«99 Prozent der Schiffskunden lieben unsere lauten Hornsignale!»
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Was wäre ein majestätisches Dampfschiff ohne sein Signalhorn? (Bild: zvg)

Bald Verbot auf dem Vierwaldstättersee? «99 Prozent der Schiffskunden lieben unsere lauten Hornsignale!»

3 min Lesezeit 4 Kommentare 13.07.2017, 13:06 Uhr

Die spinnen, die Zürcher: Die Schiffe auf dem Zürichsee dürfen ab sofort nicht mehr hornen – weil sich die Anwohner belästigt fühlen. Welch hübsche Tradition wird da über Bord geworfen! Ein ähnliches Hornverbot auf dem Vierwaldstättersee? Undenkbar, denn die lauten Signale gehören zu unseren Dampfschiffen, erklärt ein Schiffskapitän. Nur schon aus Sicherheitsgründen.

Zugegeben, mit 120 bis 130 Dezibel Lautstärke klingt ein Schiffshorn schon sehr schrill und ist für viele sensible Gemüter vielleicht gar nah an der Schmerzgrenze. Das ist durchaus mit stressigem Lärm einer Kettensäge oder eines Presslufthammers (120 Dezibel) oder gar dem Beiwohnen eines startenden Düsenjägers (130) vergleichbar. 

Als äusserst stressig empfand das Hornen der Kursschiffe in Zürich ein Seeanwohner, der sich mit einer Lärmbeschwerde ans Bundesamt für Verkehr gewandt hatte. Und Recht bekam – so fuhr er nun der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) voll vor den Bug: Diese muss seit vergangener Woche auf eine über 50-jährige Tradition verzichten. Die Kursschiffe dürfen ihre An- und Abfahrt am Steg nicht mehr mit einem kurzen Hornen ankündigen.

Kopfschütteln in Luzern

Da kann man in Luzern nur den Kopf schütteln. «Was für eine komische Geschichte, der jegliche Verhältnismässigkeit abgeht», erklärt Michel Scheurer, Chefnautiker und Kapitän der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV).

Das  Ganze erinnere ihn an Leute, die aufs Land ziehen und dann vom Bauern verlangen, dass er den Kühen die Glocken wegnehme, oder bei der Kirchgemeinde anklopfen, man solle bitte das Kirchengeläute abstellen.

«Das machen wir nicht aus Spass oder für die oft verzückten Touristen.»

Michel Scheurer, Chefnautiker und Kapitän der SGV

Natürlich gäbe es auch bei der SGV immer wieder mal vereinzelte Reklamationen. «Aber 99 Prozent der Schiffskunden lieben unsere lauten Signale!», freut sich Scheurer, den wir bei einer Fahrt auf dem Motorschiff Gotthard auf der Brücke erwischten. Als Co-Kapitän quasi, und schmunzelnd fügt er an: «Nicht, dass es dann heisst, ich hätte beim Fahren telefoniert.»

«Achtung, Kursschiff!»

Mit der Sicherheit wird nicht gescherzt, auch bei der SGV nicht. Denn mit den Schiffspfiffen werden Schwimmer, Pedalofahrer oder private Bootskapitäne gewarnt. Es sind durchaus Fälle bekannt, dass bei der Abfahrt ein Schwimmer schwer verletzt wurde. Doch das war auf dem Thunersee. Auf dem Vierwaldstättersee sind keine solchen Unfälle bekannt, weil eben beim Anlanden und Abfahren laut «gehornt» wird. «Das machen wir nicht aus Spass oder für die oft verzückten Touristen», erklärt Michel Scheurer. Sondern einfach um zu signalisieren: «Achtung, Kursschiff!»

Interessantes Detail: Bei Motorschiffen entsteht das Signal meist über ein elektrisch betriebenes Horn. Bei Dampfschiffen hingegen mit Dampf, welcher durch ein Signalhorn gepresst wird – mit dem visuellen Vergnügen vor allem für die ausländischen Gäste, dass herrlich weisser Dampf aufsteigt und die asiatischen Gäste gerne ihre Kameras zücken.

Dampf ablassen in sozialen Medien

Dampf lassen auch viele Schifffahrtsfreunde auf den sozialen Medien ab. Viele haben Mitleid mit den Zürchern. Und Werner Staubli stellte trocken auf Facebook die lakonische Frage: «Haben wir nicht andere Probleme?» In der Tat.

Im Video «hornen» die Schiffe bei der alljährlichen Dampferparade:

 

Das findet auch Ständerat Damian Müller, Präsident der Luzerner Dampferfreunde: «Einerseits ist das ein Wecksignal – auf das aber viele Leute mit einem Lächeln im Gesicht auf die Schiffe schauen.» Damian Müller ist allerdings froh, dass diese ganze Diskussion, die man auch immer mal wieder bei uns führe, in Zürich spiele. «Aber bei uns, seien wir ehrlich, gehört doch der jeweils individuelle Pfiff zum jeweiligen Schiff. Ich erkenne die Dampfschiffe schon am Klang ihres Pfiffs. Eine schöne Tradition, wie ich finde …»

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4 Kommentare
  1. Raffaele Keller, 15.07.2017, 11:31 Uhr

    Ich glaube der Beitrag ist etwas missverständlich. Das Bundesamt für Verkehr hat der Beschwerde Recht gegeben, dass die KURZEN Hornstösse nicht mehr erlaubt sind, das diese (wie bereits gesagt) eine Richtungsänderung ankünden. Warnsignale müssen 4 Sekunden dauern, und diese sind selbstverständlich nicht verboten worden, da sie eben der Sicherheit aller Seebenutzer dienen.
    Somit wird sich die Person, die die Lärmbeschwerde eingereicht hat, wohl künftig nicht mehr an kurzen Hornstössen stören, denn die wurden verboten, wenn es aber der Sicherheit dienlich ist, müssen die Kapitäne nun die langen Hornstösse durchführen.

  2. Marcel Moser, 13.07.2017, 16:02 Uhr

    Was viele der Leute nicht wissen, die Dampfpfeife oder eben das Horn ist ein Kommunikationsmittel unter den Schiffen und Booten. So weiss ein Bootsfahrer genau was der Kapitän des Kursschiffes vorhat. So bedeutet das Signal 1 mal lang; Achtung. 1 mal kurz ich will nach steuerbord drehen. 2 mal Kurz, ich will nach backbord drehen. 3 mal kurz meine Maschine läuft rückwärts. Eine genaue Beschreibung weiterer Signale würde hier nun den Rahmen des Exkurses sprengen.

  3. Raffaele Keller, 13.07.2017, 15:34 Uhr

    Ich finde es sehr gut, dass sich so viele Leute Pro-Horn mit Zürich solidarisieren. Erstens ist es Teil der Tradition und gehört zum Schifffahren einfach dazu, wie das auch Damian Müller betont, aber insbesondere ist es auch ein Sicherheitssignal für alle Benutzer des Sees.
    Das Bundesamt für Verkehr schafft hier einen ungünstigen Präzedenzfall! Ich hoffe sehr stark, dass diese Diskussion und insbesondere vermehrte Reklamationen nicht nach Luzern überschwappen. Es wäre für die Tradition schade, aber es wäre vor allem auch ein Sicherheitsrisiko!

  4. Heinrich Vogelsang, 13.07.2017, 15:10 Uhr

    Auf dem Vierwaldstättersee gibt es vielleicht kein Verbot, aber eine Art Selbstzensur. Fragt nach bei Kapitän Kuno Stein, der jahrelang mit der «Schiller» gegen acht Uhr abends in Luzern eintraf. Statt ein Hornsignal ertönte jeweils nur ein jämmerliches Winseln aus der Dampfpfeife. Grund war ein Rüffel, der ihm von einem früheren VR-Präsidenten der SGV verpasst worden war. Der fürchtete um den die Nachruhe der Betagten in der Klinik Sankt Anna und andern Häusern an der Halde, die nach seiner Ansicht um 19.45 Uhr schon schlafen würden ….

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