer des AMZ

Zurzeit steckt ein neues Projekt in den Kinderstiefeln: «eiger», das elektrische Rennauto von 2018. Jund: «Das neue Rennauto hat aufgrund seines Fahrwerks gute Chancen, eine ähnliche Leistung wie seine Vorgänger zu erreichen.»

Zahlen lügen nicht

Die Bachelor-Studenten entwickeln die Antriebskraft; revolutionieren die Motorentechnik; analysieren die Aerodynamik; verarbeiten neue Materialien; testen das Reifengummi auf der Rennstrecke. Sie verschmelzen Praxis und Theorie zu einem grossen Ganzen: einem elektrischen Rennauto, an dessen Ende die erhaltenen Rennzahlen im August aufzeigen, ob die Arbeit während eines Jahres gut oder schlecht war. Denn diese Zahlen lügen nicht.

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