Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Zwischen Seriosität und Freakshow
  • Politik
  • Politik
  • Wahlen
Die sechs Kandidaten oben kämpfen um die fünf Stadtratssitze. Die fünf unten sind chancenlos. (Bild: Montage les )

Rekord-Gerangel um Luzerner Stadtratssitze Zwischen Seriosität und Freakshow

5 Min 1 Kommentar 08.03.2016, 18:20 Uhr

Elf Kandidaten kämpfen um fünf Sitze. Doch fast die Hälfte davon ist völlig chancenlos. Sind solche Kandidaturen nur Egotrips, völlig überflüssig oder doch wichtig? zentralplus ging auf Spurensuche.

Die Eingabefrist für die Luzerner Stadtratswahlen ist abgelaufen. Zehn von elf wurden dabei im Vorfeld von zentralplus bereits angekündigt. Und auch der Elfte, der am 1. Mai ins Stadthaus gewählt werden will, ist ein alter Bekannter: Ex-Ständeratskandidat Rudolf Schweizer kandidiert als Aushängeschild seiner Partei «Parteilose-Schweizer.ch».

Tanzt der diesjährige Stadtratswahlkampf mit der Grosszahl chancenloser Kandidaten aus der Reihe? Ein Blick auf die vergangenen zwei Stadtratswahlen zeigt, dass zumindest die Zahl der Kandidaten stetig ansteigt. 2009 traten neun Kandidaten an, 2012 bereits zehn und dieses Jahr elf. zentralplus hat das Rekord-Kandidatenfeld unter die Lupe genommen und drei Arten von Kandidaturen unterschieden:

Unterstützen Sie Zentralplus
Ernsthafte Kandidaten
Adrian Borgula Grüne bisher
Stefan Roth CVP bisher
Manuela Jost Grünliberale bisher
Martin Merki FDP bisher
Peter With SVP neu
Beat Züsli SP neu
Jungpolitiker
Sina Khajjamian Junge Grüne neu
Yannick Gauch Juso neu
Karin Stadelmann JCVP neu
«Unter ferner liefen»
Rudolf Schweizer Parteilose-Schweizer.ch neu
Denis Kläfiger BDP neu

Was fällt auf? Fünf von elf Kandidaten gibt zentralplus keinen Kredit. Tönt hart, ist aber eine Tatsache. Zu den Jungparteien: Es ist ja lobenswert, wenn sich junge Menschen politisch engagieren. Aber das Regierungsamt, wofür sich die drei Jungen bewerben, ist anspruchsvoll. Es braucht Lebens- und vor allem Führungserfahrung – schliesslich geht es um die Zukunft einer Stadt mit 80’000 Einwohnern und einem Budget von über 600 Millionen Franken.

Die drei Betroffenen sehen die Problematik teilweise ein. Der Junge Grüne Sina Khajjamian (24) hält aber entgegen: «Ich bringe grosse Lernfähigkeit mit.» Der 21-jährige Yannick Gauch (Juso) sieht sich gegenüber den arrivierten Politikern sogar im Vorteil: «Ich kann unbeschwert und zielorientiert neue Herausforderungen anpacken.»

«Mit einem solchen Wahlkampf kommen sie günstig zu viel Aufmerksamkeit.»

Olivier Dolder, Politexperte

Von Respekt vor der Verantwortung des Amtes spricht hingegen JCVP-Kandidatin Karin Stadelmann (30). «Ich müsste mich in einigen Themen klar einarbeiten oder Know-how von aussen beiziehen», sagt sie. Aber irgendeinmal brauche es ja einen Anfang in der Politik. Sie alle kandidieren auch für das 48-köpfige Stadtparlament (zentral+ berichtete über die Ausgangslage).

Für die drei Jungpolitiker geht es in erster Linie darum, ins Rampenlicht zu drängen. Von links: Yannick Gauch, Sina Khajjamian und Karin Stadelmann.

Für die drei Jungpolitiker geht es in erster Linie darum, ins Rampenlicht zu drängen. Von links: Yannick Gauch, Sina Khajjamian und Karin Stadelmann.

3-Kampf ums Stadtpräsidium

Für das Amt des Stadtpräsidenten haben sich drei Kandidaten gemeldet. SP-Mann Beat Züsli möchte dem bisherigen CVP-Stapi Stefan Roth das Amt abjagen. Aussichtslos steigt Rudolf Schweizer ins Rennen von den «Parteilosen Schweizern».

Politexperte Olivier Dolder von Interface Politikstudien denkt auch, dass die drei Jungpolitiker keine Chance haben. «Aber es nützt ihnen natürlich bei der Wahl in den Grossstadtrat. Insbesondere Yannick Gauch könnte es gelingen, den Juso-Sitz zu ergattern.» Für Jungpolitiker gehe es in erster Linie darum, ihren Kopf bekannt zu machen. «Mit einem solchen Wahlkampf kommen sie günstig zu viel Aufmerksamkeit.»

Mini-Parteien ohne Chance

Zwei Kandidaten kann man getrost ganz abschreiben: BDP-Präsident Denis Kläfiger und Rudolf Schweizer von den Parteilosen Schweizern. Es genügt ein Blick auf die Parteistärken. Bei den Nationalratswahlen 2015 holte die BDP in der Stadt Luzern 1,4 Prozent der Parteistimmen und Schweizers 2-Mann-Partei lediglich 0,2 Prozent, was mickrigen 638 Stimmen entsprach. Mit diesem parteipolitischen Background einen Sitz im 5er-Stadtratsgremium zu fordern, ist absurd.

Die beiden Kandidaten Denis Kläfiger (links) und Rudolf Schweizer (rechts) haben keine Wahlchancen.

Die beiden Kandidaten Denis Kläfiger (links) und Rudolf Schweizer (rechts) haben keine Wahlchancen.

Dem kann Dolder zustimmen. «Ohne Partei im Rücken haben diese Kandidaten keine Chance.» Dolder erwähnt den Parteilosen Ex-Stadtpräsidenten Urs W. Studer: «Dieser verfügte über eine parteipolitische Vorgeschichte bei der FDP und war eine bekannte Figur.» Kläfiger und Schweizer hingegen können keinen Leistungsausweis vorweisen und sind mehr oder weniger unbekannt.

«Die SVP wird es schwer haben.»

Olivier Dolder, Politexperte

Nichtsdestotrotz hält Dolder fest: «Es ist absolut legitim, dass die fünf angesprochenen Politiker sich zur Wahl stellen.» Und es stelle auch überhaupt kein Problem dar. «In einem allfälligen zweiten Wahlgang ziehen sich solche chancenlosen Kandidaten meist zurück.»

Dolder sieht Jost im Vorteil

Zu den sechs «ernsthaften Kandidaten»: Die Bisherigen Merki, Roth und Borgula müssen kaum um die Wiederwahl zittern. Und dass die SP als stärkste Partei der Stadt ihren Sitz mit Beat Züsli verteidigt, steht auch ausser Frage. Läuft also alles auf ein Kopf-an-Kopf Rennen zwischen GLP-Stadträtin Manuela Jost und SVP-Präsident Peter With hinaus.

Von der Parteigrösse her ist klar, dass die SVP die Nase vorn hat. Doch die Volkspartei tut sich nach wie vor schwer mit Exekutivwahlen. In der Luzerner Stadtregierung war sie noch überhaupt nie vertreten. Jost kann aber auf den Bisherigen-Bonus zählen und ist zudem die einzige Frau in der Regierung.

«Dass die SP ihren Sitz verliert, ist quasi undenkbar.»

Olivier Dolder, Politexperte

Dolder sieht die Ausgangslage genau gleich. «Dass die SP ihren Sitz verliert, ist quasi undenkbar.» Und von den Bisherigen hätte sich niemand grossen Schnitzer erlaubt, so der Politexperte. «Die SVP wird es schwer haben», meint er.

Wer muss über die Klinge springen? Von links: Beat Züsli, Adrian Borgula, Stefan Roth, Peter With, Martin Merki und Manuela Jost.

Wer muss über die Klinge springen? Von links: Beat Züsli, Adrian Borgula, Stefan Roth, Peter With, Martin Merki und Manuela Jost.

Juso schlug jeweils die SVP

Auch ein Blick auf die Resultate ist interessant. 2012 schafften vier Kandidaten die Wahl im ersten Wahlgang (siehe Bild unten). Um den fünften Sitz stritten sich die GLP, die SVP und die SP. Im zweiten Wahlgang gelang es Manuela Jost, hauchdünn vor Beat Züsli den Sitz zu ergattern – SVP-Kandidat Rolf Hermetschwiler blieb chancenlos. A propos Beat Züsli: Dieses Jahr wird der Architekt die Wahl wohl im Schlafwagen schaffen.

Jungsozialist Adelino de Sa gelang 2012 im ersten Wahlgang eine Überraschung. Er landete vor dem abgestürzten SVP-Kandidaten Hermetschwiler. Trotzdem: de Sa hat die Kandidatur nicht als Sprungbrett für eine politische Karriere benutzt. Er ist heute nicht mehr politisch aktiv. Die beiden älteren Parteilosen Philipp Federer und Marc César Welti blieben bei der Wahl chancenlos.

Die Ergebnisse des 1. Wahlgangs in den Stadtrat aus dem Jahr 2012.

Die Ergebnisse des 1. Wahlgangs in den Stadtrat aus dem Jahr 2012.

2009, als es die SVP mit Kuhn versuchte

2009 gab es weder die Grünliberalen noch die BDP. Dafür wurde mit Urs W. Studer, wie von Dolder bereits angesprochen, ein Parteiloser im Amt des Stadtpräsidenten bestätigt. Mit dem damals umstrittenen Fahrlehrer Beat Stocker fungierte ein zweiter Parteiloser im Kandidatenfeld. Und von den Jungparteien traten nur die Jungen Grünen und die Juso in Erscheinung.

Spannendes Detail: Der heutige SP-Kantonalpräsident David Roth übertrumpfte im ersten Wahlgang SVP-Kandidat René Kuhn. Kuhn sorgte für Furore, etwa als er linke Frauen als verlumpte «Vogelscheuchen» bezeichnete. Seine politische Karriere war nach diesem Aussetzer beendet. Mit Roth hat in den vergangenen Jahren immerhin ein Jungpolitiker den Schwung aus dem Stadtratswahlkampf genutzt und Karriere gemacht. Von der Kandidatin der Jungen Grünen hingegen, Stefanie Wyss, hört man heute nichts mehr.

Die Ergebnisse des 1. Wahlgangs in den Stadtrat aus dem Jahr 2009.

Die Ergebnisse des 1. Wahlgangs in den Stadtrat aus dem Jahr 2009.

Sie mögen, was wir schreiben? Dann teilen Sie diesen Beitrag doch auf Facebook. Das freut Ihre Freunde und hilft uns, bekannter zu werden! 

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

1 Kommentare
  1. Samuel Kneubühler, 09.03.2016, 23:24 Uhr

    Der letzte Satz ist schlicht unsinn: Stefanie Wyss war fast dreieinhalb Jahre lang Gross-Stadträtin der Jungen Grünen (2010-13), bevor sie berufeswegen das Zepter an Laurin Murer weitergab.