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3-Tonnen-Heinz lässt die Hüllen fallen
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Hier kommt Heinz! Bis zur Enthüllung diesen Samstag bleibt die Statue am Kreisel Kreuzstutz verhüllt.

Luzerner Strassenfeger wird zur Kreisel-Figur 3-Tonnen-Heinz lässt die Hüllen fallen

5 min Lesezeit 1 Kommentar 09.09.2016, 15:59 Uhr

Die Statue ist aus Beton, satte 3,5 Meter hoch, drei Tonnen schwer und verhüllt. Unter den Tüchern steckt Heinz, der Strassenkehrer. Jedenfalls das Abbild von ihm. Ab Samstag thront das Kunstwerk mitten im Kreisel Kreuzstutz. Endlich: Die Enthüllung fällt sechs Jahre nach dem Startschuss.

Der Kreisel Kreuzstutz ist Verkehrsknotenpunkt von der Baselstrasse gegen Emmen und Littau (zentralplus berichtete). Es ist laut, hektisch und rasant. Und mittendrin steht demnächst die Ruhe in Person: Heinz. Es ist die überdimensionierte Statue des ehemaligen Strassenkehrers Heinz Gilli. «Dass diese Figur so herauskommt, hätte ich nie im Leben gedacht!», sagt der 73-Jährige, lacht laut und nimmt im Altersheim Eichhof einen Schluck aus der Kaffeetasse. 

Pensionär wird prominent in Szene gesetzt

15 Jahre lang hat Heinz Gilli als Angestellter des Strasseninspektorats Stadt Luzern dafür gesorgt, dass es im Quartier sauber ist. Frühmorgens die weggeschmissenen Flaschen entsorgen, im Winter zu nächtlicher Stunde die Gehsteige vom Schnee räumen und mit Schaufel und Besen allerlei Dreck beseitigen. 

(Bild: Christine Weber)

«Jeden Tag war ich bis zu meiner Pensionierung 2008 unterwegs in meinem Revier zwischen Baselstrasse, Kreuzstutz bis zum Gütschwald. Ich kenne hier alles und alle.» Und jetzt wird der Pensionär prominent in Szene gesetzt: als riesige und sehr plastische Skulptur, die mitten im Kreisel platziert ist.

«Ich denke, das ist schon ein Kunstwerk. Und Christoph Fischer ist ja schliesslich ein Künstler.»
Heinz Gilli, ehemaliger Strassenkehrer

Das 3,5 Meter hohe Kunstwerk ist aus Beton gegossen, drei Tonnen schwer und wurde vom Künstler Christoph Fischer gefertigt. Noch ist das Werk verpackt, erst die Füsse lugen hervor. Enthüllt wird die überdimensionierte Figur diesen Samstag im Rahmen des «Riverside Fäscht am Fluss».

Ein Kunstwerk ist ein Kunstwerk

Dass ein Strassenkehrer einen so prominenten Platz bekommt in einer Stadt, ist einmalig. Was die Leute wohl davon halten werden? Gilli schmunzelt. «Ich nehme an, die Leute reagieren positiv. Die kennen mich hier ja alle, ich war mit jedem per Du.» Persönlich interessiere er sich nicht für Kunst. Aber dieses Objekt, gefertigt nach seinem Abbild, das gefällt ihm. «Ich denke, das ist schon ein Kunstwerk. Und Christoph Fischer ist ja schliesslich ein Künstler.»

«Jetzt werde ich ja fast noch berühmt. Das ist ein gutes Gefühl.» 

Als der Pensionär vom Künstler gefragt wurde, ob er Modell stehen würde für eine Skulptur, habe er sofort zugesagt. «Aber ich hatte keine Ahnung, dass es dann so was Grosses gibt. Das hat mich dann schon überrascht», sagt Gilli und schiebt nach: «Jetzt werde ich ja fast noch berühmt. Das ist ein gutes Gefühl.» Und eine willkommene Abwechslung im Alltag. Seit Heinz Gilli krankheitsbedingt im Altersheim Eichhof lebt, läuft ihm zu wenig. «Bis vor drei Jahren war ich immer im Quartier unterwegs. Der Betrieb und das Geschehen in der Stadt fehlen hier.» Dagegen helfe auch der schöne Garten im Eichhof nicht. «Was soll ich damit? Da läuft ja überhaupt nichts!»

Enthüllung, Quartierfest und Film

Die Einweihung der Kreiselfigur «Heinz» ist öffentlich und findet am Samstag, 10. September, um 13.30 Uhr beim Kreisel Kreuzstutz statt. Die Enthüllung findet im Rahmen des «Riverside Fäscht am Fluss» statt. Dieses findet von 14 bis 23 Uhr im Dammgärtli und am Reussufer statt. Während des ganzen Quartierfests gibt es Musik, Spiel und Speis und Trank aus aller Welt.

Über die Baselstrasse wird unter der Regie von Aldo Gugolz und Christina Caruso ein Kino-und-SRF-Dokumentarfilm gedreht, der noch dieses Jahr herauskommen soll. Darin spielen Heinz Gilli, der Künstler Christoph Fischer und die Entstehung der Statue eine zentrale Rolle.

Ein einziges Mal Schimpfen mit Tamilen

Heinz Gilli arbeitete nicht nur im Quartier Basel-/Bernstrasse (BaBeL), sondern lebte auch in einem der Häuschen bei der Unterführung an der Reuss. «Und zwar dort, wo die schönsten Sommerhütchen im Garten gewachsen sind», erzählt er nicht ohne Stolz. Er kennt die Gegend wie seine Hosentasche und lässt nichts Negatives auf dem Quartier sitzen. «Ein gefährlicher Ort!, sagen manche Leute. Aber das stimmt überhaupt nicht.» Während all den Jahren sei er nie mit wirklich brenzligen Situationen konfrontiert gewesen. Hie und da ein Unfall oder ein Einbruch in einem der umliegenden Häuser. Und einmal habe er die Tamilen zurechtgewiesen, die sich an der Ecke beim Bushäuschen treffen. «Nach dem Biertrinken sollen sie die Flaschen versorgen, habe ich gesagt. Aber nur einmal. Und genützt hat es nichts.»

In voller Pracht steckt ein Strassenfeger unter den Tüchern: 3 Tonnen schwer, 3,5 Meter gross und ein Sympathie-Träger für das Quartier.

In voller Pracht steckt ein Strassenfeger unter den Tüchern: 3 Tonnen schwer, 3,5 Meter gross und ein Sympathie-Träger für das Quartier.

(Bild: Christine Weber)

 

«Die Animierdamen haben dem Kreisel viel Betrieb und mir viel Reinigungsarbeit gebracht.»

Auf Trab gehalten vom Strassenstrich

Auf Trab gehalten wurde Gilli auch vom Strassenstrich. «Die Animierdamen, die bis vor ein paar Jahren herumgestanden sind, haben dem Kreisel viel Betrieb und mir viel Reinigungsarbeit gebracht.» Tempi passati. Die Damen sind jetzt im Industriegebiet Ibach. Der Kreisel Kreuzstutz wird nichtsdestotrotz täglich von 25’000 Fahrzeugen umrundet. Und wird dabei die nächsten Jahre von Kreisel-Wächter Heinz beobachtet, der nach dem Rechten sieht. So, wie es auch der Strassenkehrer Heinz Gilli gemacht hat.

In mehrerer Hinsicht eine überdimensionierte Sache

Die Kreiselgestaltung wurde vom Verein Basel-/Bernstrasse BaBeL in die Wege geleitet. 2009 wurde ein Wettbewerb lanciert, der Künstler Christoph Fischer bekam den Zuschlag. Eine gute Wahl, denn der Künstler kennt den Kreuzstutz und damit auch Strassenkehrer Gilli wie wohl kein zweiter: Während Jahren hatte er sein Atelier im Eckhaus am Kreisel und fertigte unzählige Skizzen von Beobachtungen und Ereignissen an diesem rastlosen «Unort». Daraus entstanden ist das viel beachtete Buch «Teufelskreisel Kreuzstutz».

«Es war ein Kraftakt. Ich freue mich extrem, dass Heinz jetzt fertig, montiert und demnächst enthüllt ist.»
Christoph Fischer, Künstler

Auch die aktuelle Skulptur ist von dieser Langzeit-Beobachtung inspiriert. «Es ist eine Hommage an Heinz Gilli. Auch nach seiner Pensionierung ist er täglich zum Kreisel gekommen und hat als stiller Betrachter dem Geschehen der Welt zugeschaut.» Dass es rund sechs Jahren vom Wettbewerb bis zur Umsetzung dauerte, hänge mit verschiedenen Umständen zusammen. «Das Vorhaben entpuppte sich als viel komplexer, denn ursprünglich angenommen», sagt Fischer.

Heinz lässt die Hüllen fallen

Nebst den vielen Vorschriften bezüglich Kreiselgestaltung generell sei auch der finanzielle Aspekt schwierig gewesen und es habe mehrere Anläufe gebraucht, um alles auf die Reihe zu bekommen. Unterstützt wurde das Projekt von der Stadt Luzern, diversen Stiftungen und Sachsponsoren. Die Kosten für die Figur beliefen sich auf rund 100’000 Franken. Für seine Arbeit kann sich der Künstler davon nur wenig abschneiden. «Der Stundenlohn beläuft sich gerade mal auf 13 Franken», sagt er und ergänzt: «Es war ein Kraftakt. Ich freue mich extrem, dass Heinz fertig, montiert und demnächst enthüllt ist», sagt der Künstler. Am Donnerstag spätabends hat der Transport stattgefunden. Das schwere Werk wurde mit Lastwagen aus Münchenstein, wo der Betonguss gemacht worden ist, nach Luzern gebracht und auf einem Betonfundament sicher montiert.  

Enthüllt wird die Skulptur diesen Samstag um 13.30 Uhr. Darauf gespannt ist auch der Protagonist aus Fleisch und Blut. «Ich bin natürlich auch vor Ort dabei und schon sehr neugierig, wie das dann aussieht», sagt Heinz Gilli und nimmt den letzten Schluck Kafi im schönen, aber etwas langweiligen Garten des Altersheims.

Im Basel-/Bernstrasse-Quartier BaBeL läuft immer etwas und Heinz Gilli war am ehemaligen Arbeitsort mit allen per Du.

Im Basel-/Bernstrasse-Quartier BaBeL läuft immer etwas und Heinz Gilli war am ehemaligen Arbeitsort mit allen per Du.

(Bild: zVg Christoph Fischer)

 

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1 Kommentare
  1. Thomas Meienberg, 11.09.2016, 17:23 Uhr

    danke für diesen bericht. ich als jahrzehtelanger bewohner dieses teils der stadt luzern, habe das fest sehr genossen. wenn es um kreativität, solidarität und lebensfreude geht, könnten noch einige luzerner, die in einer bevorzugter lage wohnen, etwas dazu lernen. hier gehts nicht nur um sozialromantische verklärung von multikulti. hier kennen wir alle die probleme und müssen zusammen damit leben. egal welcher herkunft. es war wieder einmal einfach wunderschön

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